Mein sportlich erfolglosestes Jahr ist zu Ende. Schade.

Einmal dieses Jahr vorne, vielleicht sogar erster sein. Mit dem Jahresrückblick.

Man darf sich nicht alles schlechte anmerken lassen. Bauch einziehen, dann klappt das auch mit den schlank aussehen.

Denn ansonsten war ich 2019 eher weit hinten zu finden. Einmal ganz am Schluss. Sportlich betrachtet, also ausschließlich auf die Zeiten (und damit auch zwangsläufig die Platzierungen) gesehen, war es das schlechteste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen in Garmin Connect (2012). Ich habe in allen Rennen, die ich zuvor schon mal absolviert hatte, niemals so lange gebraucht und nicht nur etwas mehr Zeit, sondern deutlich. Der beste Marathon war zu Jahresbeginn mit 4:32 in Kevelaer – wo ich zu Trainingszwecken schon mal 3:45 gelaufen bin.

Es gibt da also kein Schönreden, keine Entschuldigungen, keine Ausreden – das war von den Zeiten ein miserables Jahr.

Es war gleichzeitig vielleicht das schönste Sportjahr seit Beginn meiner Laufbahn (kein Wortwitz beabsichtigt) und mit Sicherheit das beeindruckendste, wenn ich einmal das für den Rest meines Lebens herausragende Rennen beim Norseman 2018 ausklammere.

Das passt natürlich nicht zusammen. Schon jetzt ahnt man, dass es zusammenhängt, aber wie genau?

Um was geht es uns denn eigentlich, wenn wir Sport betreiben und dies in Wettbewerben, wenn wir uns irgendwo hinbegeben, um uns zu messen, unseren Körper zu fordern, ihn zu quälen? Rein um die Bewegung? Sicher nicht, das geht auch mit einem einfachen Schritt vor die Tür. Es geht um Erlebnisse, um Erfahrungen, um menschlichen Kontakt – es geht um das Leben.

War ja nicht alles schlecht 2019 – als Support darf’s auch mal ein Bier mit Ausblick sein.

Ich deutete es schon mehrfach an. Es war kein einfaches Jahr für mich. Es gab mehr Dinge, die ich zu bewältigen, zu organisieren, zu klären und zu verarbeiten hatte als je zuvor. Einige wissen von dem einen, andere von dem anderen, wenige von allen drei großen Themen, die mich seit Februar umtrieben. Existentielle Dinge, die mein Leben mehr betreffen, als mir das lieb ist und doch irgendwie nicht mal um mich direkt gehen – denn ich bin gesund.

Ich bin und war der gleiche wie vor 12 Monaten, als die meisten Angelegenheiten, die ich zu lösen hatte, nicht absehbar waren. Wer mehr dazu wissen möchte – ich erzähle das gern, aber es sprengt hier zum einen den Rahmen hier und Details sind im Grunde auch nachrangig. Für den einen kann es eine Krankheit sein, für den anderen der Verlust eines Freundes, der Umzug in eine Umgebung, in der man sich nicht wohlfühlt, die Umstellung auf eine neue Arbeit – was auch immer das Leben so bereithält. Ein Bekannter nannte es die „Rush hour of life“ und die sieht keine Pausen für Sport vor.

Ich konnte jedenfalls nicht genug trainieren und deswegen sind die sportlichen Ergebnisse lausig. Die Energie, die es für mich braucht, um den Schweinehund zu bekämpfen, brauchte ich für andere Dinge.

Aber ich habe alles durchgezogen. Ja, in Rodgau nach 35 Kilometern raus, immerhin fünf mehr als 2018, als es sportlich besser lief (und auch noch mit besserer Pace). Ja, beim Röntgenlauf auch die 63 Kilometer nicht gemacht, sondern die Wertung bei 42km dankbar angenommen.

Aber – alle Triathlons beendet. Damit genug des Gejaules.

Was. Ein. Jahr.

Glücklich geht auch nach 19h40m Wettbewerb als letzter.

