Noch einmal: Google+ auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit

Einmal mehr haben Marktforscher dem sozialen Netzwerk des Internet-Giganten schlechte Zahlen attestiert. Das Engagement der Nutzer auf Google+ verharrt auf erschreckend niedrigem Niveau.

Wie nah Freud‘ und Leid beieinander liegen, kann der Internet-Gigant Google in diesen Tagen wieder einmal erfahren: Laut gestern verbreiteten Zahlen hat Chrome aus dem Hause Google den langjährigen Spitzenreiter Internet Explorer von Erzrivale Microsoft als meistgenutzten Browser der Welt abgelöst. Ein wichtiger Erfolg, schließlich ist der Browser gewissermaßen als Zugangstor ins Web ein wichtiger strategischer Baustein in der Internet-Strategie von Google.

Gleichzeitig machten in der vergangenen Woche Nutzungdaten zu Google+ die Runde, die relativ wenig Beachtung fanden – vermutlich überdeckt  vom Rummel um den Börsengang des Rivalen Facebook. So hat das US-Marktforschungshaus RJMetrics in einer eigenen Erhebung die Nutzung des Mitte 2011 gestarteten sozialen Netzwerks gemessen; dazu wurden die Daten von 40.000 öffentlich zugänglichen Profilen analysiert. Die wichtigste Befund: Das Engegament der Nutzer ist weiterhin erschreckend niedrig.

Demnach verfügt das Netzwerk inzwischen zwar, wie von Konzernboss Larry Page höchstpersönlich Anfang April verkündet, über 100 Millionen aktive Nutzer. Wobei – von Aktivität kann eben nur bedingt die Rede sein, wie die Marktforscher von RJMetrics ermittelt haben: So erzielt ein durchschnittliches Posting auf Google+ weniger als ein „+1“ (das Pendant zu Facebooks „gefällt mir“), weniger als eine Antwort und wird weniger als ein Mal geteilt. Stolze 30 Prozent der Nutzer, die öffentlich bei Google+ posten, machen danach keine zweite Veröffentlichung mehr. Und bei denen, die mehr als ein Mal Dinge veröffentlichen, liegen durchschnittlich 12 Tage zwischen zwei Postings.

Das Fazit von RJMetrics: „Google+ hat noch einen weiten Weg vor sich, bis es eine wirkliche Bedrohung für die Social-Netzwerk-Landschaft darstellt.“ Andere sind da weniger zurückhaltend in ihrem Urteil: „Google+ ist als soziales Netzwerk gescheitert“, zitiert das Nachrichtenportal Pressetext.com den Geschäftsführer der Social-Media-Agentur digital affairs Gerald Bäck mit Verweis auf die Studie. Ende Februar hatte bereits das renommierte US-Wirtschaftsblatt „Wall Street Journal“ mit einer Geschichte Aufsehen erregt, in der Google+ als „virtuelle Geisterstadt“ tituliert wird.

Virtuelle Geisterstadt

Ich wiederhole daher hier mein bereits im November 2011 als Blog-Kommentar geäußerte Einschätzung: „Google+ auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit“, für die ich ebenso wie für eine spätere Analyse mit der Überschrift „Google+ wächst – und kommt dennoch nicht richtig in Fahrt“ reichlich Gegenwind insbesondere von Google-Leuten erhalten habe. Dabei hatte ich in beiden Stücken jeweils Studien zitiert, die eine im Vergleich zur Konkurrenz deutlich geringere Verweildauer festgestellt haben.

Nun verstehe ich, dass Presseleute von Google versuchen, derlei Befunde in ein für das Unternehmen besseres Licht zu rücken – das ist ja ihr Job. Zumal Google+ ein echtes Prestigeobjekt des Internetgiganten ist, der zwar in vielen Bereichen wie der Web-Suche oder eben der Browser-Software extrem erfolgreich ist – der im sozialen Segment aber bereits mehrere Flops aufzuweisen hat, man denke etwa an die Dienste Wave oder Buzz.

Dennoch zeigt mir auch die zugegebenermaßen rein subjektive Betrachtung des Nutzungsverhaltens in meinem Umfeld, dass das Engagement bei Google+ in den vergangenen Monaten nachgelassen hat – bei mir wie bei anderen Leuten, denen ich folge. Daher kann ich meine November-Einschätzung nur noch einmal unterschreiben: Google+ ist gewiss noch nicht tot – aber auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

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Alle Kommentare [13]

  1. Ich denke es wird immer wieder der Fehler gemacht Google+ mit Facebook zu vergleichen. Google+ ist weniger ein Social Network sondern viel mehr ein Information Network. Kerngeschäft des Google Kosmos ist und bleibt die Suchmaschine und die logische Verknüpfung von Daten um die Suche immer mehr verbessern zu können. Google+ liefert der Suchmaschine notwendige Informationen über den einzelnen User oder z. B. eine Firma. Mehr nicht. Aktivität ist da zwar vorteilhaft aber nicht so zwingend erforderlich wie bei Facebook.

