Showdown zwischen SAP und Oracle

Der eigentliche Hintergrund des jahrelangen Streits zwischen SAP und Oracle gilt längt als unstrittig: Im Jahr 2007 reichen die Amerikaner eine Klage wegen Industriespionage gegen die Deutschen und ihr Tochterunternehmen Tomorrow Now ein. Später kam noch der Vorwurf der Patent- und Urheberrechtsverletzung dazu. SAP hatte Tomorrow Now 2005 gekauft; der Service-Anbieter wartete im Kundenauftrag Software-Pakete von Oracle. Im Rahmen dieser Software-Pflege durften die Mitarbeiter von Oracle-Rechnern Programme herunterladen. Dabei stießen sie offenbar mehrfach übers Ziel hinaus, wie SAP Mitte 2007 erstmals einräumte. Erst im August dieses Jahres gab SAP die Verstöße seiner 2008 geschlossenen Tochter erneut zu und räumte eine finanzielle Verantwortung ein.

Gestern hat der Prozess vor einem Gericht in Oakland nahe San Francisco mit der Auswahl der achtköpfigen Jury durch die beiden Parteien begonnen. Wegen des Schuldeingeständnisses durch SAP geht es in dem eigentlichen Verfahren „nur“ noch um die Frage der finanziellen Entschädigung von Oracle. Und diesbezüglich könnten die Erwartungen der Kontrahenten kaum weiter auseinander liegen. Oracle fordert nicht nur eine Kompensation von tatsächlich entgangenen Umsätzen, sondern will hier auch die im US-Recht vorgesehenen „Was-wäre-wenn“-Umsätze miteinbeziehen. So kommen die Amerikaner auf eine Forderung von insgesamt rund zwei Milliarden Dollar. SAP hält dagegen maximal einen zweistelligen Millionenbetrag für angemessen, hat aber im Bericht fürs dritte Quartal in der vergangenen Woche die Rückstellungen für den Gerichtsprozess von 100 auf 160 Millionen Dollar erhöht.

SAP fürchtet „Medienzirkus“ durch Oracle

Gleichzeitig fürchten die Deutschen, dass Oracle-Boss Larry Ellison die ursprünglich bis Mitte Dezember terminierte juristische Auseinandersetzung vor allem auch als Showbühne in eigener Sache nutzen wird – und zur Bloßstellung missliebiger Konkurrenz. Das betrifft gar nicht mal nur SAP, sondern längst auch andere Unternehmen. So keilte Ellison in der vergangenen Woche im großen Stil gegen Hewlett-Packard. Grund: Zeitgleich mit dem Prozessbeginn startet die Amtszeit des neuen HP-Chefs Léo Apotheker – der bis Februar dieses Jahres noch an der Spitze von SAP stand. „Leo wusste von dem Datenklau. […] HP sollte seinen Slogan von ‚Invent‘ zu ‚Entwenden‘ ändern“, ließ sich der Oracle-Chef in der vergangenen Woche gewohnt markig zitieren.

Auch aus diesem Grund preschten die Walldorfer Mitte vergangener Woche mit einem erneuten Kotau vor: In einem Schreiben an das zuständige kalifornische Gericht betonen die SAP-Anwälte, sie wollten künftig die Vorwürfe von Oracle unwidersprochen hinnehmen, auch das Management von SAP – und nicht nur die Mitarbeiter von TomorrowNow – hätten von dem Datendiebstahl gewusst (das Schreiben und viele weitere Details finden sich auf einer von SAP eingerichteten Webseite zu dem Verfahren). In den Augen von SAP ändert das nichts an der Ausgangslage, da man die Verantwortung für den Missbrauch ja bereits eingeräumt habe.

Der Schritt soll den Prozess abkürzen, um Ellison so die Bühne für einen geplanten „Medienzirkus“ zu entziehen. „Der Punkt ist, dass Oracle schlicht und einfach vorhat, das wochenlange Verfahren zu nutzen, um seine Wettbewerber zu schikanieren“, so SAP-Anwalt Tharan Lanier in dem Schreiben an die zuständige Richterin Phyllis Hamilton. Die gab dem Antrag tatsächlich statt – wenn auch in geringerem Umfang als von SAP ursprünglich beabsichtigt – und kürzte die Redezeit beider Parteien von 36 auf jeweils 30 Stunden. Einen von SAP ebenfalls beantragten „Maulkorb“ für die Prozessbeteiligten verwarf Hamilton dagegen am vergangenen Freitag ebenso wie den Antrag von Oracle auf Vertagung des Prozessauftaktes.

Fragwürdige SAP-Strategie

Kann die SAP-Strategie tatsächlich aufgehen, mit derart weitreichenden Geständnissen die finanziellen Auswirkungen des Verfahrens gering zu halten? Immerhin entscheidet über die Strafe eine Geschworenen-Jury. Ob die neutral ist gegenüber beiden Verfahrensparteien angesichts des seit Wochen andauernden Vorgeplänkels? Das ist zumindest schwer vorstellbar. Zumal bereits erste US-Medien nach dem neuerlichen SAP-Eingeständnis der vergangenen Woche nun eher ein Strafmaß in der Nähe der Oracle-Forderung von zwei Milliarden Dollar für wahrscheinlich halten.

Zudem bleibt die Frage, wer letztlich alles vor Gericht aussagen muss. Auf einer Liste möglicher Zeugen hat Oracle als Kläger die ehemaligen SAP-Vorstandschefs Henning Kagermann und Léo Apotheker ebenso wie den SAP-Aufsichtsratschef Hasso Plattner benannt. Sollte tatsächlich auch der SAP-Mitgründer Plattner aussagen müssen, dürfte es besonders spannend werden. Wie spinnefeind er und Ellison sich sind, haben die beiden Software-Ikonen in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt. Eins indes scheint bereits jetzt klar zu sein: Die kommenden Wochen dürften noch so manche Überraschungen bringen.

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Alle Kommentare [1]

  1. Das Urteil auf Schadensersatz wird knapp unter einer Milliarde US Dollar liegen. Warum? US-Gerichte sprechen sich immer gegen ausländische Unternehmen aus, damit sich die einheimischen Firmen bereichern können. Gerade die Deutschen sind gern gesehene Opfer. Nie hat ein deutsches Unternehmen in den USA gewonnen. Daran wird sich auch nichts ändern.