Das Foto, das mich glücklicher zeigt als jedes andere, das es von mir gibt. Unbekannte Menschen, die Heim und Herz öffneten. Sportsfreunde, die über Nacht als Begleiter für ein Rennen zu einem untrennbaren Teil der großartigsten Erlebnisse meines Lebens wurden. Die Frau, die so wenig, wie sie dabei sein konnte, das alles so sehr unterstützt hat, wie es eben ging. Wenn ein Mensch, ausgesetzt einer komplexen Diagnose, sorgenvoll um die Auswirkungen, die die Operation am Hirn und anschließende Rekonvaleszenz haben wird, die Kraft findet, jemanden – in diesem Fall mich – nicht zu bremsen, dann ist das mehr wert als eine PB in einem Wettbewerb gegen mich selbst. Die Daten dieser Tage sind eingebrannt in meine Erinnerung.

Und den Wettbewerb gegen mich habe ich bei aller Schwäche im Laufen dann doch immer wieder aufgenommen – und mit einem Gefühl großer Erfüllung mehrfach gewonnen. Ich zähle dazu auch, dass ich überhaupt an den Start gegangen bin. Ich hätte genug Verständnis gefunden, wenn ich dies oder jenes nicht getan hätte – nicht jeder startet bei einem Wettbewerb zwischen Tod und Beerdigung eines geliebten Elternteils. Mir aber tat es gut. Sehr gut sogar. Life is for the living und ich denke, man kann den Eltern, die einem das Leben schenkten, keinen größeren Tribut zollen, als es zu nutzen, es zu füllen mit guten, positiven Erlebnissen.

Die Menschen um mich herum, die mir in diesem Jahr halfen, so viel Positives zu sehen zwischen all den Sorgen und Problemen, sind – ausgenommen natürlich von meiner Frau – waren mir entweder unbekannt oder kaum bekannt. „We only talked for five minutes or so“, sagte mir mein Begleiter beim Hispaman, Xavi, der sich wiederholt bedankte, dass ich ihn gefragt hatte, mein Support zu sein. Dabei war es doch ich, der zu danken hatte. Xavi war mein erster und spontaner Gedanke, wen ich denn als Begleitung dabei haben könnte – klar, auch, weil in der Nähe des Wettbewerbs wohnt. Aber viel mehr, weil das gemeinsame Erlebnis Norseman uns zunächst über die Norseman Athlete Zone und später vor Ort näher gebracht hat – und es sich zeigte: Als Gespann funktioniert das fantastisch. Was für Tage! Ein Hoch auf das Bauchgefühl.

Kraichgau mit Jens. Heiß, langsam, miese Zeit. Kein Grund, nicht ein wenig zu lachen!

Auch Tracey in Tenby, meine unverhoffte Gastgeberin – Bauchgefühl, das nicht trügte. Zuversicht, Optimismus, Glaube, dass das viel Gutes draußen passiert in der Welt – es sollte sich als Gewinn für mein Leben herausstellen.

Dass ich vielleicht selber als Begleiter beim Swissman für Tobias ein wenig von dem geben konnte, was ich später erfahren habe, rundet das Jahr des Sportsgeistes ab.

Das, was der Sport und seine Menschen darin geben können, hat 2019 reich über mich ausgeschüttet in einer Zeit, in der sonst nicht vieles glatt lief. Es hängen starke Erinnerungen unsichtbar in meiner Emotions-Vitrine, wichtiger als jedes Finisher-Shirt und Medaille. Wer offen ist, das zu sehen in Momenten, in denen eine klare Sicht auf vieles durch Sorgen und Probleme getrübt ist, darf sich glücklich schätzen. Das tue ich in diesem sportlich total verranzten 2019.

Auf 2020.

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Lieber Thomas, danke für deinen Blog. Ich freue mich immer wieder, deine herzerfrisch ehrlichen Beiträge zu lesen. Mit dem Beitrag oben sprichst du mir aus dem Herzen. Unser Leben trübt manchmal unsere Ergebnisse und manchmal nach einem tiefen Durchschnaufen, lichtet sich der Nebel und wir erkennen auch das Schöne nach diesem Nebel. Alles Gute für dich und deine Lieben! Grüße Michaela