Die Toilettenpapierrolle verrät das Betriebsklima

Keller sind Orte der Wahrheit, sagen Makler gern bei Hausbesichtigungen. Schimmelige Kellerwände sind nämlich ein K.O.-Argument für Kaufinteressenten.
In Firmen gibt es andere Orte der Wahrheit. Räume, in denen man Rückschlüsse ziehen kann über den wahren Zustand eines Unternehmens sowie über das Betriebsklima: die Toiletten.
Findet man unreparierte Teile vor wie zum Beispiel den eingebauten Seifenspender – und der ist Monate später womöglich immer noch defekt-, so ist das kein gutes Zeichen. Hat die Firma sich selbst schon aufgegeben? Kümmert sich denn niemand? Irgendwie schon. Vermutlich ist kein Geld da für eine Reparatur zu vergleichsweise geringen Kosten. Oder: Es ist kaum Geld da und das schon gar nicht für so profane Erhaltungs- und Pflegemaßnahmen. Zumal für eine Reparatur, von der – so scheint es auf ersten Blick – nur die Mitarbeiter etwas haben. Und die scheinen es der Firma auch nicht wert zu sein. Geht es doch nur um die Reparatur eines Teils, das gesetzlich nicht vorgeschrieben ist. Eine Reparatur vor allem von einem Gegenstand, der nicht zur Fassade gehört und nicht für den ersten Eindruck der Besucher zuständig ist. Er gehört nicht zur Glamourfassade, sondern ist eben hinter den Kulissen.
Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind die Benutzer, die Mitarbeiter. Auch die hinterlassen Zeichen – hinter der Kabinentür. Ist die Toiletten-Papierrolle verbraucht bis auf die braune Papprolle und auf dem Spülkasten steht demonstrativ schon angebrochen die neue Rolle, so hat zumindest der letzte Toilettenbesucher nur wenig Team- oder Verantwortungsgefühl. Geschweige denn so etwas wie Fürsorglichkeit. Derjenige, der das letzte Blatt verbraucht hat, dem sind die nachfolgenden WC-Nutzer schlicht egal. Warum soll ausgerechnet er die alte Rolle abziehen und die neue Rolle anbringen? Soll sich doch ein anderer die Mühe machen.
Einen Tiefstpunkt hat das Betriebsklima erreicht, wenn man dieses Bild vorfindet: Die Rolle in der Halterung ist aufgebraucht und – jetzt kommt´s – auch die Rolle auf dem Spülkasten ist schon zur Hälfte weg. Dieses Bild spricht nämlich folgende Sprache: Zehn oder mehr Leute waren auf dieser Toilette, fanden die leere Rolle in der Halterung vor, suchten und fanden die Ersatz-Rolle, benutzen sie – ließen sie aber schnöde da stehen: auf dem Spülkasten an dem Platz, wo sie nicht hingehört. Weil die Geste, die leere Rolle auszuwechseln, nicht ihnen selbst zugute kommt, sondern dem Nächsten, der die Toilette nutzt. Der x-beliebige Kollege. Für den sind anscheinend zwei Handgriffe schon zuviel. So wenig schätzen die Mitarbeiter den gemeinen Kollegen wert, den Durchschnittskollegen – denn man weiß schließlich nicht, wer als nächster kommt. So wenig Verantwortungsgefühl haben diese zehn oder mehr Mitarbeiter gegenüber den Kollegen – und gegenüber ihrem Brötchengeber. Denn schließlich kann der ja auch nicht stündlich nachsehen lassen, ob denn auch noch genug Papier auf der Toilettenpapierrolle in der Halterung ist.
Merkwürdig, dass so viele Leute so sehr geizen mit zwei, drei Handgriffen in einem Moment, in dem sie ohnehin tatenlos herumsitzen.

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Alle Kommentare [6]

  1. Prima!

    Ich bin sofort von meinen Schreibtisch aufgesprungen, an dem ich vorher versucht habe den Zustand unseres Unternehmens aus endlosen Reportings zu deuten. Im Laufschritt durch alle Toiletten (hat bei den Damentoiletten natürlich zu Protesten geführt).

    Ergebnis: Betriebsklima Top, Unternehmenszustand Top!

    Zurück zum Schreibtisch und die Reportings in den Papierkorb. Feierabend. Danke Frau Tödtmann, mindestens 2 Stunden mehr Wochenende habe ich Ihnen zu verdanken!

  2. da fehlt noch der Zustand der Belüftung oder wird mit gekipptem Fenster gearbeitet?

    Nicht CO2-Minderungskompatibel ist die Lüftung im Winter wie Sommer mit dem gekippten Fenster. Besser ist ein geregelter Lüfter mit Bewegungssensor.

    Auch eine Beleuchtung die manuell bedient werden muss, ist zum einen unhygienisch zum anderen energieverschwendend.

    Hat die Toillette Spartasten?

    Die Verbräuche von Wasser und Energie sind auf Toilleten nicht zu verachten.

    Sehr gute Firmen haben auch diese Themen im Griff.

  3. Leider gibt es viel zu viele Mitmenschen die sich keine Gedanken über Den „danach“ machen.
    Manchmal wünsche ich mir, es wäre wie beim Bund.
    Dort muss man das „Örtchen“ selber sauber halten.
    Wenn man sich mit 70 Soldaten 10 WC teilt, lernt man alles sauber zu hinterlassen.

  4. Das it eine kreative, ungewöhnliche nichts desto Trotz sofort nachvollziehbare Betrachtungsweise. Klasse!