Nachgehakt: Wie steht es um den radikalen Stellenabbau bei IBM in Deutschland?

Anfang Februar machten geradezu dramatisch klingende Berichte über massive Stellenabbaupläne von Big Blue in Deutschland die Runde. Seitdem ist’s auffällig ruhig um IBM geworden. Eine Spurensuche.

Anfang Februar macht das „Handelsblatt“ mit einer Exklusiv-Geschichte auf: „IBM baut in Deutschland tausende Stellen ab“, prangt da – quasi bereits als Tatsache verkündet – in großen Lettern auf Seite eins. Im Vorspann wird die Aussage dann zumindest durch einen Konjunktiv relativiert; dennoch könnten laut des Berichts „bis zu 8000 Stellen gestrichen werden“.

Einen Tag später legen die Kollegen (Hinweis: „Handelsblatt“ und „WirtschaftsWoche“ erscheinen im selben Verlag) dann mit einer weiteren Geschichte nach: „Deutsche IBM-Belegschaft in Aufruhr“, so die neuerliche Schlagzeile – was angesichts der am Vortag veröffentlichten Zahlen freilich nicht weiter verwundert: 8000 von rund 20.000 Stellen entsprächen nämlich rund 40 Prozent der Belegschaft in Deutschland.

Und schließlich bringt am Montag darauf auch noch der „Spiegel“ eine Story zu den vermeintlichen oder tatsächlichen Umbauplänen bei IBM. Der Tenor aller drei Geschichten: Der US-Konzern plane einen radikalen Umbau seiner Belegschaft und wolle künftig vor allem auf freie Mitarbeiter statt auf Festangestellte setzen. Intern heiße das Programm „Liquid“, dem über kurz oder lang Arbeitsplätze zum Opfer fallen sollen – und irgendwie kommen angebliche Insider dann auf 8000 Stellen, eine runde und eben auch bedrohliche Zahl.

Ich bin der Sache seinerzeit auch nachgegangen, klar. Schließlich wäre die Story – so sie denn zuträfe – tatsächlich ohne Vorbild in der deutschen Unternehmenslandschaft. Zunächst fällt auf, dass große Teile der beiden Hauptgeschichten über den angeblichen Umbau des Unternehmens bereits im Dezember 2011 in einer Zeitschrift der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi für den IBM-Konzern skizziert wurden: „Generation Open“ heißt es da auf dem Titel, das „Open“ aber durch ein „Out“ übersprüht – und im Untertext: „Achtung Veränderung: IBM wird offen und flüssig“ (das PDF jener Ausgabe von „Verdi @ IBM“ gibt’s hier).

Verdi-Gewerkschaftszeitung als Ursprung

Der Ursprung der Geschichten ist also offenbar die Gewerkschaft Verdi – was nicht weiter verwundert: Würde tatsächlich ein Großteil der Arbeit bei IBM künftig von freien statt festangestellten Mitarbeitern verrichtet, wäre das ein Frontalangriff auf die eigene Klientel. Und dagegen wollen die Gewerkschafter eben frühzeitig angehen, so scheint es. Auf meine Nachfrage, wie konkret die Pläne seien, heißt es dann bei Verdi in Stuttgart allerdings, dass keine „unmittelbaren Maßnahmen“ bevor stünden, es auch keinerlei konkrete Dinge wie etwa das Ausarbeiten von Sozialplänen gebe.

Woher rühren die vermeldeten 8000 gefährdeten Stellen dann? Laut „Handelsblatt“ hätten dies „Mitglieder der obersten Führungsgremien der deutschen IBM“ gegenüber der Zeitung bestätigt. Meine eigenen Recherchen bleiben indes ergebnislos; und auch IBM selbst wirft seinerzeit nur Nebelkerzen – bestenfalls. Statt die Geschichte entweder hart zu dementieren oder mit eigenen Details für Aufklärung zu sorgen, verbreitet das Unternehmen lapidar: „IBM kommentiert nicht die Echtheit angeblich nach außen gesickerter Dokumente“, verbunden mit einem nichtssagenden Statement im besten PR-Sprech (komplett als Tumblr-Kopie hier).

Hinter vorgehaltener Hand heißt es damals bei IBM in Ehningen, man hänge an der kurzen Leine der US-Zentrale, die das Thema kleinhalten wolle. Das freilich gelingt nicht. Erst einen Monat später, Anfang März, dementiert IBM-Deutschland-Chefin Martina Koederitz die Pläne: „Sie sind spekulativ, aus der Luft gegriffen und stehen in keinster Weise im Verhältnis zu dem, was wir natürlicherweise an Veränderungen in unserer Belegschaft haben“, so Koederitz gegenüber der Nachrichtenagentur dapd.

