Android wächst – und kommt im mobilen Internet trotzdem nicht voran

Während der kriselnde Handygigant Nokia erneut Massenentlassungen ankündigt, rennt Android von Erfolg zu Erfolg. Doch wo Licht ist, dort fällt auch Schatten: Im mobilen Web ist weiterhin Apple das Maß aller Dinge.

Oberflächlich betrachtet läuft alles bestens für das Smartphone-Betriebssystem Android aus dem Hause Google. Erst gestern musste der unlängst vom Handy-Thron gestürzte Mobilfunkriese Nokia einen neuerlichen Stellenabbau von 10.000 Stellen ankündigen, weil der im wichtigen Smartphone-Geschäft den Anschluss verpasst hat. Neben Apple mit dem iPhone macht vor allem Android den Finnen das Leben schwer.

Und dessen Erfolgsgeschichte scheint längst nicht zuende. Wie Googles Chef fürs mobile Geschäft Andy Rubin erst Anfang dieser Woche bekanntgab, aktiviert das Unternehmen inzwischen 900.000 Android-Geräte – und das wohlgemerkt am Tag. Damit hat sich die entsprechende Zahl binnen weniger als zwei Jahren mehr als vervierfacht, wie das Datenportal Statista in einem entsprechenden Chart zusammengestellt hat:

Quelle: Statista/Google

Parallel zu den Aktivierungen ist auch der Marktanteil von Android innerhalb des Smartphone-Segments regelrecht explodiert. Bis Ende 2011 stieg der Marktanteil des Google-Betriebssystems laut Marktforschungshaus Gartner auf mehr als 50 Prozent – vor allem zu Lasten von Nokia und Blackberry.

Das Wachstum hält bis heute an: Laut den jüngsten, Anfang Juni veröffentlichten Zahlen von Comscore wuchs der Android-Anteil, allerdings nur gemessen im US-Markt, im April um 2,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dort ist freilich Apple mit dem iPhone auch stärker als weltweit betrachtet.

Quelle: Business Insider/Gartner

Soweit die guten Nachrichten für Google. Denn wo viel Licht ist, dort fällt auch Schatten. Wie Anfang Juni der Apple-Spezialist Philipp Elmer-Dewitt vom US-Wirtschaftsmagazin „Fortune“ berichtet hat, rangiert bei der mobilen Internet-Nutzung Apple weit vor Google – und habe jüngst sogar noch zugelegt: Laut den Daten des US-Marktforschungshauses NetMarketShare sei der Anteil mobiler Geräte mit dem Betriebssystem iOS, also iPhones und iPads zusammen, beim Surfen zwischen Juni 2011 und Mai 2012 um gut 10 Prozent auf 62 Prozent gestiegen.

Im gleichen Zeitraum habe  die mobile Online-Nutzung unter Android nur bescheiden zugelegt, von 14 auf knapp 20 Prozent – obwohl der mobile Marktanteil gut doppelt so hoch ist wie derjenige von Apple. „Apple zerstört Android in der mobilen Web-Nutzung“, schreibt Henry Blodget vom Wirtschafts-Blog „Business Insider“ in gewohnt reißerischer Manier. Und wirft die berechtigten Fragen auf: „Wer genau nutzt Android eigentlich? Und warum lesen oder kaufen diejenigen nichts (relativ gesehen)?“

Quelle: Fortune/NetMarketShare

Blodgets Erklärung: Android sei eher populär bei Technik-affinen, aber eher unterdurchschnittlich verdienenden Nutzern, während Apple-Geräte vor allem von Konsum-affinen Menschen genutzt würden. Dies seien dann schlechte Nachrichten für Google, weil die große Zahl der Android-Nutzer dadurch auch bei der Internet-Suche – der eigentliche Ziel beim Aufbau der Android-Plattform ist es ja, das Suchmaschinen-Geschäft  auf das mobile Segment zu übertragen – weniger wertvoll seien.

Ein weiterer Schwachpunkt bei Android ist erst in dieser Woche wieder einmal deutlich geworden – und zwar indem Apple-Chef Tim Cook bei Apples Entwicklerkonferenz WWDC am Montag den Finger in die Wunde legte: Demnach seien bereits 80 Prozent aller Apple-Mobilgeräte auf der aktuellen, im Oktober 2011 veröffentlichten Betriebssystem-Version iOS 5. Auf die jüngste Android-Version 4.0 mit dem Code-Namen „Ice Cream Sandwhich“, die ebenfalls Ende 2011 auf den Markt kam, haben laut Google dagegen gerade mal bescheidene sieben Prozent aller Nutzer aktualisiert.

Quelle: Statista/Google

Diese auch hier im Blog schon behandelte Fragmentierung von Android ist ein wichtiges – und wachsendes Problem: Denn die Zersplitterung des Marktes in unterschiedliche Software-Versionen erschwert es Entwicklern zunehmend, ihre Apps für die jeweiligen Releasestände anzupassen und aktuell zu halten. Und Nutzer wiederum haben immer wieder frustrierende Erlebnisse, wenn Apps auf dem einen Android-Gerät funktionieren, auf dem anderen aber nicht verfügbar sind oder nicht fehlerfrei laufen.