  2. Ich hatte ja beim letzten Mal dagegen argumentiert, aber mittlerweile merke ich auch, dass die Aktivität meiner Timeline deutlich nachgelassen hat. Das meiner Meinung nach verunglückte Interface-Update trägt nach dazu bei, dass G+ unattraktiver geworden ist. Extrem schade, denn eigentlich mag und nutze ich es sehr gerne.

  3. Ich würde den Begriff „Bedeutungslosigkeit“ eher differenzieren. Bedeutungslos oder „Aufwendig“ ggf. um einen Dialog zu erreichen. Im Rahmen des Marketings von Content mit Blick auf das Ranking in der Suchmaschine als aktuell unerlässlich. Der Gang von FB an die Börse holt die gesamte Social Media Welt auf den Prüfstand von Analysten, Marktforschern und dem Markt. Hier wird in den kommenden Tagen (es wird meines Erachtens alles recht schnell gehen) die Blase Luft ablassen.

  4. +1 für Henry Zeitler! Auch sollte man nicht vergessen, dass Google sehr viel Augenwischerei bei den Nutzerzahlen betreibt, da jeder neue Account zwangsangemeldet wird.

  5. Hallo Michael – fehlerhafte Studien (wie diese – oder wie die von Deinem YT Artikel in der letzten Woche) werden auch durch Wiederholung nicht wahrer.

    Schade, dass Du Dir nicht (wie andere Medien) die Mühe gemacht hast, einmal bei Google nachzufragen. Ist doch ganz einfach. Meine Mailadresse u Telefonnummer hast Du ja 😉

    Nur in aller Kürze:
    Google hat mehrfach darauf hingewiesen u deutlich gemacht, dass die Mehrheit der G+ Nutzer ganz bewußt nur mit ausgewählten Kreisen teilt. Sprich: Es wird mehr mit einzelnen Kreisen geteilt, als öffentlich gepostet wird. In dieser Studie wurden nur die öffentlichen Postings ausgewertet. Ein Vorteil von Google+ ist ja genau die Möglichkeit einzelne Posts nur mit ausgewählten Kreisen zu teilen. Darum ist diese Studie mit großer Vorsicht zu „geniessen“.

    Google+ ist nicht mal ein Jahr alt und hat aktuell mehr als 170 Mio registrierte Nutzer. Es ist damit das schnellst wachsende Produkt, das Google jemals auf den Markt gebracht hat. Wie ein seriöser Journalist da von einer Geisterstadt sprechen kann, ist mir ein Rätsel. Von den 170 Mio registrierten Nutzern sind 50 Mio täglich aktiv auf G+ unterwegs und 100 Mio im Monat. Stimmt, da ist noch Luft nach oben, aber gut Ding braucht bekanntlich Weile.

    Google hat einen langen Atem und ist nicht auf den kurzfristigen Erfolg aus. Du hast selbst die Entwicklungsgeschichte von Chrome in Deinem Posting angesprochen. Wer hätte im Sep 2008 gedacht, dass die Welt noch einen weiteren Browser benötigt? 4 Jahre später ist es einer der erfolgreichsten Browser der Welt. Eine ähnliche Geschichte bei Android. Und schau Dir die Entwicklung von YouTube an…
    Das sind alles gute Beispiele dafür, dass Google an einem langfristigen Erfolg interessiert ist.

    G+ wird permanent weiterentwickelt. Vor zwei Wochen wurden Hangouts on Air in 40 Ländern ausgerollt. Deutschland kommt hoffentlich bald dazu. Wir sehen, dass Hangouts ein großer Treiber von G+ sind. Die weitere Integration von Google Produkten in G+ steht auf dem Plan.

    Soviel in Kürze zu Deiner interessanten Meinung, dass Google+ auf dem Weg in die Bedeutungslosgkeit ist :-)

  6. Noch ein Tipp: Auf http://gpluscharts.de/ kannst Du täglich die führenden deutschen Google+ Nutzer anschauen und mitverfolgen, wie sich die Follower-Zahlen entwickeln. Ich nehme mal Euren Mitbewerber Spiegel Online als Beispiel, weil sie inzwischen recht aktiv auf G+ sind. Aktuell folgen knapp 50.000 Leute deren G+ Profil. Seit gestern sind 484 neue Follower dazu gekommen. Gar nicht sooo schlecht für die von Dir beschriebene „Geisterstadt“ oder? Kurzer Check: Selbst die Wiwo hat schon über 2.000 Follower, obwohl ihr noch kein einziges Posting veröffentlicht habt…. Vielleicht solltet Ihr einfach mal damit anfangen :-)

  7. Hallo Stefan,

    danke für Deinen Kommentar. Weil ich aktuell in Sachen SAP eingebunden bin, nur eine kurze Rückmeldung: Die Zahlen, die Du und alle Google-Leute immer in die Welt setzen sind ja gut und schön – aber um die ABSOLUTEN Nutzerzahlen geht’s ja eben gar nicht (zumal die über die Zwangsregistrierung via Android ja künstlich aufgebläht sind). Sondern um das Thema Nutzungsdauer/-intensität. Die ganze Welt könnte bei G+ registriert sein – und dennoch wäre es ein Flopp, wenn die Leute da nur 3 Minuten im Monat drauf verweilen.

