Die Folgen eines möglichen SAP-Verkaufs für den Standort Deutschland

Ende September hat der amerikanische IT-Gigant Hewlett-Packard völlig überraschend den ehemaligen SAP-Chef Léo Apotheker als neuen Vorstandschef präsentiert. Apotheker bringt vor allem Know-how aus der Software-Industrie mit, immerhin hat er insgesamt rund 20 Jahre bei SAP gearbeitet. Wenig verwunderlich also, dass Branchenkenner die Berufung Apothekers als ersten Schritt in Richtung eines Kaufs durch einen Wettbewerber deuten – insbesondere auch deshalb, weil zeitgleich SAP-Mitgründer und Großaktionär Klaus Tschira höchstpersönlich die Übernahmedebatte im Gespräch mit der WirtschaftsWoche angeheizt hat.

Ob und wann ein SAP-Verkauf tatsächlich stattfinden wird, bleibt abzuwarten. Doch im Nachgang zu meiner SAP-Geschichte hat mich die Frage umgetrieben, welche Auswirkungen dieser Schritt für den Standort Deutschland hätte. Immerhin ist SAP mit seinem Hauptsitz im nordbadischen Walldorf eines der wenigen Aushängeschilder der deutschen IT-Szene; ja einer der ganz wenigen Konzerne mit Weltgeltung in diesem zukunftsträchtigen Segment. Trotz aller Globalisierung arbeiten etwa von den 14.000 Software-Entwicklern bei SAP immer noch mehr als ein Drittel in Walldorf. Daher habe ich einige namhafte Persönlichkeiten aus der deutschen IT-Industrie befragt, welche Folgen sie nach einer möglichen Übernahme erwarten würden. Über Ihre Kommentare zu dem Thema, geschätzte Leser, würde ich mich natürlich auch sehr freuen – und zwar hier.

August-Wilhelm Scheer, Präsident des ITK-Branchenverbandes Bitkom, ist wegen der möglichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt gelassen und verweist dazu auf die deutsche Niederlassung des US-Konzerns IBM als Positivbeispiel. Kritischer sieht er dagegen die Folgen für das Image des hiesigen Standorts (Nebenbemerkung: Der 69-Jährige hat im vergangenen Jahr selber verkauft – seine Anteile an der von ihm vor 25 Jahren gegründeten IDS Scheer AG wurden im Rahmen einer freundlichen Übernahme von der Software AG aus Darmstadt erworben):

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„Das Image als Technologiestandort würde Schaden nehmen“

August-Wilhelm Scheer, Präsident des deutschen ITK-Branchenverbands Bitkom

»Mit einem Verkauf würde SAP aller Voraussicht nach ihre Eigenständigkeit verlieren. Dies hätte Auswirkungen auf die Produkt- und Lösungswelt der SAP, was wiederum das Unternehmen selbst und die umgebenden Wertschöpfungsbereiche wie etwa die SAP-Beratung verändert. Dabei stellt sich die Frage, wo das Management anschließend seinen Sitz hätte und wo die Entscheidungen über die Unternehmensstrategie getroffen würden.

Ob sich – wie vermutet – tatsächlich Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation ergeben, wird abzuwarten sein. So beschäftigt beispielsweise IBM in Deutschland mehr als 20.000 Mitarbeiter und erbringt von hier aus Forschungs- und Entwicklungsleistungen für den Weltkonzern. IBM ist damit das größte IT-Unternehmen in Deutschland. Die Frage, wo der Mutterkonzern sitzt, hat zwar Bedeutung für die internationale Verteilung von Betriebsstätten und Arbeitsplätzen, ist aber nicht allein ausschlaggebend. Ebenso wichtig sind die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Spezialisten oder die steuerlichen Rahmenbedingungen. Und diese wiederum sind unabhängig vom Unternehmen eine politische Gestaltungsaufgabe.

