Apple – in den Fußstapfen von Microsoft

(Update 02.06.2010 09:50 Uhr: Zwei weitere Fälle von App-Zensur – siehe unten)

Es war einmal einmal ein kleiner Computerhersteller aus Kalifornien. Der baute eigenwillige und von vielen Kreativen heißgeliebte Rechner. Die große Masse der Nutzer verschmähte die schicken Kisten jedoch weitgehend, so dass der David beinahe vom übermächtigen Goliath an die Wand gedrückt wurde. Doch der Gorilla war schlau: Um nicht noch den letzten Konkurrenten zu eliminieren und sich selbst zum reinrassigen Monopolisten aufzuschwingen, gab er dem maladen David eine Kapitalspritze in Höhe von 150 Millionen Dollar. Das war 1997, damals hieß der David Apple und der Goliath Microsoft.

Der Rest ist Geschichte: Der im gleichen Jahr als CEO zurückgekehrte Apple-Gründe Steve Jobs führt den Mac-Hersteller unter dem Motto „Think different“ erst aus der Enge des Computer-Nischenherstellers. Um danach mit seinem Unternehmen einen Markt nach dem anderen aufzurollen und zu dominieren: Sei es 2001 mit dem iPod das Segment der digitalen Musikspieler, durch den 2003 eröffneten Musikshop iTunes die legalen Musik-Downloads im Web, oder mit dem 2007 eingeführten iPhone das Smartphone-Geschäft. Mithilfe des vor rund zwei Monaten veröffentlichten Tablet-Rechners iPad hat Jobs sogar erstmal einen komplett neuen Markt kreiert.

So vergeht inzwischen kaum noch eine Woche ohne Erfolgsmeldung aus dem Apple-Hauptquartier in Cupertino: Erst am Montag dieser Woche gab Jobs bekannt, sein Unternehmen habe zwei Millionen Rechenflundern in weniger als 60 Tagen unters Volk gebracht. Und Ende vergangener Woche machte eine oberflächlich betrachtet nebensächliche, aber in ihrer Symbolkraft eben doch sehr aussagekräftige Nachricht die Runde: Apple hatte Microsoft vom Thron des wertvollsten High-Tech-Konzerns der Welt gestoßen. Laut New York Times markiert dies das Ende einer Ära – und den Beginn einer neuen: „Das wichtigste Technikprodukt steht nicht mehr auf dem Arbeitsplatz, sondern liegt in Hand.“ (eine tolle Infografik mit einem Langfristvergleich der Börsenkurse von Microsoft und Apple (s.u.) sowie viele weitere interaktive Daten gibt’s hier).

Quelle: New York Times

Doch wo viel Licht ist, fällt eben auch genug Schatten. Denn gleichzeitig scheint es so, als wolle Apple-Boss Steve Jobs seinen einstigen Erzrivalen Microsoft nicht nur beim Börsenwert übertrumpfen. Im Februar dieses Jahres etwa zieht Jobs den Unmut vieler Applikationsentwickler fürs iPhone auf sich, als er von einem Tag auf den anderen rund 5000 Apps aus seinem Shop verbannt und neue Regeln für deren Zulassung aufstellt.  Die Begründung: Die Inhalte der beanstandeten Anwendungen seien „sexuell anstößig“ gewesen. Nur zur Verdeutlichung: Jeder App-Anbieter muss seine Software fürs iPhone oder das iPad bei Apple vor Veröffentlichung einreichen; über den Zugang zum App Store entscheiden einzig und allein die Tester in Cupertino. Erst Mitte Mai verteidigt Jobs diese Zensur höchstpersönlich in einem länglichen E-Mail-Disput mit dem US-Blogger Ryan Tate; seine Argumente lassen sich freilich in einem Satz zusammenfassen: Er wolle der Welt „von Porno befreien“.

