Geisterstadt, Frankenstein oder Untoter: Ein neuerlicher Abgesang auf Google+

Trotz aller Bemühungen und vermeintlich toller Zahlen rangiert das soziale Netzwerk von Google immer noch weit abgeschlagen hinter der Konkurrenz.

Ich setze mich heute mal wieder freiwillig in die Nesseln – zumindest in den Augen der Liebhaber von Google+, dem sozialen Netzwerk aus dem Hause Google. Denn ich kann nicht anders, als mein Urteil aus den Jahren 2011 und 2012 bezüglich der zunehmenden Irrelevanz von Google+ zu erneuern.

Gründe für den neuerlichen Abgesang gibt’s mehrere: Zum einen empfinde ich es so, dass die Aktivität der von mir eingekreisten Personen in den vergangenen Monaten spürbar zurückgegangen ist. Desweiteren nutzt jenseits meines professionellen IT-Umfeldes bis heute niemand aus meinem Bekanntenkreis Google+. Beides subjektive Faktoren, gewiss – aber nicht ganz unwichtige erste Indikatoren.

Desweiteren mehren sich auch unter den Plussern zunehmend kritische Stimmen: Erst Mitte Juli kündigte etwa der bekannte Fachjournalist Volker Weber unter der Überschrift „Google minus“ seinen Abschied bei dem sozialen Netzwerk an. Grund seien die Verschlimmbesserungen bei dem letzten Redesign von Google+, was ich ebenfalls kürzlich schon mal thematisiert habe.

Und schließlich bin ich dieser Tage über eine Studie des auf Social Media spezialisierten amerikanischen Softwareanbieters Gigya gestoßen: Danach stammen nur zwei Prozent aller via sozialer Netzwerke verbreiteten Links (sogenanntes Social Sharing) von Google+ – weit abgeschlagen hinter Facebook mit 50 Prozent, aber auch Twitter und Pinterest:

Im Klartext: Auf Google+ ist einfach viel weniger los als bei anderen sozialen Netzwerken. Das habe ich bereits mehrfach in der Vergangenheit beschrieben – und wurde dafür in schöner Regelmäßigkeit von eingefleischten Plussern der Parteilichkeit, Unwissenheit oder Verbohrtheit geziehen.

Quelle: Gigya

So vergeht denn gefühlt auch kaum eine Woche, an der die Google-PR-Maschinerie nicht mit Zahlen um die Ecke kommt, die belegen sollen, wie groß, toll und boomend Google+ doch ist. Erst im Juni hieß es laut einer angeblich unabhängigen Studie, Google+ hätte in den USA den Kurznachrichtendienst Twitter überholt und sei dort das zweitgrößte soziale Netzwerk. Die Zahlen bezogen sich freilich nur auf die Zahl der Konten, nicht die Nutzungsintensität.

Google selbst hat zuletzt im Dezember des vergangenen Jahres verkündet, Google+ habe nunmehr bereits 500 Millionen Mitglieder, von denen 135 Millionen aktiv seien – sprich sie besuchen das Netzwerk mindestens ein Mal im Monat. Auch hier aber keine weitergehende Informationen über die Nutzungsdauer.

Anfang Juli hat schließlich Google-Sprecher Stefan Keuchel per Blog-Interview verkündet: „Von einer Geisterstadt redet bei Google+ niemand mehr.“ Das Geisterstadt-Zitat bezieht sich auf einen Artikel im „Wall Street Journal“ von Anfang 2012, das auch hier desöfteren hier im Blog aufgegriffen habe.

Und es stimmt ja auch: Bedingt durch zwangsweise eröffnete Google+ Konten, etwa bei der Aktivierung von Android-Smartphones oder der Neueröffnung von Gmail-Postfächern, steigt die Nutzerzahl auf dem Papier weiter an. Ob die Leute Google+ dann aber wirklich aktiv nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Oftmals sind sie nämlich einfach nur unwissentlich nebenbei dort angemeldet.