Echten Schaden würde das Image Deutschlands als innovativer Technologiestandort nehmen. Schon heute ist es schwer genug, Amerikanern zu erklären, weshalb sie in Deutschland Software kaufen sollen. Deutschlands Ruf als Europas stärkster IT-Standort ist maßgeblich mit der SAP verbunden. Dies würde verloren gehen. Nach der IT-Hardware (Nixdorf), der Unterhaltungselektronik (Grundig und fast alle anderen) und Handys (Siemens, Infineon Wireless) würde damit der letzte eigenständige Bereich der deutschen IT-Branche abwandern. Es blieben – neben Teilen der Kommunikationstechnik – nur noch Nischen.«

Achim Berg, früher Deutschland-Chef von Microsoft und heute weltweit für das Handy-Geschäft der Redmonder verantwortlich, sieht Gefahren für den Standort Deutschland, würde SAP nach einem Kauf komplett in dem neuen Besitzer aufgehen. Positiv sieht der 46-Jährige dagegen, dass SAP mit einem starken Partner die Chance erhielte, auch neue Märkte zu adressieren (Nebenbemerkung: Mitte 2004 machten Microsoft und SAP im Rahmen einer Kartelluntersuchung gegen Oracle öffentlich, dass beide Unternehmen zuvor über eine „möglichen Merger“ diskutiert hätten, diese Gespräche aber wegen der „Komplexität der potenziellen Transaktion“ frühzeitig wieder beendet worden seien – das freilich war deutlich vor dem Jahr 2007, als Berg von der Deutschen Telekom zu Microsoft wechselte):

„SAP mit starkem neuem Besitzer könnte neue Bereiche bedienen“

Achim Berg, weltweiter Marketingchef des Handygeschäfts von Microsoft

»SAP ist das deutsche IT-Vorzeige-
unternehmen mit weltweitem Einfluss und Botschafter hervorragender Software-Entwicklung ‚Made in Germany‘. Ich weiß nicht, ob eine Übernahme durch ein ausländisches Unternehmen denkbar bzw wahrscheinlich ist; es hätte aber auf jeden Fall mittelfristig Auswirkungen auf den IT-Standort Deutschland.

Es ist nahezu sicher, dass nach erfolgter Übernahme zuerst die strategischen Entscheidungen an die neue Konzernzentrale übergehen werden und anschließend auch Planung, Integration und andere Bereiche. Übrig bliebe einzig die Produktion. Das wiederum reduziert die Attraktivität als Arbeitgeber und wird sich auch im IT-Nachwuchs zeigen – weniger Talente werden in die Bereiche strömen, wenn es keine attraktiven Jobs gibt. Auch Zulieferer, Partnerunternehmen und verwandte Branchen werden das spüren – bleibt letztendlich die Frage, warum man die Programmierung in Deutschland lassen sollte. Wirklich kritisch wird es für den Standort Deutschland, wenn SAP komplett in einem neuen Unternehmen aufgehen und F&E sowie Innovationen aus Deutschland verschwinden würden. Dann würde SAP Deutschland als reine Vertriebs-/Marketinggesellschaft übrig bleiben.

Auf der anderen Seite wäre eine starke SAP mit einem starken neuen Besitzer auch wiederum in der Lage, neue Bereiche zu bedienen, etwa den Mittelstand. Das hätte positive Auswirkungen auf die starke Partnerlandschaft in Deutschland – analog zu Microsoft, wo mit jedem umgesetzten Euro sieben zusätzliche Euro bei Partnern verdient werden. Dies könnte auf den hiesigen Standort belebend wirken.«

Werner Sülzer, mit Stationen unter anderem beim französischen IT-Konzern Bull, dem italienischen Anbieter Olivetti, zuletzt Europachef beim US-Hersteller NCR und heute als Top-Berater unterwegs, mahnt dagegen vor den Folgen eines Verkaufs auch auf weitere Industrien wie etwa der bereits stark von Software abhängigen Automobilbranche. Das Plädoyer des 64-Jährigen: SAP solle die Stärke des Euros nutzen und selber auf Einkaufstour gehen:

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„SAP sollte den Spieß umdrehen und selber Unternehmen aufkaufen“