    Ansonsten: Das Zitat „virtuelle Geisterstadt“ stammt nicht von mir, sondern vom „Wall Street Journal“, wie ich ja auch geschrieben und verlinkt habe. Finde es jedenfalls bezeichnend, dass da inzwischen wirklich eine Bunkermentaliät bei Google vorzufinden ist: „Studie xyz sagt: Geringes Nutzerinteresse auf G+“, diverse Medien schreiben drüber, und die Google-Leute sagen: „Alle haben unrecht, alle bekommen nicht die wahren Zahlen mit etc.“

    Dann macht doch einfach eins: Veröffentlicht eigene validierbare Zahlen, und ich schreibe gerne, dass ich unrecht hatte 😉

    Viele Grüße,
    Michael

  8. Einen hab ich noch… :-)

    Weil es gerade so schön passt. Hier der Link zu einem heute erschienenen Standard Artikel, in der Guy Kawasaki interessante Dinge zu G+ sagt:

    http://derstandard.at/1336697654539/Konferenz-Google-als-neuer-Macintosh-und-neues-Flickr

    der ehemalige Apple Software Evangelist Guy Kawasaki über Apple und das soziale Netzwerk Google+: „Als ich Macintosh das erste Mal sah, war es wie ein religiöses Erlebnis für mich. 25 Jahre später hatte ich ein zweites religiöses Erlebnis, als ich zum ersten Mal Google+ gesehen habe.“

  9. Mal eine andere Frage:

    Wie sähe denn eigentlich die Aktivität bei Facebook aus, wenn man diese auf öffentlich zugängliche Beiträge beschränkt?

    Solche Studien, wie die hier beschriebene, findet man heute leider zuhauf – besser werden sie durch die Menge aber auch nicht. Wenn eine Studie von „Marktforschern“ kommt, bedeutet das in vielen Fällen eben auch Werbung in eigener Sache – und dafür müssen bedeutungsschwangere Ergebnisse her. Da sollte man sich als Journalist besser zurückhalten, auch wenn Überschriften wie „Google+ ist einen Geisterstadt“ oder „Google+ auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit“ zugegebenermaßen sehr verlockend sind.

    Ein weiterer Aspekt, der mit diesen quantitativen Studien nie erfasst werden kann: Welche Inhalte sorgen denn bei Facebook für die meisten Interaktionen? Lustige Bildchen und sinnbefreite Videos! Bei G+ erhalte ich nicht nur qualitativ hochwertige Inhalte, sondern auch ebensolche Kommentare.

    Da darf jeder gerne selbst entscheiden, was mehr Bedeutung hat 😉

  10. Oh, wie die Aktivität bei Facebook aussieht, wenn man nur die öffentlich zugänglichen Beiträge auswertet, das kann ich aus der täglichen Monitoring-Praxis sagen: sehr mau.

    Da Facebook anders als G+ vorwiegend 1:1 Beziehungen der Nutzer vorsieht, würde ich annehmen, dass bei G+ in Relation mehr Leute öffentlich posten. Das kann man allerdings nur beurteilen, wenn man die internen Zahlen kennt.

  11. Rein aus meinem unbedarften Gefühl als Nutzer einiger Netzwerke und völlig unvoreingenommen: Ich finde, dass G+ abgebaut hat. Selbst die Leute welche ich da noch bis vor ca. 2 Monaten antraf, sehe ich hier kaum noch! Bevor Google Mitarbeiter, wie z.B. Stefan Keuchel dagegen schreiben, sollten sie das vielleicht mal als letzte Chance sehen und etwas versuchen zu ändern. Es wird wohl seine Gründe haben, auch wenn das Ausmaß evtl. nicht so groß ist wie es der Artikel von Michael Kroker vermuten lässt.

  12. Ich bin sicher nicht repräsentativ, aber ich bekomme im Schnitt bei G+ auf jeden Mist, den ich dort poste, einen oder mehrere Kommentare. Das ist auf alle Artikel gesehen mehr als ich meinen Blogs bekomme.

    Das finde ich einigermaßen überraschend. (vor allem weil ich mein Blog nicht als Geisterstadt sehe)

    Das G+ Verhalten ist aber deutlich UNTER dem Niveau, das ich bei Twitter habe. Die Leute sharen auf Twitter viel eher als auf G+. Antworten halten sich bei beiden etwa die Waage.

    Facebook ist *für mich* eine Geisterstadt.

    Ich will damit nicht sagen, dass das eine oder das andere besser ist, ich will nur beschreiben, dass die Netzwerke total unterschiedlich sind und dass die Nutzung extrem von der Art des Contents (und auch der Teil-Weise) abhängt. Ich bezweifle, dass irgendwelchen „ich zähle mal G+ Klicks“-Studien, die an Einfachheit kaum zu unterbieten sind, die Realität auch nur im Ansatz widerspiegeln können.