Facebook und Google: Im Hyper-Rausch der Innovationen

Der Konkurrenzkampf zwischen den Internetunternehmen Google und Facebook entwickelt sich immer mehr zur Achterbahnfahrt, mit wilden Ausschlägen in die eine wie die andere Richtung. Als der Suchmaschinenriese Google sein eigenes soziales Netzwerk Google+ Ende Juni startet, wird der Dienst schnell als „Facebook-Killer“ durchs digitale Bloggersdorf getrieben. Mitte September, die Nutzungszahlen von Google+ stagnieren gerade erstmals, zieht Marktführer Facebook mit Neuerungen nach, die stark an Funktionen des neuen Emporkömmlings erinnern – beispielsweise die automatische Einordnung in Listen.

Lakonischer Kommentar mancher Marktbeobachter: Facebook sei nur noch ein Nachahmer und habe dadurch bereits den Weg von Yahoo eingeschlagen – jenem Portal, das einmal die führende Zugangspforte ins Internet darstellte, diesen Vorsprung aber aufgrund Nachlässigkeit und Ignoranz an Google verloren habe. Vint Cerf, Web-Veteran der ersten Stunde und inzwischen – das muss man an dieser Stelle herausheben – Internet-Evangelist in Diensten von Google, sieht Facebook gar bereits in den Fußstapfen von AOL oder IBM. Wirklich durch Zahlen untermauern lassen sich derlei Behauptungen nicht: Nach einer jüngst von Comscore veröffentlichen Studie konzentriert Facebook mehr als 90 Prozent aller auf sozialen Netzwerken wie Twitter, LinkedIn oder Tumblr verbrachten Surfminuten auf sich.

chart-fb-vs-socnetQuelle: Comscore/Silicon Alley Insider

Wenige Tage später, nämlich am vergangenen Donnerstag, schickt Facebook einen zweiten Gegenschlag hinterher – und der sollte es wirklich in sich haben: So haben Zuckerbergs Mannen das komplette Layout des Netzwerks überarbeitet, die Pinnwand wird künftig von der sogenannten Timeline abgelöst – gewissermaßen einer virtuellen Lebenslinie als lebenslangem Archiv (die weiteren Details der Neuerungen hat mein Kollege Sebastian Matthes analysiert).

Kaum veröffentlicht, dreht sich der Tenor der Kommentare fast um 180 Prozent: Pete Cashmore, Gründer des angesehenen Technologie-Blogs „Mashable“, kommentiert die Neuerungen in einem Gastkommentar für „CNN Online“ beinahe frenetisch: „Ihr werdet ausflippen, wenn ihr die neue Timeline seht – die beste Neurung in der Geschichte von Facebook.“ Mehr noch: Mancher Beobachter sieht nun auf einmal Facebook in der Rolle des Vorreiters und Google als denjenigen, der hinterhertrottet. „Facebook hat das Internet neu definiert. Wieder einmal“, so MG Siegler vom renommierten IT-Blog „Techcrunch“. Gleichzeitig veröffentlicht die Investmentbank Citi eine Studie über die Internet-Nutzung in den USA: Demnach verbringen die Amerikaner mittlerweile rund 16 Prozent ihrer Online-Zeit auf Facebook – mit weiter wachsender Tendenz; während alle Google-Seiten bei knapp 12 Prozent stagnieren.

chart-fb-vs-others-time-spentQuelle: Citi Investment/Silicon Alley Insider

Wieder einmal beweist sich damit, dass Wettbewerb gut ist. Im Falle von Facebook und Google scheinen sich beide Unternehmen ob des Konkurrenzkampfes um die Herrschaft im Netz gegenseitig zu immer neuen Höchstleistungen anzustacheln. Der Nutzer erlebt jenes Rennen quasi wie im Hyper-Rausch der Innovationen. Und der Geschindigkeits-Kick wird weitergehen, spätestens wenn Facebook seine Neuerungen freischaltet. Schon mehren sich die Stimmen, die der Zuckerberg-Company einen unstillbaren Datenhunger vorwerfen, wieder einmal. Journalist und Blogger Olaf Kolbrück von der Marketingzeitung „Horizont“ beispielsweise hat dieser Tage schon mal vorsorglich angekündigt, von Facebook künftig die Finger lassen zu wollen.

Ein erster Vorbote eines gewiss wieder anschwellenden Bocksgesangs. Übrigens: Wer ausprobieren möchte, wie das eigene Profil im neuen Layout aussieht, braucht nicht auf die offizielle Freischaltung zu warten. Bei Techcrunch gibt’s eine – leider nur englischsprachige – Anleitung, wie man die neue Timeline bereits heute freischalten kann. Das Tutorial dazu gibt’s hier. Und wem das zuviel Frickelei ist, der kann sich das offizielle Video anschauen, das Facebook zur Präsentation der neuen Dienste konzipiert hat:

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  1. Wie immer ist die aktuelle Situation zwischen Facebook und Google+ nur eine Momentaufnahme. Gerade erst hat Google+ sein Netzwerk für alle Internetuser geöffnet. Der Impact welcher dadurch generiert wird, ist noch gar nicht absehbar. Hinsichtlich der Monetarisierung traue ich Google+ mehr zu, allerdings scheint die soziale Komponente derzeit noch eher als Kernkompetenz von Facebook durchgehen zu dürfen. Aber wie gesagt, es ist nur eine Momentaufnahme. Dazu passt auch, dass heute die VZ Netzwerke mit einem Neustart versuchen wieder Boden gut zu machen: https://www.basicthinking.de/blog/2011/09/27/neustart-der-vz-netzwerke-abenteuerspielplatz-mit-10-millionen-mitspielern/