Business Behaviour: Wenn die Witze peinlich werden

 

Das ist so ein Moment, in dem man sich am liebsten im nächsten Mäuseloch verkriechen möchte. Oder sich in Luft auflösen. Oder den Kollegen unterm Tisch vors Schienbein treten. Wenn der nämlich bei einer Kundenakquise plötzlich einen diskriminierenden Witz – über Frauen, Farbige oder Behinderte zum Besten gibt oder einen Österreicher-Witz vom Stapel lässt. Und dabei selbst am lautesten lacht. Denn, auch wenn man als Kollege nur ruhig daneben steht, so fällt seine launige Einlage doch zumindest auf die Company zurück.

Wie man als Kollege aus so einer Nummer wieder herauskommt?

Keine Bewertungen

Eins geht jedenfalls nicht: Ihm Vorwürfe zu machen nach dem Motto „Ihre Witze sind unangemessen.“ Denn darin liegt eine eindeutige Bewertung des anderen und die sollte immer vermieden werden, weil sie verletzend ist.

 

….und keine Ich-Botschaft

Fast genauso schlimm wäre jetzt die Ich-Botschaft: „Solche Witze mag ich nicht.“ Auch die ist peinlich für den anderen und wirkt wie ein Eklat – wenngleich sie weniger verletzt als die Frontal-Attacke. Die ist nämlich nur in einem Fall erlaubt: Wenn Alkohol und späte Abendstunden die Erklärung für die mangelnde Sensibilität des Witzbolds sind. Das ist Notwehr.

Gabriele Schlegel,  Inhaberin von Business Behaviour

Gabriele Schlegel, Inhaberin von Business Behaviour

 

Themenwechsel à la apropos

Bleibt also die Frage, was ist die diplomatischste Lösung bei miesen Witzen bei einer geschäftlichen Veranstaltung? Unauffälliger Themawechsel, am besten mit dem „Apropos“-Trick. Der funktioniert so: Man greift sich ein Wort aus dem letzten gesprochenen Satz raus und nutzt dieses Wort als Auftakt für ein anderes Thema wie „Apropos Frauen. Ich habe gelesen, dass Frauen die erfolgreicheren Gründerinnen sind. Sie wirtschaften viel sparsamer als Männer…“

 

Der Rückzug – aber konsequent

Handelt es sich nicht um den Kollegen und einen gemeinsamen Auftritt beim Kunden, sondern einfach nur die interne Weihnachtsfeier der Firma, bleibt Ihnen immer noch der Rückzug. Ganz zufällig entdecken Sie jemanden, den Sie „unbedingt noch begrüßen wollen“ und gehen auch konsequent umgehend dorthin.

Unangenehmer wird es bei einem gesetzten Essen, wenn Sie quasi auf Ihrem Platz festgenagelt sind und an Flüchten und Weggehen nicht zu denken ist. Sind sehr höfliche Menschen am Tisch, die das aufziehende Unheil mitbekommen, sollten sie aktiv eingreifen und ohne viel Aufhebens abzulenken versuchen. Profi-Gäste wissen, dass sie in der Pflicht sind, zum Gelingen des Abends aktiv beizutragen – und auf jeden Fall Eklats zu vermeiden. Ansonsten bleibt auch hier nur die Apropos-Lösung.

Am fatalsten wird die Lage aber dann, wenn der Erzähler der blöden Witze der eigene Chef ist. Wenn Nicht-Mitlachen zum einen die Akquise und zu allem Überfluss auch noch die eigene Karriere gefährdet. Funktioniert der Ablenkungsversuch via Themenwechsel nicht, bleibt nur noch dieses Rückzugsgefecht: „Ich bin kein Freund von Witzen, ich bin wohl zu realistisch. Ich glaube, das Thema Wahlen in den USA hat uns zu dem Witz verleitet. Inwieweit glauben Sie, wird die Finanzkrise die Wahlen in Deutschland beeinflussen?“ Das müsste auch dem weniger Sensiblen als klare Botschaft reichen.
Gabriele Schlegel/Claudia Tödtmann

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Alle Kommentare [5]

  1. Schönes Thema! Ich fürchte, ich persönlich oute mich in solchen Momenten als gänzlich ungeeignet für die Diplomatie, weil ich solche Witz prompt kommentiere („jaja, wie schon Prinz Philipp sagte: „guten Tag, Herr Reichskanzler!“ oder „da war er wieder, der Lübke: „Meine Damen und HErren, liebe Neger“.) Hilft aber sicher nicht, sich den Kollegen zum Freund zu machen, höchstens, den eigenen Ruf zu retten.

