Kommentar zur Samwer- & Startup-Debatte: Habt ein bisserl mehr Selbstbewusstsein, bitte!

Mein Fazit zur aktuellen Diskussion über Rocket Internet: Die Startup-Szene in Deutschland ist weinerlich und wenig kritikfähig.

Im Heft der vergangenen Woche mit der Cover-Zeile „Drei glorreiche Halunken“ haben meine Kollegen Karin Finkenzeller, Henryk Hielscher und ich in einer großen Titel-Geschichte kritisch Rocket Internet näher durchleuchtet, das Startup-Imperium der drei Samwer-Brüder Oliver, Marc und Alexander.

Am Dienstag legte dann das ZDF mit einer ebenfalls kritischen Frontal21-Dokumentation „Die große Samwer-Show“ nach (aktuell noch anzuschauen in der Mediathek hier). Bei wichtigen Teilen der Recherche haben WirtschaftsWoche und Frontal21 kooperiert.

Was folgte, waren beinahe schon zu erwartende Reaktionen – insbesondere aus der Internet- und Startup-Szene: Stephan Dörner von „Wallstreetjournal.de“ etwa attestierte Deutschland und seinen Gründern hernach ein „gestörtes Verhältnis“. Sein Kommentar gipfelte in der These, insbesondere die ZDF-Doku sei typisch für das, „was in der deutschen Gesellschaft allgemein verbreitet ist: Eine Skepsis gegenüber dem Internet und insbesondere allen, die damit auch noch Geld verdienen wollen.“

Cover „Das intelligente Internet“ WiWo 11/2001 vom 08.03.2001

Ins gleiche Horn blies am Freitag Alexander Hüsing, Chefredakteur des Gründer-Portals „Deutsche-Startups.de“ (das, nebenbei, über den Gesellschafter European Founders Fonds Teil des Samwer-Imperiums ist): Unter dem Titel „Über Neid, Missgunst und ganz viel Schadenfreude“ reihte er in einem weinerlichen Konvolut das vermeintliche Unverständnis und Unwissen über Startups in Deutschland aneinander.

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich bei der WiWo neben IT- und Internet-Themen mit der deutschen Startups-Szene. Und ich finde: Derartige Einordnungen sind an der Tagesordnung – zumindest wenn man es einmal wagt, sich kritisch mit einzelnen Unternehmen oder Protagonisten auseinanderzusetzen.

Das habe ich mehrfach mit eigenen Geschichten erlebt. Mitte 2012 etwa beschrieb ich in einer großen siebenseitigen Aufmachergeschichte die aufblühende Web-Industrie in der Hauptstadt unter dem Titel „Berlin ist für Startups der Himmel auf Erden“. Oder vor wenigen Wochen eine mehrseitige Story über die noch kleine, aber stetig wachsende Zahl von Frauen, die als Unternehmerinnen die Start-Up-Szene erobern.

Aufmacher-Geschichte CeBIT-Spezial WiWo 11/2004 vom 04.03.2004

Die Reaktionen: Wenig bis gar nicht. So lange es gut läuft, berauschen sich viele Protagonisten der Szene offenbar gerne im vermeintlichen PR-Erfolg. Um es zugespitzt zu sagen: Man sonnt sich gewissermaßen im Selbstbildnis des digitalen Vorreiters und klopft sich ansonsten gegenseitig selbstzufrieden auf die Schulter.

Wehe aber, ein Außenstehender wagt es, gegen den Strich zu bürsten. So wie ich erst Anfang Februar, als ich in einer Aufmacher-Story den neuen Realismus in der Hauptstadt beschrieb, der wegen erster Pleiten und Notverkäufe nun dort einzieht – Stichwort: „Bei Berlins Startups ist die Party vorbei“. Was folgte, waren teils intensiv geführte Diskussionen mit Risikokapitalgebern und Gründern (nachzulesen bei mir im Blog hier).

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren: Solche Reaktionen sind bei kritischen Berichten eher die Regel als die Ausnahme – das beweist aktuell einmal mehr die Samwer-Debatte.

Aufmacher-Geschichte „Technik+Wissen“ WiWo 39/2006 vom 25.06.2006

Stets ist der Aufschrei innerhalb eines eng umrissenen Zirkels der Szene groß, und ein immergleiches Lamento erklingt: Die Kritiker hätten das Geschäftsmodell nicht verstanden; sie wüssten nicht, wie Startups funktionieren und seien dem Internet gegenüber ohnehin skeptisch eingestellt – so wie ja praktisch alle Deutschen.

Ich möchte hier gar nicht auf jedes einzelne Argument eingehen, nur so viel: Seit nunmehr 14 Jahren schreibe ich rund um Internet- und Hightech-Themen bei der WiWo. Und es gibt vermutlich wenige andere deutsche Medien, die den Wandel durch das World Wide Web derart wohlwollend begleitet haben wie meine Kollegen und ich.

Als Beweis nur mal ein paar aussagekräftige Screenshots von WiWo-Covern und Aufmacher-Geschichten zwischen 2001 und 2007. So viel also zu der Mär, „traditionelle Medien“ lehnten das Internet ab – und die damit einhergehenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Cover und 1. Megatrend Titel-Geschichte WiWo 7/2007 vom 12.02.2007

Nur um das klarzustellen: Natürlich ist inhaltliche Kritik an WiWo-Geschichten erlaubt – ja gar erwünscht. Was mich aber zunehmend nervt, sind reflexartig vorgetragene Totschlagargumente wie jenes, dass Journalisten ja ohnehin das Internet und die Startup-Szene nicht verstünden.

Mir scheint: Die Startup-Szene insgesamt ist zu weinerlich und zu wenig kritikfähig. Das wird insbesondere deutlich im Vergleich mit etablierten Unternehmen. Denn das, was eben auch Startups gelegentlich aushalten müssen, nämlich dass Journalisten mal näher hinschauen und Dinge kritisch hinterfragen, ist für viele Großunternehmen Alltag. Und zwar ohne dass diese jedes Mal die „Nicht-Verstanden-haben“- und Arroganz-Keule schwingen.

Daher mein Appell an die Startup-Szene, insbesondere in Berlin: Habt doch ein bisserl mehr Selbstbewusstsein, bitte!

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Alle Kommentare [2]

  1. Die Artikel zu den Samwer-Brüdern verwende ich in meinen 3-tägigen Blockseminaren „Effektiv Kommunizieren“ an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf für spontane Rhetorik-Kleingruppenarbeiten. Die Studenten (21-27J.) hatten sowohl in 2013 als auch im Sommersemester 2014 keine Ahnung – das Samwer-Imperium war nicht bekannt, nur Zalando und Jamba (ohne Hintergrundinfo) waren natürlich ein Begriff. Ich denke, die Art der Berichterstattung der Wirtschaftswoche ist genau das, was interessiert und auch erinnert wird. Im Wintersemester 2014 spielt Ihr neuer Artikel in meinen Seminaren wieder eine Rolle – er gehört zur Allgemeinbildung der Studenten 🙂

  2. Hallo Frau Vos,

    danke für die Blumen. Klingt spannend. Vielleicht berichten Sie mir mal, wie Ihre Studenten mit dem Thema umgehend respektive wie deren Perspektive darauf ist.

    Viele Grüße
    Michael Kroker