Ein Wettbewerb ohne Anfang. Aber mit Ende. Und einer Mitte. Der Hispaman 2019

Nur ein Bild in diesem Blog. Es sagt mehr als die folgenden 1339 Worte. (Copyright Diego Escobedo

Wo soll ich anfangen? „Am Anfang“ schrieb ein Kommentator des Hispaman Forum unter meinen Post, dass es mir schwer fallen würde, aufzuschreiben, was ich in Spanien beim Hispaman erlebt habe. „Was ist der Anfang?“, fragte ich zurück. Die Anmeldung? Der Schwimmstart? Der Lauf? Die Idee, dass ein Rennen der xtri-World-Tour mir etwas geben würde? Die Zusage von Xavi, den ich vom Norseman kannte, mich zu begleiten?

Wo begann das, was um kurz vor drei Uhr morgens in Vistabella del Maestrat im Landesinneren zwischen Barcelona und Valencia endete? Mit einem befreiten Lachen zwischen den versalzten Hautfalten und den strahlenden Augen? Es gibt kein einziges Bild von mir, in dem ich so zufrieden aussehe. Ich bin letzter geworden. Niemand hat länger gebraucht als ich für die Ironmandistanz, gespickt mit 3400 Höhenmetern im Radkurs und 2000 Höhenmetern (und mehr als 1000 abwärts!) im Marathon.

Es war knapp. Ich war 19 Stunden und 38 Minuten unterwegs laut Veranstalter. 12 Minuten später – und meine Zeit wäre nicht mehr in der Wertung gewesen.

Letzter sein. Voller Stolz. Gelöst. In einem Maße im Einklang mit mir selbst, wie ich es nicht an mir kenne.

Vermutlich war ich nie so selbst bei mir in irgendetwas, das ich getan habe, wie im Hispaman.

Ich habe völlig verdrängt, dass mein Ziel, anzukommen, die ganze Zeit in Gefahr war.

Ich hätte es wissen können.

Ich habe es gar nicht ausgerechnet, nicht „doing the maths of trailrunning“ wie es Xavi nannte.

Ich war einfach nur dabei, das zu tun, was ich tat. Gedankenleer, im Moment dabei. Nervös? Warum? 18:00 den Marathon beginnen? Ist doch okay, ich hätte doch bis 3:00 Zeit. Ganze neun Stunden für 42 Kilometer. Das kann man gehen. Also ging ich los. Ich wähnte mich also ohne groß nachzudenken sicher, dass ich ja wohl irgendwie in 9 Stunden die 42km absolvieren könnte. Ignorance is bliss – Unwissenheit schützt.

Und ich hätte ja laufen können, ich war nur natürlich schon lange kaputt und der festen Überzeugung, strammes Marschieren würde reichen. Tut es aber nicht in einem Rennen, das durchs Unterholz führt, wo jeder Schritt bedacht werden will und man dort, wo ich war, auch dank der Dunkelheit gar nichts sieht. Mehr als einmal musste ich mit der Stirnlampe den weg suchen, zwei Mal rief ich beim Renndirektor an, der mir dank des GPS-Senders sagen konnte, wo ich war – aber nicht so recht, wo hin ich abbiegen müsste.

Dann rutschte auch noch mein Tracker im Rucksack soweit runter, dass er nicht mehr empfangen wurde – Xavi war in Sorge und kurz davor, mir entgegen zu rennen. Dann aber bog ich um die Ecke, als ob nichts sei – war es ja auch nicht – für mich. Ich war einfach gedankenlos. Läuft doch. Geht doch. Sorge? Warum? Ich hatte auch gar keine Energie, auszurechnen, ob das reicht. Xavi hatte am Freitag noch gesagt – eine Stunde Schwimmen, neun Stunden Rad fahren und neun Stunden laufen. Ich nahm an, dass er grundsätzlich über das Rennen sprach – er meinte aber mich. Gar nicht begriffen in dem Moment. Die Radstrecke im Norseman habe ich schließlich bei ähnlichen Höhenmetern in sieben Stunden absolviert. Ich rechnete also mit vielleicht 8 Stunden, vielleicht 8,5. Es wurden 9 Stunden 18 Minuten, davon allein 28 Minuten Pausen zur Verpflegung. Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich dachte, es wäre weniger. Zumal ich ständig an Schildern vorbeifuhr, die die Organisatoren aufgestellt hatten, um mitzuteilen in welchem Zeitfenster die Bewohner der Region mit dem Wettbewerb rechnen müssen. Da war ich solide im Fenster. Vielleicht war es etwas dreckig, dieses Zeitfenster.

Erschöpfung hin oder her – man kann rennen, wenn man muss. Man tut das dann und es geht. Vorher sagt einem nur der Kopf: Nee, lass mal. Sobald der aber einsieht, dass es sein muss, sich selbst zuliebe – dann geht es. Ich war über mich selber überrascht, wo nach gut 18 Stunden Sport noch die Energie her kam, die flachen Passagen des Wanderwegs zu laufen. Ich habe mich selber überrascht.