  2. Ich denke da ganz anders..
    Es gibt ja kaum etwas verkrampfteres als dieses politisch korrekte Durchforsten von Humor. Harald Schmidt sei Dank, der den Schneid hatte, auch Türkenwitze im Fernsehen zu reissen.
    Und ich liebe frauenfeindliche Witze, weil sie auch – und jetzt braucht es Gedächtnis und Phantasie – Anlass für einen männerfeindlichen Witz geben können.
    Wer schlagfertig ist, hat eben auch ein Gegenstück parat – auch Österreicher machen Witze über Deutsche. Ich finde mit Humor kann man sogar Diskriminierung überwinden: Von Tiger Wood ist übermittelt:
    Hockey is a game for white people.
    Basketball is a game for black people.
    And Golf is a game for white people who dress up like black pimps.
    Keinen Humor zu haben, bitte, dafür kann niemand was. Aber nicht schreiben zu können und es hier trotzdem tun,…?
    Fatal ist „tödlich“ – was ist bitte „am fatalsten“?
    Am „vollsten“ daneben.
    Danke für Ihre Aufmerksamkeit..
    TF

  3. @Fuegner: Eine schlagfertige, womöglich sogar geistreiche Replik oder gar ein Gegenwitz auf den platten diskriminierenden Witz ist niemals verkrampft. Leider wusste schon Brecht, dass Schlagfertigkeit das ist, was einem 24 Stunden später einfällt. Und wem sie nicht gegeben ist, der macht sich mit einem Kommentar halt schon mal lächerlich. Trotzdem sollte er es riskieren.
    Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen der Selbstironie eines Kaya yanar oder dem Sarkasmus eines Schmidt und der platten Blödheit von so manchem Kollegen.
    Kompromissvorschlag: Konter-Witze auswendig lernen!

  4. Wie man als Kollege aus so einer Nummer wieder herauskommt?

    Fallunterscheidung im Vorfeld:
    Das kommt darauf an, ob der Witz genauso diskriminierend gemeint ist oder ob derjenige garnicht weiß was er sagt oder…

    Vielleicht will er auch den Kunden im Vorfeld testen?
    Auch ist nicht geklärt was eine Frontal Attacke sein soll?

    Direkt über Schwierigkeiten zu sprechen ist gerade durch diese „Anerziehung“ von Verhaltensregeln, insbesondere durch Frauen und Mütter, das darfst du aber nicht und das darfst du, verpönt. Aufgrund von Bewertungen anderer ist ein Konflikt also nicht möglich? Wir werden das ganze Leben lang persönlich von der GrundschullehrerIn bis hin zum Uniabschluss bewertet und auf einmal darf der oder diejenige welche, ihr/sein ganzes Leben lang „Bewertete“ nichts sagen, weil er sonst jemand anderes bewerten würde.
    Hier liegt ein Grundsatzproblem vor, indem anderen Leuten vorgeschriebenwird, das darfst du und das darfst du nicht durch Benehmensregeln.
    Ich kann zu jemandem sagen du bist ein Depp, aber im nächsten Moment rette ich ihm das Leben. Was bitteschön hat Vorrang?

    Die saubere Rhetorik?

    Natürlich ist eine direkte Ansprache möglich, warum denn nicht?

    Weiteres Beispiel: Ich brauche einen Neger der mir den Rollstuhl schiebt.

    Mit Neger kann allerhand gemeint sein, auch ein Weißer. Wenn diese Floskeln im Sprachgebrauch integriert sind, z. B. gibe es Negerküsse zum Essen in Deutschland, die Kinder wachsen selbstverständlich mit diesem Begriff auf und selbst unbeteiligte Schwarze empfinden nichts dabei, erst in dem moment indem darüber geredet und dem ganzen eine Bedeutung beigemessen wird.

    Also was konkret ein Problem ist, ist nicht die Sprache, sondern dass gut integrierte Schwarze in Deutschland einfach abgeschoben werden können.
    Darüber darf geredet werden.