Was will Microsoft mit dem Telefondienst Skype?

Angeblich will sich der Software-Riese aus Redmond den Internet-Telefoniedienst Skype in einem Milliarden-Deal unter den Nagel reißen.

(Update 10.05.2011 14:25 Uhr: Hier die offizielle Bestätigung des Kaufs durch eine Microsoft-Pressemitteilung.)

Wie die amerikanische Wirtschaftszeitung „Wall Street Journal“ heute berichtet, steht der Softwaregigant Microsoft kurz vor dem Kauf des Internet-Telefondienstes Skype – für einen stolzen Kaufpreis inklusive Schuldenübernahme in Höhe von 8,5 Milliarden Dollar, angeblich in bar. Zwar können die Redmonder diesen Betrag angesichts zuletzt mehr als 50 Milliarden Dollar Cash in der Bilanz locker aus der vielgerühmten Portokasse bezahlen.

Dennoch wäre dies der größte Deal in der 36-jährigen Geschichte von Microsoft – und beweist, wie verzweifelt der einst so dominante Software-Hersteller versucht, in wichtigen Zukunftsmärkten wieder den Anschluss an die Marktführer zu erhalten. So überraschend die Übernahme auf den ersten Blick anmutet: Tatsächlich könnte Skype den Redmondern gleich auf mehreren Feldern helfen:

Quelle: Nielsen

Beispiel Handy-Geschäft: Trotz der mit allerlei Marketinggetöse im vergangenen Jahr vorgestellten neuen Handy-Plattform Windows Phone 7 kommt Microsoft im Mobilfunk nicht recht vom Fleck: Laut jüngst veröffentlichter Studie von IDC ist das Smartphone-Geschäft allein im ersten Quartal dieses Jahres um fast 80 Prozent explodiert – ein Boom, der an Microsoft offenbar völlig vorbeirauscht: Laut Berechnung eines russischen Mobilfunk-Analysten hätten die Redmonder im vergangenen Jahr nicht einmal 700.000 Geräte mit dem Handy-Windows an den Mann bringen können.

Zum Vergleich: Apple hat von seinem Megaseller iPhone 4 allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres fast 19 Millionen Stück losgeschlagen. Entsprechend mies sind die Marktanteile. Wie der US-Marktforscher Nielsen kürzlich berichtete, ist der Trend sogar rückläufig: Demnach besitzen insgesamt 10 Prozent der Nutzer in den USA ein Windows-Smartphone. Von denen, die sich kürzlich ein neues Gerät zugelegt haben, wollten aber gerade mal 7 Prozent zu Microsoft greifen.

Weil Skype auch auf Handys läuft, wäre der Dienst eine willkommene Option, um die Plattform Windows Phone attraktiver für die Endkunden zu machen. Zudem können Nutzer über Skype auch Videotelefonate führen – damit hätte Microsoft eine Alternative zu den vergleichbaren Angeboten der Erzrivalen Apple Facetime fürs iPhone sowie Google Talk für Android. Der Haken dabei: Telefonate innerhalb von Skype sind kostenlos – weil viele Handy-Nutzer eine Internet-Flatrate haben. Dadurch sinkt der Telefonieumsatz der Netzbetreiber. Auf deren Wohlwollen ist Microsoft jedoch angewiesen, um überhaupt noch eine Chance gegen die übermächtigen Wettbewerber zu haben, schließlich verfügen die Telekom-Konzerne immer noch über den wichtigsten Vertriebskanal hin zum Endkunden.

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Quelle: Silicon Alley Insider

Ähnlich mies wie im Handymarkt sind Microsofts aktuelle Aussichten im Internetgeschäft. Trotz gigantischer Investitionen kommen die Redmonder gegen den Erzrivalen Google nur in Trippelschritten voran. Laut Studie des US-Marktbeobachters Comscore stieg der Marktanteil der Microsoft-Suchmaschine Bing zuletzt um 0,3 Prozent auf 13,9 Prozent – aber nicht auf Kosten von Google, sondern von Vermarktungspartner Yahoo, der seit August 2010 die Bing-Suche auf dem eigenen Portal einsetzt. Wenig verwunderlich also, dass die Online-Sparte von Microsoft seit Jahren rote Zahlen schreibt – allein im jüngst berichteten Finanzquartal waren es 726 Millionen Dollar Miese.

Skype als gut eingeführte Online-Marke könnte Microsoft helfen, im Internet mehr Fahrt aufzunehmen. Das Unternehmen, das das Internet-Auktionshaus Ebay 2005 für 2,6 Milliarden Dollar kaufte und 2009 mehrheitlich an eine Investorengruppe abgab, verfügt laut im März veröffentlichten Zulassungsantrag für einen möglichen Börsengang über fast 700 Millionen registrierte Nutzer weltweit und setzte 2010 rund 860 Millionen Dollar um, allerdings bei einem Verlust in Höhe von sieben Millionen Dollar.

Größter Mehrwert im Geschäftskundensegment?

Den größten Mehrwert für Microsoft kann Skype aber möglicherweise im Geschäftskundensegment liefern. Grund: Die hochprofitable Office-Sparte der Redmonder – sie erwirtschaftete zuletzt einen Umsatz von 5,2 Milliarden und einen Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar – hat mit Lync ein Produkt im Angebot, das E-Mail, Instant-Messaging sowie Audio- und Video-Telefonie in einem einzigen Angebot bündelt. Hier wäre Skype eine passende Ergänzung. Umgekehrt könnte Microsoft dem Internet-Telefoniedienst durch die enorme Verbreitung seiner Office-Produkte helfen, seine eigenen, bisher noch weitgehend erfolglosen Bemühungen um zahlende Unternehmenskunden auszuweiten – somit würden sogar beide Partner profitieren.

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Alle Kommentare [2]

  1. Es bedeutet wahrscheinlich, dass es mehr Kompatibilität zwischen Microsoft und Skype nach der Handlung gibt.
    Als ein ausländischer Student, die Handlung ist gut für mich~~

  2. Was will MS damit?…. Ist doch klar, alle Kunden von Skype verlieren. Warum sind den Skype-Kunden Skype-Kunden? Weil keiner von denen was mit Microsoft zu tun haben wollte! Mal zuschauen, wie schnell sich jetzt alle Skype-Kunden einen neuen Provider suchen werden….