Chaostage bei Hewlett-Packard

Der weltgrößte IT-Konzern plant ein weitreichendes Umbauprogramm, das unter anderem die Verselbstständigung der PC-Sparte vorsieht – ein radikaler Bruch mit der bisherigen Strategie als Komplettanbieter.

Offenbar hat Hewlett-Packard ein Problem damit, geheime und hochbrisante Geschäftspläne unter Verschluss zu halten: Mitte August berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg erstmals von weitreichenden Umbauplänen des weltgrößten IT-Anbieters. Konzernchef Léo Apotheker evaluiere unter anderem die Abspaltung seiner PC-Sparte sowie den Kauf des britischen Software-Anbieters Autonomy für mehr als 10 Milliarden Dollar. Beide Pläne – jenen bezüglich der PC-Sparte sowie das Interesse an Autonomy – muss der Konzern im Nachgang einräumen.

Für Hewlett-Packard ist das eine dramatische Abkehr von der bisherigen Strategie: Statt als Komplettanbieter aufzutreten, der die gesamte Technik-Palette im Angebot hat, von kleinen Smartphones über PCs und Drucker bis hin kompletten Rechenzentren und den begleitenden IT-Dienstleistungen, marschiert HP nun in den Fußstapfen des Erzrivalen IBM: Der hat zwar vor 30 Jahren die PC-Ära selber eingeläutet, sich aber bereits 2005 von dem umkämpften Hardware-Markt durch den Verkauf seiner PC-Sparte an den chinesischen Computernbauer Lenovo verabschiedet und sich fortan auf das margenträchtigere IT-Service-Geschäft fokussiert. Wichtiger Unterschied: IBM war seinerzeit mit einem Marktanteil von rund 5 Prozent bereits abgeschlagen, während HP mit zuletzt rund 17,5 Prozent deutlicher PC-Weltmarktführer ist. So sorgte die PC-Sparte („Personal Systems“) im Geschäftsjahr 2010 mit rund 41 Milliarden Dollar immerhin für knapp ein Drittel des Gesamtumsatzes von HP.

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Quelle: Silicon Alley Insider

Doch mit dem vorzeitigen Durchsickern derlei strategischer Großpläne nicht genug: In der Folge agiert der Konzern in der Außendarstellung schlingernd, ja geradezu plan- und konzeptionslos. Denn parallel kündigt HP auch noch an, seinen erst vor wenigen Wochen mit viel Brimborium auf den Markt gebrachten Tablet-Rechner namens TouchPad wieder einstellen zu wollen – eine komplette und weitgehend kampflose Kapitulation vor Apple und seinem marktführenden iPad. Gleichzeitig beendet Konzernboss Apotheker auch noch die Ära des alternativen Betriebssystems WebOS – dabei hatte er noch im Juni, also vor nicht einmal drei Monaten, auf einer Konferenz beteuert, künftig jeden PC damit ausstatten zu wollen.

Wenige Tage später die nächste Kehrtwende: Weil sich das TouchPad dank Preissenkung offenbar besser als erwartet verkauft, verkündet HP, den bereits beschlossenen Tod des Tablet-PCs verschieben und erst einmal weitere Geräte produzieren zu wollen. Über die zur Disposition gestellte PC-Sparte jagt ein Gerücht das nächste. Mal wird öffentlich, dass HP offenbar eine regelrechte Verkaufstour durchgeführt hat und zumindest bei den beiden koreanischen Wettbewerbern Samsung und LG diesbezüglich vorstellig wurde. Darauf beeilt sich Todd Bradley, der Chef der Computersparte von HP, zu beteuern, man favorisiere nun aber eine Abspaltung des Geschäfts in ein eigenständiges Unternehmen.

Kaum verwunderlich, dass Kunden von Hewlett-Packard zunehmend verunsichert sind, ebenso wie die Mitarbeiter: „Wir wurden von alledem überrascht und haben keinerlei Informationen darüber, wie es nun weitergehen soll“, sagt ein Manager in einer hiesigen HP-Niederlassung, der ungenannt bleiben will. Ähnlich scheint es den Anlegern zu gehen: Statt einen Mehrwert in der Abspaltung zu erkennen, wie ihn HP behauptet, haben sie die Aktie erst einmal auf Talfahrt geschickt. Rund 20 Prozent verlor der Kurs allein im August am Tag der Bekanntgabe der neuen Strategie. „Der Ein-Jahres-Plan, um HP zu killen“, betitelt das amerikanische „Wall Street Journal“ seinen Verriss der jüngsten Geschehnisse. Die Wetten gegen Konzernboss Apotheker, den „verrückten Deutschen“, haben bereits begonnen: Denn seit der Berufung des einstigen SAP-Chefs als neuen HP-CEO im September 2010 ist der Kurs des Unternehmens aus dem kalifornischen Palo Alto um satte 40 Prozent eingebrochen.

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Quelle: Comdirect.de

HP selbst übt sich derweil in Durchhalteparolen und versucht, sein schwächelndes PC-Geschäft in einer US-Anzeigenkampagne als „40-Milliarden-Dollar Startup“ zu positionieren. Die Zukunftsaussichten des künftig selbstständigen Unternehmens seien nachgerade strahlend – und nach der Abspaltung sogar noch strahlender, verkündet ein dabei doch eher mürrisch dreinblickender Bradley auf einer eigens eingerichteten Webseite. Sogar deren Link soll Zuversicht aussenden: www.hp.com/pcmatters – warum PCs auch heute noch wichtig sind.

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Alle Kommentare [4]

  1. Bei HP sickert nun langsam die Erkenntnis durch, daß mit IT-Hardware-Kram auf Dauer kein Geld zu verdienen ist. Richtig ist, sich diese „Nicht-Geschäfte“ von Hals zu schaffen. HP war früher ein Anbieter von hochwertigsten Meßgeräten, Test-und Prüfsystemen im Bereich der elektrischen Meßtechnik – ein klassisches Feld des Mittelstandes, wo know how, Spitzenqualität und fexible Lösungen gefordert sind. HP kann man nur raten: Zurück zu den Wurzeln, die den einst guten Ruf es Unternehmens begründet haben!

  2. @von Zeitzeuge am 09.09.2011 um 13:58 Uhr:

    genau da ist nicht nur bei HP sondern auch bei vielen anderen Unternehmen der Wurm drin.
    Die faseln zwar alle von sogenannter Kreativität und werfen mit zig-tausenden sogenannter Patente um sich. In Wahrheit kommen sie aber alle nicht mehr über den Status von Tintenpatronenabzockern hinaus.

  3. Man kann selbstverständlich mit der IT-Hardware Geld verdienen. Apple ziegt dies. Man muss eben ein Produkt haben.

    IBM folgen ist ein trauriges Thema. IBM ist ein frustrierender Laden, in dem eigentlich nichts außer Datenbanken und Warm Bodies (sogenannte „Consultants“) angeboten werden. Die IBM lebt von Regierungs- und Rüstungsaufträgen, direkt oder indirekt, wie soll das ein Vorbild für HP sein?

    Das wird ein Leo Apotheker wohl nicht auf die Reihe bekommen. Ich frage mich wirklich, wie zum Teufel er dahin kam. Diese Story möchte ich hören.