Möglicherweise ist die passendere Beschreibung für den vermeintlichen Facebook-Killer ja folgende, die ich kürzlich beim renommierten Internet-Blog „TechCrunch“ fand: Da verglich der Autor Google+ mit Frankenstein – aber nicht als Monster á la Boris Karloff in der bekannten Verfilmung von 1931. Sondern vielmehr im Stil der ursprünglichen Erzählung von Mary Shelley: Eloquent und intelligent, aber wegen seiner physischen Unzulänglichkeiten dennoch vom Großteil der Welt unfairerweise abgelehnt. Ein netter Untoter also – das scheint doch ganz gut hinzukommen.

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Alle Kommentare [7]

  1. Brauche den link nicht zu öffnen… Geisterstadt ist richtig deswegen habe ich meinen Twitter Account wieder aktiviert. Aber ich bleibe auch Google + treu

  2. Mögen die Zahlen auch stimmen (trau keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast), aber ich fühle mich hier im deutschen Umfeld bei Google+ am besten aufgehoben. Deutsch als Abgrenzung zu USA.
    Das liegt aber natürlich auch an meinen Kreisen. Bei Facebook wird jeder Mist geteilt, Twitter versucht mit 140 Zeichen möglichst originell und aussagekräftig zu sein (mache jetzt Blaubeersuppe, bitte RT) und bei Pinterest bin ich bis jetzt noch nicht über den Sinn so durchgestiegen.

  3. @Heiko Bauriedl: Twitter nur 140 Zeichen? Das würde mir auch nicht reichen. Dann probiere mal die app „TweetCaster“ aus.
    Da ich eine Affinität für IT habe gibt es bei meinen Twitter „Kreis“ keine Blaubeersuppe. Die TweetCaster Posts bekommt FB auch, da ist die Resonanz am niedrigsten… 

  4. Ich persönlich nutze auch Twitter am intensivsten – mir persönlich gefällt gerade die Kürze, weil es dadurch übersichtlich bleibt. Das ist bei G+ seit dem jüngsten Relaunch wirklich schlimm geworden, IMHO. Aber klar, sind natürlich persönliche Präferenzen.

  5. Google hat den Kampf womöglich verloren. Weil sie keine Programmierschnittstelle eingebaut haben. Sie wollten keine automatichen Content, sie wollten guten Content. Jetzt bekommen sie gar keinen Content.

    Und dann machen die bei Google unterirdische Redesigns. Schon bei der Mobilversion merkte man, dass da irgendwie nur Fotos kamen. Aber noch ne Plattform, um Fotos zu sharen, braucht kein Mensch. G+ war für mich v.a. wegen der guten Diskussionsmöglichkeiten ganz spannend. Aus Linksharing + Diskussion hätte was werden können. Aber daraus hat Google halt nie was gemacht.

    Was den Traffic angeht: Bei mir kommt mehr über ADN (da bin ich aber auch sehr aktiv) als über G+. Ich glaube das sagt einiges …

  6. Facebook liegt vor g+ weil das Volk zunehmend verblödet, dass ist alles. Ich bin selber gerade von FB zu g+ und bin froh drüber. Keiner meiner Freunde oder Bekannten ist dort. Da kann man mal sehen wie bekloppt die sind 🙂 ok Spaß beiseite. Die Inhalte sind bei g+ bei weitem besser als beim großen Konkurrenten. Das ist das Problem. Die meisten Leute wollen einfach unterhalten werden und nichts über Politik oder verhungernde Kinder lesen. Das ist nix für den Feierabend.

  7. Hallo Herr Kroker,

    vielen Dank für Ihren sehr interessanten und aufschlussreichen Artikel. Ich hatte eigentlich in letzter Zeit genau entgegengesetzte Gefühl. Vielleicht ist es aber auch meinem Wunsch geschuldet das bei Google+ mehr passiert. Ich finde das Netzwerk im Gegensatz zu Twitter (hier braucht man über Design erst gar nicht sprechen) und Facebook geradezu hübsch. Auch gefallen mir die jeweiligen Funktionen deutlich besser. Über eine bessere App als Facebook verfügt das Netzwerk auch.
    Vermutlich ist es letztendlich doch meine Hoffnung Google+ würde funktionieren, als das es dann letztendlich bei näherer Betrachtung dann tut.

    Grüße, Fabian Kehle