Nokia-Turnaround: Lumia überholt Blackberry; Handy-Geschäft ist 4 Milliarden Euro wert

Der finnische Handy-Hersteller ist mitten in der Kehrtwende: Bei Smartphones hat Nokia erstmals Blackberry überholt. Der Kauf der NSN-Anteile von Siemens erlaubt eine Schätzung des Marktwerts der gesamten Handy-Aktivitäten.

Für Nokia war der Ausklang der vergangenen Woche mal wieder recht turbulent: Donnerstagmittag hat der finnische Handyhersteller seine Zahlen fürs zweite Quartal 2013 vorgelegt – und die haben auf den ersten Blick enttäuscht: So brach der Umsatz im Jahresvergleich um fast ein Viertel auf 5,7 Milliarden Euro ein, während Analysten im Schnitt mit 6,4 Milliarden Euro gerechnet hatten.

Zudem verzeichnete Nokia unterm Strich weiterhin einen Betriebsverlust in Höhe von 115 Millionen Euro – auch wenn das Unternehmen beteuerte, auf Nicht-IFRS-Basis bereits das vierte Quartal in Folge operativ profitabel gewesen zu sein. Beide Faktoren genügten, dass die Börse die Nokia-Aktie kurz nach Veröffentlichung der Zahlen um gut zehn Prozent auf 2,89 Euro ins Minus drückten.

Beinahe genauso schnell ging es aber kurz darauf wieder aufwärts. Grund: Auf den zweiten Blick haben viele Anleger offenbar erkannt, dass Nokia trotz immer noch vieler Probleme beim Turn-around inzwischen gut vorangekommen ist. So verkauften die Finnen zwischen April und Juni immerhin 7,4 Millionen Lumia-Smartphones.

Das ist nicht nur der beste Wert seit dem Start der Lumia-Modellreihe Ende 2010. Mehr noch: Erstmals rangieren die Nokia-Smartphones damit vor dem kanadischen Rivalen Blackberry, die in ihrem jüngst abgelaufenen Quartal bis 1. Juni 2013 nur 6,8 Millionen Geräte absetzen konnten.

Quelle: The Verge

Damit scheint die von Nokia seit der Aufgabe des hauseigenen Symbian bei Smartphones verwendete Mobilplattform Windows Phone von Partner Microsoft tatsächlich auf besten Wege zu sein, zur Nummer Drei hinter Android und Apple zu avancieren.

Mehr noch: Innerhalb des zugegebenermaßen noch sehr kleinen Ökosystems Windows Phone ist Nokia mit einem Marktanteil von gut 85 Prozent der absolute Dominator. HTC als Nummer zwei kommt auf knapp 12 Prozent – alle anderen Hersteller spielen keine Rolle mehr, wie das auf Apps für die Microsoft-Plattform spezialisierte US-Unternehmen AdDuplex in einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Studie ermittelt hat.

Damit aber erweist sich der Schritt von Nokia-Chef Stephen Elop zunehmend als richtig, beim Wechsel weg von dem seinerzeit bereits veralteten Symbian-Betriebssystem auf Windows Phone statt auf Android zu wechseln. Denn wie ich bereits mehrfach hier im Blog geschrieben habe, verdienen im Smartphone-Geschäft aktuell praktisch nur Apple und Samsung Geld: die iPhone-Company wegen ihrer vollständigen Kontrolle über ihr iOS-Ökosystem, Samsung als totaler Dominator des Android-Lagers.

Dort wäre Nokia heute einer von vielen wenig erfolgreichen Verfolgern wie HTC oder Sony. Dagegen können sich die Finnen sich mit Windows Phone tatsächlich von der Konkurrenz differenzieren, wie etwa jüngst bei der Vorstellung des Flaggschiff-Smartphones Lumia 1020 mit 41-Megapixel-Kamera geschehen – letztlich die wohl entscheidende Basis, um das Smartphone-Geschäft wieder in Richtung Gewinn zu drehen.

Quelle: Adduplex

Im übrigen kann man seit der Ankündigung von Nokia von Anfang Juli, den 50-Prozent-Anteil von Siemens an der gemeinsamen Netzwerktochter Nokia Siemens Networks (NSN) für 1,7 Milliarden Euro komplett übernehmen zu wollen, eine einfache Überschlagsrechnung bezüglich der Handy-Sparte machen:

aktuelle Marktkapitalisierung Nokia:  11,3 Milliarden Euro
abzüglich Cash (siehe Q2-Report):  -4,1 Milliarden Euro
abzüglich Bewertung NSN (2*1,7):    -3,4 Milliarden Euro
————————————————————————-
Wert des Handy-Geschäfts:               3,8 Milliarden Euro

Auf gut Deutsch: Die Börse bewertet die komplette Handy-Sparte von Nokia, die neben den Lumia-Smartphones immerhin noch 54 Millionen Einfach-Handys absetzt (wenn auch auf Jahressicht mit einem Rückgang von 27 Prozent) mit nicht mal vier Milliarden Euro. Der Wert beinhaltet unter anderem das globale Vertriebsnetz des einstigen Weltmarktführers ebenso wie die Marke und alle Fabriken.

Scheint mir reichlich wenig zu sein. Allerdings: Um wieder höheres Vertrauen bei den Investoren zu bekommen, müssen die Finnen nun beweisen, dass sie in ihrem Smartphone-Geschäft nachhaltig profitabel sein – und gleichzeitig den Einbruch der Einfach-Handy-Sparte in Schwellenländern abfedern können.



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