Nokia – im Griff der Spekulanten

Die Vorstellung ersten Nokia-Smartphones mit dem neuen Windows Phone 8 geriet zur mittleren Katastrophe. Eine Bestandsaufnahme.

Die vergagnene Woche hat sich Nokia-Boss Stephen Elop gewiss anders vorgestellt. Da präsentiert er am vergangenen Mittwoch auf einem langerwarteten Event in New York gemeinsam mit Microsoft-Chef Steve Ballmer die ersten Smartphones mit dem neuen Mobilsystem Windows Phone 8 vor: Das Lumia 920 als Flaggschiff sowie das Mittelklassemodell Lumia 820.

Die neuen Windows-8-Geräte sind so etwas wie Schicksals-Handys für beide, Elop wie Ballmer: Schließlich wollen die im Mobilgeschäft weit gegen Apple und Google zurückgefallenen Partner Nokia und Microsoft mit ihrer Hilfe endlich Marktanteile zurückgewinnen, wie wir auf WiWo.de in einer ersten Kurzanalyse dargelegt haben.

Geht man nur nach der Reaktion der Börse, geben die Anleger diesem Ziel zumindest kurfristig keine Chance: Noch während Elop und seine Co-Nokianer auf der Bühne sprachen, senkten die Börsianer ihren Daumen – zwischenzeitlich rauschte die Nokia-Aktie rund 15 Prozent in die Tiefe.

Quelle: Business Insider

Dabei sind die beiden ersten Windows-Phone-8-Geräte der Finnen durchaus positiv aufgenommen worden: „Fantastisches neues Smartphone“, hat etwa das US-Techblog „Business Insider“ getitelt. In der Tat braucht sich insbesondere die im Lumia 920 eingebaute Kamera mit seiner speziellen Linsen- und Stabilisierungstechnologie offenbar nicht vor der iPhone- und Android-Konkurrenz zu verstecken.

Warum Nokia dennoch im (Würge-) Griff der Spekulanten verharrt? Zum einen hat Elop neben der Ausstattung nichts weiteres zu den neuen Geräten gesagt, also weder Erscheinungsdatum noch Preis noch Länder oder Netzbetreiber, die den Start unterstützen. Und auch Microsoft ist weitgehend bei seiner Geheimhaltungstaktik geblieben und hat nicht allzu viel über die neuen Funktionen von Windows Phone 8 verraten.

Zwei dicke Böcke geschossen

Zu allem Überfluss haben die Nokianer dann aber noch zwei dicke Böcke im Umfeld der Präsentation geschossen: Zunächst kam heraus, dass die Finnen ausgerechnet bei einem Video zu der neuen Kameratechnologie namens PureView geschummelt hatten: Statt mit dem Lumia 920 wurde das Filmchen mit einer normalen Kamera aufgenommen. Kurz darauf berichtete eine weitere Website von Fälschungen bei Beispielfotos, die angeblich ebenfalls mit einem Lumia 920 aufgenommen worden seien.

Immerhin: Beide Fehler hat Nokia nach relativ kurzer Zeit eingestanden und sich dafür entschuldigt. Den Absturz an der Börse konnte das freilich nicht wettmachen. Ob dies aber wirklich auf die Qualität der neuen Geräte gemünzt war? Immerhin war die Nokia-Aktie in den Tagen vor dem Event auf 2,70 Euro deutlich gestiegen, so dass so mancher institutioneller Investor schlicht Kasse gemacht hat.

Die Mobilfunk-Geschichte von Nokia seit 1984, sie dürfte also einstweilen weitergehen. Für mehr Details zwei Mal hintereinander auf die untenstehende Infografik klicken (wird beim ersten Mal kleiner).



Quelle: Mashable/Nokia

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Nokia kommt nicht aus dem Stimmungstief

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Alle Kommentare [7]

  1. …was in der Infografik leider untergeht, ist die Entwicklung des Betriebssystems. Ich erinnere mich an hervorragende Organizer wie Psion Revo und dem OS EPOC, später EPOC32, dann Überführung nach Symbian. Die Business-Apps waren schon damals ausgereift und super praktisch.

  2. Gibt es zu der „fantastischen Kamerafunktion“ eigentlich mittlerweile auch die passende Instagram-App unter WP? Nein? Na dann wird es schwer werden, eine junge Zielgruppe zu erreichen.

  3. Nokia hätte mal Maemo nicht aufgeben sollen. Da hätten sie echte Fans bekommen, so wie Apple nur wären diese Fans auf einem deutlich höherem Niveau. Selbst Meego-Geräte haben sich ohne Werbung zum Teil besser verkauft als der Windows-Kram. (http://www.nokiablog.ch/verkaufszahlen-4-quartal-2012-nokia-n9-1-4-mio-vs-1-3-mio-lumia-phones/5219/)

    Wer Nokia-Geräte hatte, der wollte was besonderes haben, aber eben nicht Microsoft. Das hat der Vorstand einfach nicht kapiert. Ich sagte schon damals, dass das mit Microsoft nichts wird. Warum kapieren die Marketingabteilungen sowas nicht? Können die nicht zwischen den Zeilen lesen? Man hätte das doch ahnen müssen, zumindest aber können.

    In Deutschland kommt noch dazu, dass sie sich durch die Werksauflösung in Bochum keine Freunde gemacht hatten. Die gesamte Führungsetage hat einfach nur versagt. Und Microsoft versucht auch nur krampfhaft einen Anschluss zu bekommen. Aber wenn ich sehe, was für ein Schwachsinn sie bis zur 6.5er Version ihres mobilen Betriebssystem gemacht hatten, dann frage ich mich, warum soll das mit 7 oder 8 besser werden? Ok, es ist wohl tatsächlich besser geworden, aber inzwischen hab ich mich auch schon an Android gewöhnt. Ich war vorher übrigens ein Kunde mit einem N9, also einem MAEMO Handy. Und was machen die Idioten? Tauschen das durch ein Symbian-Handy aus, als ich wegen eines Garantiefalles es zur Reparatur brachte. Die haben den Dreh echt draußen, wie man Kunden vergrault. 

  4. @Michael Kroker Interessanter Bericht! Danke sehr!

    Angesichts der vielleicht gefährdeten Arbeitsplätze wünsche ich Nokia Deutschland viel Erfolg, auch wenn ich mich mit Windows (Phone) 8 überhaupt nicht anfreunden kann…

  5. Objektiv betrachtet unterscheiden sich auch die neuen Geräte nicht wesentlich von den alten Lumias, klar, die Hardware ist etwas besser und Windows Phone kann jetzt Multitasking, ich bezweifle jedoch dass das reicht.
    MeeGo hingegen wird derweil von ehemaligen Nokia-Leuten weiterentwickelt. Da Steven Elop Ende des Jahres Nokia verlässt, würde es mich nicht wundern, wenn es eine erneute Richtungskorrektor Nokias gäbe, und im nächsten Jahr auch wieder MeeGo-Geräte von Nokia erscheinen würden.
    Und, wer das N9 kennt, weiß wie überlegen das System sämtlichen Konkurrenten ist.