Google Epic oder Googlezon – ein alternativer Blick auf die Medienkrise (Video)

Ein Film aus dem Jahre 2005 skizziert eine düstere Vision der Medienlandschaft bis 2015 – sehenswert auch gerade in  der Rückschau.

(Update 23.11.2012 11:30 Uhr: Gruner+Jahr hat die Einstellung der „FTD“ soeben offiziell per Pressemitteilung verkündet.)

Nein, es lässt sich angesichts der Insolvenz der „Frankfurter Rundschau“ Anfang vergangener Woche und der nach gescheiterten Verkaufsversuchen offenbar beschlossenen Schließung der „Financial Times Deutschland“ in dieser Woche kaum noch leugnen: Die Krise traditioneller Medien, allen voran der Tageszeitungen, ist mit aller Wucht auch in Deutschland angekommen.

Nun möchte ich das Pro und Kontra Tageszeitung oder gedruckter Inhalte nicht weiter vertiefen – das haben diverse Kollegen in den vergangenen Tagen bereits zur Genüge getan, wie etwa diese Übersicht bei „Meedia“ zeigt. Allerdings bin ich jüngst über ein sehenswertes Video gestolpert, das einen alternativen Blick auf aktuelle Medienkrise bietet.

Der Kurzfilm „Google Epic  2015“ stammt aus dem Jahre 2005 (eine Frühversion wurde Ende 2004 veröffentlicht). Darin skizzieren die Amerikaner Robin Sloan und Matt Thompson eine düstere Vision der Medienlandschaft im Jahr 2015: „Die herkömmliche Presse jedoch existiert nicht mehr. Das Glück des vierten Standes ist verblasst.“ Kommt einem heute irgendwie bekannt vor.

Zudem gibt der Clip einen fiktiven Abriss darüber, welche Stationen die Nachrichtenbranche bis in jenes Jahr durchläuft. Auch wenn manche der Prophezeiungen so nicht eingetroffen sind, ist das Video angesichts der jüngsten Verwerfungen im hiesigen Zeitungsmarkt doch sehr sehenswert – zumal in der deutschen Übersetzung (ein Transkript gibt’s bei der „taz“):

Für mich hat der Film aber auch noch eine ganz persönliche Bedeutung: Denn er wurde uns bei der „WirtschaftsWoche“-Redaktion irgendwann im Jahr 2005 oder 2006 auf einer internen Veranstaltung gezeigt, als es um die Zukunft der Medien im allgemeinen und der WiWo als gedrucktes Magazin im speziellen ging.

Ein halbes Jahrzehnt später muss man ehrlich konstatieren: Viel getan hat sich in der Branche seitdem nicht. Noch immer brüten die Manager in allen Verlagen über Geschäftsmodelle im Internet-Zeitalter, wägen das Für und Wider von Bezahlschranken ab und hoffen ansonsten auf Tablet-Apps als neue Zauberformel für die digitale Zeitungswelt von morgen.

Auflagenschwund von einem Drittel binnen zwanzig Jahren

Wie schlecht es um das Stammgeschäft mit Print bestellt ist, zeigen aktuelle Zahlen des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Demnach gibt es aktuell 333 Tageszeitungen in Deutschland; vor zwanzig Jahren waren es noch 426. Noch dramatischer wirkt der Schwund beim Blick auf die Gesamtauflage der Tageszeitungen: Derzeit werden täglich knapp über 18 Millionen Exemplare verkauft. Zum Vergleich: 1991 waren es 27,3 Millionen – mithin ein Rückgang von einem Drittel.

Die Digital-Ausgaben der Zeitungen können diesen Auflagenschwund bisher nicht auffangen. Laut einer Infografik des Datenportals Statista werden täglich etwas weniger als 230.000 ePapers in Deutschland verkauft. Selbst das Boulevardblatt „Bild“ kommt nur auf eine Auflage von rund 24.000 Digital-Abos. Eine überzeugende Antwort auf die Zukunft der Medien im Internetzeitalter, sie steht weiterhin aus.

Quelle: Statista

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Alle Kommentare [1]

  1. Monokausalitäts-Ausflüchte statt systemische Problemanalyse an der Verlegerfront.

    Die Wirkung von jahrzehntelanger Indoktrination durch Kommerz-TV, die kontinuierliche Kürzung staatlicher und freier politischer Bildung und die Verschärfung der Situation des Individuums in einer neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft – als das hat sicherlich überhaupt nichts damit zu tun, dass die Menschen weniger Zeitungen lesen.

    Bürgerinnen eines Land, das von einer Kanzlerin (und inoffiziellen Sprecherin von Friede Springer und Liz Mohn) regiert wird, die Sätze wie „Lesen können ist noch einmal etwas anderes, als im Internet zu sein“ formuliert, sollten sich nicht erwarten, dass sie ab morgen nicht mehr an der Nase herumgeführt werden.

    Wie gut, dass es den Sündenbock Internet gibt, sonst müssten wir uns mit den wahren Problemen beschäftigen.