Auch die Fragmentierung könnte eine Erklärung für die stark unterschiedliche mobile Internet-Nutzung darstellen. „Android verliert den Krieg der Plattformen, punktum“, hat vor einer Woche „Business Insider“ martialisch kommentiert. Vielleicht ist’s für diese Schlussfolgerung noch was zu früh. Fakt ist aber, dass Google sich schnell ein Gegenmittel gegen die Zersplitterung ausdenken muss, um gegen Apple zurück zu schlagen.

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Alle Kommentare [6]

  1. Interessante Analyse, doch ist die Darstellung der vermeintlichen Probleme von Android nicht ganz richtig. Es stimmt zwar, dass sich die die Fragmentierung nicht gerade positiv auf die Entwicklung von Apps auswirkt, doch es ist bereits bekannt, dass dieses Problem deutlich überbewertet wurde. Dadurch, dass Google mit dem AOSP-Projekt alle Quellcodes veröffentlicht, wird dem sehr gut entgegengewirkt.
    Das Argument, dass iOS weniger fragmentiert ist, macht viel mehr den Nachteil, nämlich die mangelnde Anpassungsfähigkeit an den Benutzer, von Apple deutlich. Wer ein Smartphone kauft, der hat mit Apple nur eine Wahl, nur Preisklasse.

    Niemand würde Windows den Tod voraussagen, weil es zu viele verschiedene PCs gibt. Ein Smartphone ist nun wirklich kaum noch etwas anderes.

  2. Ich denke das auch das bezahlen im PlayStore bei Google ein Problem ist. Es ist eine Kreditkarte nötig während es bei Apple auch andere Möglichkeiten gibt.
    Auch die Möglichkeit Musik & Co zu erwerben gibt es nur in den USA.

  3. Wenn man den Webtraffic von iphone und ipad zusammen wirft und dann weiß, dass speziell auf Tablets viele Bewegtbildinhalte genutzt werden, ist die ganze Story nur halb so spannend! Ich kann auch Lastwagen und PKW von Mercedes addieren und dann sagen: Die transportieren mehr Kilo als nur die BMW oder Audi KFZ. Da der Anteil von Android-Tablets nach wie vor sehr gering ist, sollte das Ergebnis also nicht erstaunen!

  4. Verstehe ich nicht. Was genau sagt uns die Chart über Mobile Web OS Share aus. Das mehr leute unterwegs mit IOS ins Internet gehen? Oder gehen Android User lieber mit Wifi ins Netz. Oder was? Verstehe ich nicht genau? Was soll uns das denn sagen?

  5. Sehr interessanter Artikel:-) Als persönlicher Android Nutzer denke ich, dass es wenn man den Faktor Zeit seit Markeinführung mit berücksichtigt, Google´s Android eine respektable Entwicklung hingelegt hat. Was das Thema Werbeeinnahmen angeht, so schließe ich mich hier der Meinung omx00 an und denke das der Tabletmarkt hier eine nicht unwesentliche Rolle spielt, da Google hier anscheinend noch keine richtie Strategie gefunden hat Android Tablets als Ergäzung zum Android Smartphone und damit der GoogleWelt als Einheit schmackhaft zu machen.

    Kenne keinen User, der sich via Smartphonedisplay im Mobilbrowser gerne Werbung anschaut (Egal ob Iphone,Android und Co). Glaube das viele wenn überhaupt eher über dazugehörige Apps kosumieren und die gibt es doch mittlerweile auf beiden Plattformen.

    Als die Schwächen von Android empfinde ich zur Zeit noch: – Ein fehelendes transparendes Sicherheitskonzept gegen virenverseuchte Apps im Market sowie die fehlenden Bezahlalternativen im Playstore (z.B. PayPal)

    Meine persönliche Meinung: Google wird Apple in naher Zukunft mit Abstand überholen, sofern das Angebot an digitalen Konsumgütern wächst , was es ja ständig tut bzw. wird mit Sicherheit noch wird (z.B. Bücher ja gerade gestartet im Playstore /Video-On-Deman Leihangeboten/ Musik) und auch flächendeckend angeboten wird. Nicht zuletzt auch wegen seinem größeren Angebot an individuellen Endgeräten durch die Hersteller, sowie der wachsenden Community ist es denke ich nur noch eine Frage der Zeit.

    Über Android bekommen viele Menschen eine Möglichkeit ins Mobile Zeitalter einzusteigen. So gibt es hier „Einstiegsgeräte“ bereits ohne Vertrag für unter 100 €, ein Iphone 3GS! liegt immernoch um die 300€…

    Persönlich denke ich auch das es bei Smartphones genug andere interessante Optionen für Google gibt und noch geben wird Erträge zu erzielen als die Miniwerbeeinblendung auf einem 3,5 Zoll Handydisplay.

    Am Ende gewinnt doch der der die meisten Endverbraucher auf seiner Plattform vereinen kann und hier sehe ich Google in naher Zukunft klar im Vorteil …