Blitzdigitalisierung durch Corona? Von wegen – eher Sargnagel für die digitale Transformation

Die Digitalisierung im deutschen Mittelstand hat durch Corona nur oberflächlich betrachtet einen Schritt nach vorne gemacht. Der Schub, für den die Pandemie ein Auslöser hätte sein können, ist bei vielen ausgeblieben.

Auf den ersten Blick hat die Corona-Krise gezeigt, wie gut Unternehmen die Digitalisierung umsetzen können, wenn es schnell gehen muss. Im Vergleich zum Vorjahr haben bestimmte digitale Projekte im deutschen Mittelstand 2020 erheblich an Tempo zugelegt.

Laut Digitalisierungsindex Mittelstand 2020/2021 der Deutschen Telekom ging es aber vor allem beim Einsatz mobiler Endgeräte und der Implementierung von Tools voran – besonders in den Bereichen Kommunikation und Kollaboration, etwa durch Videokonferenzlösung und Chat-Tools (Studien-PDF hier).

Die Digitalisierungsbemühungen vieler Unternehmen beschränken sich damit vorrangig auf Technologien für die Umstellung auf Home-Office und die Verbesserung und Flexibilisierung von Arbeitsabläufen. Mithilfe moderner IT-Anwendungen und digitaler Prozesse konnten die Firmen ihre Geschäftsabläufe aus dem Home-Office heraus aufrechterhalten und so die Folgen der Corona-Krise zumindest teilweise abfedern.

Der große Schub in Richtung digitale Transformation ist allerdings ausgeblieben, wie ich in einer Geschichte in der aktuellen WirtschaftsWoche aufgezeigt habe: Der Anlagenhersteller Heidelberger Druckmaschinen, der Maschinenbauer Eberle aus Augsburg und der Finanzdienstleister Youmex aus Frankfurt berichten hier konkret, welche IT-Projekte sie Corona-bedingt verschieben mussten.

Auch laut der IHK-Digitalisierungsumfrage 2021 unter knapp 3500 Firmen sind die meisten Unternehmen in den vergangenen Jahren bei der Digitalisierung kaum vorangekommen. Demnach geben sie sich diesbezüglich nur die Schulnote 2,9 – das ist lediglich eine geringfügige Verbesserung gegenüber 2017 (Note 3,1).

Als Hauptgründe nannten die Befragten die hohe Komplexität bei der Umstellung von Systemen und Prozessen (45 Prozent), hohe Kosten (40 Prozent) und fehlende zeitliche Ressourcen (38 Prozent). Das zugehörige Studien-PDF gibt’s hier.

Während die Corona-Krise den Einsatz digitaler Technologien in einigen Bereichen vorangetrieben hat, bremst sie ihn in anderen Bereichen unter anderem aufgrund finanzieller Engpässe aus. Der laut Statistischem Bundesamt stärkste Wirtschaftsrückgang seit der Finanzkrise 2008/2009 zwingt viele Firmen zu Sparmaßnahmen, die sich auch auf die IT-Budgets auswirken.

In einer Studie des Branchenverbands Bitkom vom Herbst 2020 wurden neben den erhöhten Datensicherheitsanforderungen sowie dem anhaltenden Fachkräftemangel mit 43 Prozent deutlich häufiger fehlende finanzielle Mittel als Hürden der Digitalisierung genannt. Im April 2020 hatten diesen Grund noch 25 Prozent, 2019 sogar nur 20 Prozent angegeben.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen die Studien „Cyber Security 2020“ und „Cloud ERP 2020“ der Verlagsgruppe IDG. Demnach hat jedes dritte Unternehmen sein IT-Budget seit Ausbruch der Pandemie nicht erhöht; vier von zehn Befragten gaben sogar an, es gekürzt zu haben.

Damit hat die Digitalisierung im deutschen Mittelstand also nur auf den ersten Blick einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht. Der Schub, für den Corona ein Auslöser hätte sein können, ist ausgeblieben. Die allgemeine Unsicherheit und die wirtschaftlichen Einbußen in zahlreichen Branchen haben Investitionen in die IT-Infrastruktur und innovative Anwendungen vielerorts verhindert.

Die wichtigsten Zahlen & Fakten zum Stand der Digitalisierung in Deutschland zusammengefasst in der folgenden Infografik:

Quelle: Sage

Verwandte Artikel:

Nur jedes zweites deutsche Unternehmen arbeitet an langfristiger Resilienz

Nur 1/4 der Deutschen attestiert Firmen bessere digitale Erfahrung als vor Corona

Zwei Drittel der Deutschen sehen größere Ungleichheit durch Corona-Digital-Schub

Fast 90% der Firmen beschleunigen Digitalisierung infolge der Corona-Pandemie

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*