Und was ist seitdem passiert? Nichts, aber auch rein gar nichts. Auf erneute Nachfrage bei der Gewerkschaft Verdi in Stuttgart heißt es bloß, es bleibe bei den bereits im Februar getätigten Aussagen. Auf gut Deutsch: Es gibt keine konkreten Maßnahmen, keine Sozialpläne oder ähnliches – aber weiterhin die Angst vor einem tiefgreifenden Umbau der hiesigen Belegschaft. Schließlich gebe des das Projekt „Liquid“ ja offiziell bei IBM; es verfüge sogar über eine eigene Facebook-Seite namens „BeLiquid“.

Grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt

In der IBM-Deutschlandzentrale in Ehingen bei Stuttgart steht man auch heute weiterhin zu dem Dementi von Koederitz, es existierten keinerlei Abbaupläne. Gleichzeitig gebe es in den nächsten Jahrzehnten objektivierbare und grundlegende Veränderungen innerhalb der Arbeitswelt, sei es durch das Internet und die weltweite Mobilität, sei es durch den demographischen Wandel. Weil aber dieser Wandel stets nur im Zusammenhang mit möglichem Stellenabbau und Arbeitsplatzverlusten betrachtet werde, scheue die deutsche Gesellschaft eine offene Diskussion.

Und die Quintessenz der Geschichte? Viel Lärm um nichts, möchte man meinen. Oder gibt es Informationen, welche die gewerkschaftlichen Spekulationen um IBM doch noch in einem realen Licht erscheinen lassen? Und wie schätzen Sie die Veränderungen in der Arbeitswelt in den kommenden Jahrzehnten ein?

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Alle Kommentare [4]

  1. Lb Hr Kroker
    Gute Story – wie alle Ihre Blogs.
    Der Ansatz liegt hier meiner Meinung nach ein wenig tiefer.
    Das habe ich seinerzeit in meinem Blog dazu folgendes geschrieben: Employee on Demand – https://www.bonnblog.eu/2012/02/employee-on-demand/

    Vielleicht traegst zum Verstaendnis bei, beiben wir halt beide dran…
    Lb Gr HPB

  2. Hallo Herr Kroker,
    so ganz aus der Luft gegriffen scheint der Abbau nun doch nicht zu sein. Wenn man 150 Mio $ für Personalabbau in Europa „investiert“.

    https://www.silicon.de/41569713/ibm-will-mehr-als-tausend-software-verkaufer-einstellen/
    IBM Finanzchef Mark Loughridge sagte bei der Vorstellung der Quartalszahlen, im Software-Segment in Europa seien einstellige Zuwachsraten erzielt worden. Deutschland bezeichnete er als Wachstumsmarkt. Er gab an, dass sich im abgelaufenen Quartal die Kosten für den Personalabbau vor allem in Europa auf 150 Millionen Dollar belaufen hätten.

  3. Es gibt sicher einige aktuellere Infomtionen, die auch Verdi kennt. Zwar keine reisserischen 8000 Stellen aber Ziele bis 2015 und auch Pläne in jedem Land.

  4. Seit mehr als 12 Jahren arbeite ich bei IBM.. Stellenabbau bei IBM funktioniert auf eine Art und Weise, die für Ausstehende unvorstellbar ist. Das IBM Management bekommt Prämien für das Freisetzen von Mitarbeitern sowie ein ProKopf Kapital das der Manager einzuhalten hat, d.h wird er aufgefordert 3 Mitarbeiter abzubauen, bekommt er momentan 300 000 Euro. Er setzt nun seine Mitarbeiter massiv unter Druck oder spricht die an, die bereit sind die IBM zu verlassen. Es gibt immer mehr Manager, die zu Mitteln greifen, die ganz und gar gegen jede Regel in der Arbeitswelt verstoßen – Beschimpfungen und Schlechtbewertungen sind an der Tagesordnung. IBM vergibt, man glaube es oder nicht Schulnoten…. da 1 – 4. Da hagelt es häufig am Jahresanfang die Note 3 – dies bedeutet eine nicht Erfüllung der Arbeitsleistung, so hat der Manager die Möglichkeit genau diesen Mitarbeiter unter Druck zu setzen. Begehren Mitarbeiter auf und lassen sich dieses Verhalten nicht gefallen -hier sind Manager zu nennen, die nicht bereit sind so tief zu sinken, als auch die Belegschaft, die sich gegen solch eine Behandlung wehrt, wird nach Gründen gesucht, den Mitarbeiter anderweitig loszuwerden, Spesenbetrug ist ein beliebtes Kündigungsinstrument geworden.

    Auf alle Fälle geht die Angst bei IBM. An normales Arbeiten ist nicht mehr zu denken. Wirklich Schade, dass ein Konzern, der diese Erfahrung hat, sich selber zerstört und das obwohl Frauen an der Spitze stehen!!