Jeder dritte Arbeitnehmer schaut auch am Abend noch auf seine Mails und ist übers Handy erreichbar – dem Job zuliebe. Für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte. Dagegen nehmen sich die vier Prozent, die auch am Wochenende auf Standby sind, wenig aus. Jederzeit sind 36 Prozent der Arbeitnehmer inzwischen erreichbar für berufliche Zwecke. Erforscht hat dies jetzt der High-Tech-Verband Bitkom aus Berlin in einer „repräsentativen“ Umfrage. Bemerkenswert ist, dass Männer mit 77 Prozent eifriger sind als Frauen mit 68 Prozent. Und: Ältere sind dienstbeflissener als Jüngere. Unter 29 Jahren sind es 53 Prozent, ab 30 Jahren aufwärts sind es 83 Prozent.Interessant übrigens, dass 30-Jährige für Bitkom schon als „Ältere“ gelten. Jugendwahn und Demografiefalle lassen grüssen. Solch ungeregelte Arbeitseinsätze missfallen Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer und fordert – na was wohl – Regeln!
Denn, so sein messerscharfer Schluss: Wer zuhause für den Job mailt (meist freiwillig, oder?), nutzt auch im Büro das Internet privat, so sein Fazit. Fragt sich nur, wer beim Saldieren draufzahlen müsste. Vielleicht bleibt derjenige, der in der Arbeitszeit bei Bofrost Essen oder bei H&M eine Hose bestellt, ja auch ebenso selbstverständlich länger fürs Kundengespräch im Büro, wenn`s sich so ergibt. Und schreibt die Zeit nicht auf – zumal die Sache mit dem Bewilligen von Überstunden ohnehin oft gar nicht zu schaffen ist. Weil eben abends in der Firma oft gar kein Vorgesetzter mehr da ist, der Überstunden bewilligen könnte. Und weil der Auftrag aber trotzdem pünktlich zu Ende gebracht werden muss. Verantwortungsvolle Mitarbeiter bleiben dann doch lange und schauen nicht zuerst danach, ob ihnen ihr Mehreinsatz gedankt und gutgeschrieben wird.
Ob Scheer diese Menschen im Auge hatte bei seinem Ruf nach einem Gesetz? Dann wäre er ein arger Nachzügler, denn die Rechtsprechung zum vorherigen Bewilligen-Lassen von Überstunden ist in der Hinsicht seit Jahren schon völlig weltfremd.
Oder meinte er den Umstand, über den sonst eher der „Stern“ schreibt: Dass sich Unternehmen plötzlich besinnen und in Kleinigkeiten verbeissen, um Mitarbeitern irgendein schuldhaftes Verhalten nachzuweisen – um letzten Endes Abfindungen zu sparen und Mitarbeiter kostenneutral loszuwerden? Auch eher nicht.
Oder ist es vielmehr so, dass mancher Mitarbeiter sich freut, wenn er unentbehrlich ist für seinen Arbeitgeber? Dass er es gar stolz der Familie vorzeigt, wie sehr in die Firma braucht? Dass er eine Bestätigung erfährt. Oder wenn jemand als Single froh ist, an langen Abenden eine kleine Abwechslung zu haben, bei der er sich gerne kurz nützlich macht? Was will Scheer für die geregelt wissen? Will er von jenen gar Vergnügungssteuer kassieren?
Der Leser darf rätseln – oder einfach Internet und Handy abschalten oder nicht mehr draufschauen, wenn er Feierabend haben will. Es gibt auch immer noch viele Funklöcher mitten in der Stadt, gerade in allzu gut isolierten Wohnungen und PC-Probleme gibts es auch zuhause. Und wenn einArbeitnehmer einfach mal schläft oder den Ruf der Firma – warum auch immer – nicht gehört hat, das kann ihm abends auch keiner mehr so richtig vorwerfen.
Zumindest, wenn er sich nicht schon den ganzen Tag im Büro ausgeruht hat. Die Jobs werden immer rarer – und diejenigen ruft auch im übrigen niemand abends an.

Was wäre wichtiger, als dass es nicht noch einen halben Tag/Nacht warten könnte? Ein Auftragseingang? Wahrscheinlich. Ja. Es werden Läger geräumt, altehrwürdige Kaufhäusre besenrein ausvervauft, doch (Nach)Bestellungen wird man vergebens in der Pipeline suchen bei Lade(n)hemmung. Warten auf
Godot, mit Internet und Handy als Vehikel und Variante des Zeitvertreibs, um (un)angenehm) aufzufallen. Es gab oder gibt es sie noch?, die ältere Variante… den gut sichtbar überquellenden Schreibtisch.
Früher war es der überquellende Schreibtisch, der Viel Lärm um nichts erzeugen sollte. Ob mit Internet und Handy – allzeit bereit – heute es wirksamer ein Ziel erreicht wird? Die Nerven hat man auf jeden Fall etwas ruhiger gestellt. Was wäre denn wichtiger als dass es nicht noch einen halben Tag/Nacht länger warten könnte? Ein Auftragseingang zu später Stunde? Wahrscheinlicher ist, wie bei Samuel Beckett… warten auf Godot.