Auf „Stern online“ lässt sich nachlesen, was man schon vermutet hat, aber nie belegen konnte: Zwei amerikanische Management-Professorinnen haben jahrelang erforscht, wie sich diskriminierende, rüpelige, arrogante, respektlose Führungskräfte auf das Unternehmen auswirken. Das Ergebnis in zwei Worten: Verheerend und teuer. Die Wissenschaftlerinnen Christine Porath und Christine Pearson von der University of Southern California/Los Angeles beziehungsweise von der renommierten Thunderbird School of Global Management/ Glendale, Arizona haben zwölf Jahre lang geforscht und können inzwischen nachweisen: Respekt im Job gegenüber Kollegen und Mitarbeitern ist kein Luxus, sondern conditio sine qua non, sprich unabdingbar.Von immerhin 9 000 Befragten fühlten sich im Jahre 2005 schon 50 Prozent mindestens einmal die Woche ungehörig behandelt – das waren doppelt so viele wie sieben Jahre vorher. Und vor allem: 99 Prozent waren Zeugen davon, wie unhöfliche, rüpelhafte oder diskriminierende Chefs andere Kollegen schlecht behandelten. http://www.stern.de/wissen/mensch/kopfwelten-ruepelnde-chefs-kosten-millionen-1585102.html#utm_source=sternde-newsletter&utm_medium=email&utm_campaign=wissen-22.07.2010
Genau diesen Punkt – die Signalwirkung von Respektlosigkeiten auf die Belegschaft – sehen Führungsverantwortliche nur selten. Doch auch die direkten Übertretungen, und sei es nur der nicht erwiderte Gruß oder der Scherz auf Kosten eines Mitarbeiters vor versammelter Mannschaft, bemerken sie selbst kaum oder spielen sie herunter. Das alles hilft aber eben nicht: Entscheidend ist nur der eine Punkt – wie das üble Verhalten ankommt. Und da setzen die Wissenschaftlerinnen an: „Kaum etwas ist so belastend für Menschen wie die Erfahrung von Respektlosigkeit, wo sie Respekt erwarten dürfen. Selbst die Gesundheit kann darunter leiden. Und das sind nicht die einzigen Konsequenzen“, schreibt Stern-Online-Autor Frank Ochmann.
Die Folge sind vor allem Konsequenzen für die Company: Die Gekränkten sinnen vielmehr auf Rache – und das kostet das Unternehmen am meisten. 94 Prozent rächen sich an den Stinkstiefeln direkt und 88 (!) Prozent „schädigen zur Vergeltung“ die Firma. Weitere 48 Prozent reduzieren absichtlich ihre Arbeitsleistung, 47 Prozent die Arbeitszeit und 38 Prozent liefern absichtlich keine Qualitätsarbeit mehr ab.
Und was vor allem das Top-Management interessieren sollte, das solche Respektlosigkeiten seiner Führungscrew duldet:
1) 80 Prozent der Entehrten verlieren wertvolle Arbeitszeit, weil sie sich innerlich mit der erlittenen Demütigung noch lange beschäftigen und 63 Prozent, weil sie dem Rüpel-Chef künftig aus dem Weg gehen. Dass sich 78 Prozent der Gedemütigten nach dem Vorfall nicht mehr so mit ihrer Firma identifizieren, ist eigentlich klar.
2) Leitende Angestellt selbst verlieren 13 Prozent ihrer Arbeitszeit damit, „die Folgen unhöflichen Verhaltens aus der Welt zu schaffen“, so die Professorinnen. Und das summiere sich auf sieben Manager-Arbeitswochen jährlich – nur weil ihnen ziviliserte Umgangsformen und gute Manieren fehlen.
Man fragt sich nur immer wieder, wie es überhaupt sein kann, dass die Täter nicht bemerken, a) wie sie ankommen bei ihren Mitarbeitern und wie es ihnen b) so gleichgültig sein kann. Dass es ihnen offenbar komplett entgeht, dass sie vom Musterbild eines guten Managers, der dem Unternehmen im besten Sinne des Wortes langfristig dient, meilenweit entfernt sind.
Um den Bogen nach Deutschland zu spannen: Nach jahrelangen grossen Entlassungsrunden der Wirtschaft und mit gleichzeitiger, immer stärkerer Arbeitsverdichtung können immer weniger nachgeordnete Mitarbeiter ihre persönliche Reissleine ziehen und mal so eben die Firma wechseln. Aber gerade Online-Umfragen haben bereits belegt, dass viele in der Startlöchern sitzen, um ihrem Arbeitgeber den Rücken zu kehren. Das können sie spätestens dann tun, wenn die Demographie kippt. Wenn die Unternehmen wieder Fachleute brauchen und in ihrer Not auch auf Ältere und Frauen nicht verzichten können. Experten erwarten diesen Wendepunkt in spätestens fünf Jahren. Und was tun die Gedemütigten oder die Zeugen von Demütigungen in der Zeit für ihre Company? Sichert nicht hochmotiviert und kreativ ans Werk gehen.
Das Fazit der US-Management-Forschungen laut „Stern online“: Schon in wirtschaftlich stabilen Zeiten sind solche Verluste keine Kleinigkeit – und umso schwerwiegender sind sie in der Krise.
Anders ausgedrückt: Wer Rüpel einstellt oder duldet und nicht ausbremst, kann auf der anderen Seite aufwändige Kostensparmassnahmen und ganze Kostensenkungsprogramme durchziehen, die die selbst eingebrockten Verluste – und seien es nicht genutzte Verdienstchancen – gar nicht auffangen.
Vielleicht sollten die Top-Entscheider an der Unternehmensspitze ihren nachgeordneten managern lieber öfter mal den Einsatz einer Unternehmensberatung streichen und die Betreffenden auf Benimmkurse schicken. Wenn nicht schon Hopfen und Malz dank schlechter Erziehung verloren ist. Preiswerter sind Benimm-Coaches allemal – und bergen offenbar obendrein Chancen auf Umsatzausweitungen. Das bieten die kostenkillenden Unternehmensberater, die meist doch nur Entlassungen empfehlen, nur seltenst.
Doch zugegeben: Einfacher aus Managersicht ist es, Berater zu holen, statt an sich selbst und rücksichtslosem Verhalten zu arbeiten.
Übrigens: Es gibt natürlich auch die Ausnahmeunternehmen, wo Respekt selbstverständlich ist. Ein Mitinhaber eines Dienstleisters in Berlin mit mehreren Hundert Angestellten erzählte mir kürzlich, dass er einen top-qualifizierten Mann bei der Kokurrenz abwerben konnte. Und das, obwohl er ihm nicht dasselbe Gehalt zahlen konnte wie sein Konkurrent – so sehr hatte der Leistungsträger wohl dort zuvor gelitten und soviel war dem Mann sein Seelenfrieden wert.