Nötig war das aber erst im allerletzten Abschnitt, 9 Kilometer – scheinbar harmlose 300 Höhenmeter inklusive. Hinter mir kamen erst Lichter näher, dann zwei Läufer, die mich überholten – laufend. Ich scherzte noch, wo sie noch die Energie hernahmen. Die nächsten beiden wollte ich ebenfalls noch passieren lassen. Aber das waren schon die Crew-Mitglieder, die die Streckenmarkierungen, die ich allzu oft in der Nacht fiebrig gesucht hatte, einsammelten. Sie gaben Xavi zu verstehen, dass ich es schaffen könne, aber nicht mehr trödeln dürfe. Ich müsse die flachen Passagen laufen, sagte Xavi. Und ich lief. Und es lief gut. Schon lange instabil in der Hüfte, mehr Umknicker als in meiner gesamten Lauf-Laufbahn. Egal. Ich lief.

„Warum tust du dir solche Qualen an?“ Qualen? Es war doch nur anstrengend!?!?!?!? Das kann man doch mal machen. Man macht das, denke ich, weil man sich selbst neu sehen kann. Neben natürlich der Faszination des Sports in abgelegener Natur, ja Wildnis in meinen Augen. Klar, mir machen intensive Erlebnisse einfach Spaß. Muss man sich immer hochjazzen? Ich hoffe nicht, mein alter Leib fände das sicher nicht so schön. Ich glaube es auch nicht, ich gehe davon, dass es reicht, offen zu sein für schöne Landschaften, für Gemeinschaft, für Erlebnisse. Neue Dinge sehen und tun. Das kann auch ein deutlich einfacherer Wettbewerb sein. Hoffe ich.

Ob es eine Art Sucht gibt, sich immer neuen Dingen auszusetzen, die einen schlussendlich überfordert. Möglich. Ich weiß es nicht. Ich werde es erleben.

Letzter sein. Hätte mir mal jemand gesagt, dass ich das super fände – ich hätte es nicht geglaubt. Ich bin auch nicht letzter, ich habe einfach nur länger als alle anderen gebraucht. Vielleicht fällt es schwer, den Unterschied zu verstehen, ich spüre ihn deutlich. Es ist kein Wettbewerb gegen die anderen, wenngleich es natürlich Sieger gab. Aber ich wüsste nicht, dass nicht jeder Teilnehmer weiß, was jeder geleistet hat. Und das anerkennt.

Üblicherweise wächst in meinem Kopf schon im Wettbewerb die Idee, wie ich davon erzähle. Diesmal: Kraut und Rüben. Wild durcheinander. Ein Scherz über die neu entdeckte Liebe zu reflektierenden Wegweisern? Ein Witzchen über Xavis Freund Christian – der in seinem ersten Triathlon, der länger war als eine olympische Disziplin – gleich siebter Wurde – fünf Stunden schneller als ich. Er fragte mich am Abend zuvor, ob ich noch Tipps hätte – mehr als „Enjoy it and take wet toilet paper.“ hatte ich nicht. Ich sehe diesen Wettbewerb noch nicht. Es wird viel viel länger als sonst dauern, bis sich die Dinge setzen und ich erkenne, was da passiert ist.

Ich mochte mich. Wer fühlt schon oft Sympathien für sich, wer tritt so weit einen Schritt neben sich und denkt: Das macht sie oder er gut? Es gab diese eine Situation, in der ich den Trail einfach nicht finden wollte. Eine Reflektion strahlte ich mehrfach an und entschied, dass das eher ein Kaugummipapier oder eine mineralische Reflektion sei. Ich bin nochmals in die falsche Richtung gelaufen, dann schlussendlich gab ich auf – und ging zurück zum Guide und fragte nach dem Weg, als selbst der Racedirector mir nicht genau helfen konnte via Telefon.

Ich dachte – gut, kann sein, dass es hier für dich war, aber mach doch einfach weiter. Verzweiflung? Keine Spur. Der Weg musste ja irgendwo sein. Gut, ich hatte Zeit verloren und Xavi sagte, ich müsste in zwei Stunden am nächsten Stopp sein – Glück im Unglück – der folgende Abstieg nach einem wadenzerkratzenden Anstieg durchs Gestrüpp verlief dann für einige Kilometer leicht abfallend auf einem guten Feldweg. Ich konnte laufen. Und ich lief. Gefühlt locker, und auch gar nicht soooo langsam angesichts der vorigen Anstrengung. Schon in der Rückschau in dem Moment dachte ich: Hast du gut gemacht. Ruhig geblieben, Lösung gesucht, unbeirrt weiter gemacht – da sind dann die Anstrengungen eben nur das: Anstrengungen. Xavi hörte sich meine Erzählung an, während wir den letzten Abschnitt unterwegs waren. Ja, vielleicht hat mich das Zeit gekostet. Aber ich sei dafür anschließend schnell gelaufen, schneller als jeden anderen Abschnitt des Tages. Das hätte ich sonst vielleicht nicht getan (sicher nicht). Es sei also alles auch eine Frage der Balance. Vielleicht bin ich in Spanien meiner inneren Mitte begegnet. Der Ort, an dem alles beginnt.


Thank you, Xavi – you did more than just being there and help me with everything.

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