Werner Sülzer, Ex-Europachef des amerikanischen IT-Konzerns NCR

»Wenn SAP von wem auch immer übernommen würde, wäre das sicherlich nicht der Untergang des Industriestandorts Deutschland. Auch als Siemens sich aus dem Geschäft mit Großrechnern, Telekommunikationsausrüstung oder zuletzt dem PC-Geschäft zurückzog brach die Welt – zunächst – nicht zusammen. ABER Stück für Stück verloren wir in Deutschland Technologien und Wissen. Die Fertigungshallen deutscher Unternehmen stehen heute ohnehin schon oft in China, Indien oder Polen. Wenn jetzt auch die stark wissensbasierten Tätigkeiten sukzessive abwandern, so hat dies große langfristige Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Würde SAP verkauft, so würden wir das größte deutsche IT-Unternehmen mit Weltgeltung verlieren. Der Imageschaden wäre gewaltig. Die Attraktivität des deutschen Industriestandorts für IT-Investitionen würde radikal abnehmen. Von heute fast einer Million Arbeitsplätze in der ITK-Branche würde ein großer Teil mittelfristig in andere Länder wie USA oder Indien abwandern.

In Deutschland hätten wir in der IT-Branche lediglich noch Nischenanbieter. Nach Optik/Foto, Unterhaltungselektronik (Grundig war mal Marktführer!), Kommunikationstechnik (SEL, Siemens, AEG), Computer (Siemens, Kienzle, Nixdorf) gäben wir auch die Software und Softwareentwicklung stückweise auf. Dies würde sich definitiv auch auf die Automobil-Industrie und den Maschinenbau auswirken, die bereits heute in hohem Maße Software-nahe und vor allem Software-abhängige High-Tech-Branchen sind.

Wir müssen uns dagegen wehren – jetzt! SAP sollte in Anbetracht des starken Euros die Option ernsthafter prüfen, den Spieß umzudrehen und selber passende Unternehmen aufzukaufen.«

Und jetzt ist Ihre Meinung gefragt: Schreiben Sie mir, welche Auswirkungen auf den Standort Deutschland Sie im Falle eines SAP-Verkaufs erwarten! Ich bin gespannt.

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Alle Kommentare [6]

  1. Die SAP und die Software AG sollten fusionieren! Das wäre die Ideallösung für das multinationale IT Unternehmen aus Deutschland. Die Lösungen der beiden Häuser, die in den Unternehmen ohnehin bereits heute im Zusammenspiel genutzt werden, könnten zukünftig noch besser verzahnt und deren Potential optimiert werden…

  2. Da der SAP-Vorstand seit Jahren nicht gelingt das organische Wachstum stark zu forcieren (mangelnde Mitarbeiterkompetenz oder nicht ausreichende Managementgestaltungskraft?), , muss wohl massiv zugekauft werden, um nicht Übernahmekandidat zu sein. Wobei die nationale Lösung, wie von M. Kroker vorgeschlagen, m.E. das Übernahmeszenario nur zeitlich hinausschiebt.

  3. Ja so einfach ist das! Da holt man sich einen Ex-Vorstand, der mal nebenbei nicht abgeworben wurde, sondern gerade arbeitslos war und fertig ist der Übernahmecoup ! Für mich sind da einige Motivationen unklar:
    Was hätte HP davon ? Was hätte Herr Apotheker davon ? Nicht viel außer viel Ärger …

  4. Die Diskussionen um einen Verkauf der SAP sind in etwa so alt wie das Unternehmen selbst und langweilen langsam. So wie die Tatsache, das immer vom Unternehmen in der „badischen Provinz“ gesprochen wird, obwohl die Metropolenregion Rhein-Neckar zu den wirtschaftlich potentesten Regionen Europas gehört.
    Ich stimme Herrn Sülzer zu, das die SAP einfach weiter den Spieß umdrehen sollte und selber dazukaufen sollte (Wie ja im Falle von BO und Sybase schon geschehen).

  5. Solange Daimelr, WV, Audi, oder BMW die Imageträger für die deutsche Industrie sind, ist die Übernahme von SAP nur eine Folge von falsche Subventionspolitik der deutsche Regierung, mangelnde Lobbyarbeit der Softwarebranche, und hausgemachten Problemchen bei SAP selber. SAP ist eindeutige eine typisch deutsche Produkt mit „user unfriendly UI“ und „do-it-by-yourself-Mentalität“ aber (leider) kein deutsche Aushängeschild für das Land im Ausland, insbesondere in Asien, wo SAP im 2009 die Umsatzsteigerung von 20% erreichte.