Aber auch seriöse Software-Hersteller wie etwa der US-Wettbewerber Adobe sind seit längerem Ziel des Apple-Chefs: Erst im April erläutert Jobs in einem Traktat mit dem Titel „Thoughts on Flash“ auf der Apple-Webseite, warum er keine Apps mit der von Adobe vermarketeten Programmiersprache auf seine Geräte lasse. Seine Hauptbegründung: Flash sei alte PC-Technologie, Apple dagegen fühle sich neuen, offenen Web-Standards verpflichtet.

Was neutrale Beobachter nur als schlechten Scherz empfinden können, denn im Grunde ist das gesamte Apple-Ökosystem viel abgeschotteter gegenüber Konkurrenz von außen, als es Wettbewerber jemals waren. Beispiel Musikmarkt: Der Online-Shop iTunes Music Store funktioniert ausschließlich im Zusammenspiel mit Apples hauseigenem Abspielgerät iPod; ganz ähnlich sieht es mit dem App Store und den Geräten iPhone sowie iPad aus. Vergegenwärtigt man sich dies in Verbindung mit der immer weiter zunehmenden Bedeutung von iPod, iPhone & iPad in ihrem jeweiligen Segment, erhält man einen Vorgeschmack auf die Marktmacht – um nicht zu sagen Dominanz, die Apple inzwischen inne hat.

Der neue Staat iPad

Vor diesem Hintergrund wundert es kaum, dass längst nicht nur Marktbeobachter aus der High-Tech-Branche ein mulmiges Gefühl bezüglich Apple und Steve Jobs beschleicht. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher etwa schreibt in einem Gastbeitrag für die gerade erschienene Juni-Ausgabe des Musikmagazins Rolling Stone: „Alles, was man aus den USA hört, klingt weniger nach der Entwicklung und Vermarktung eines Gerätes, als vielmehr nach Schaffung und Gründung eines Staates“, so Schirrmacher in dem online nur in Auszügen verfügbaren Stück. „Das fängt damit an, dass Apple auf Inhalte Einfluss nehmen will oder sich zumindest vorbehält, über sie mit zu entscheiden. Ein derartiges Ansinnen hätte noch vor wenigen Jahren zu einem Aufstand der öffentlichen Meinung geführt.“

Ins gleiche Horn blasen auch die Zeitungsverleger in Deutschland, die ja eigentlich große Hoffnungen auf das iPad und damit verbunden neuen Erlösquellen für Bezahlinhalte gesetzt hatten. So sickert am vergangenen Wochenende durch, dass der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) und der internationale Dachverband FIPP Steve Jobs bereits Mitte März in einem Brief zu Gesprächen über die Regulierung der Inhalte im AppStore aufgefordert haben.

Dass Apple längst drauf und dran ist, in die Fußstabpfen des Erzrivalen Microsoft zu treten, zeigt sich auch auf wettbewerbsrechtlichem Felde: So mehren sich die Indizien, dass die Kartellbehörden in den USA bald das Geschäftsgebahren von Apple näher unter die Lupe nehmen werden. Erst vor einer Woche schreibt die New York Times über angebliche Vorermittlungen des US-Justizministeriums in Sachen Online-Musik und der Dominanz des iTunes-Shops von Apple. Wenige Tage später legt die New York Post mit einem Bericht nach, wonach die Ermittlungen auch Märkte jenseits des Musikgeschäfts beträfen, etwa die Verbannung von Adobe Flash von iPhone und iPad.

Steve Jobs hat den Zenith bereits erreicht

Ob und – wenn ja, in welchem Umfang – ordentliche Kartelluntersuchungen gegen Apple eingeleitet werden, muss sich erst noch zeigen. Sicher ist aber jetzt schon: Apple und Steve Jobs haben mit ihrem Erfolg bereits den Zenith erreicht. Jeder weitere Schritt dürfte weitere Kritiker und letztlich auch Wettbewerbshüter auf den Plan rufen. Ich sehe schon die große Fraktion der Apple-Fanboys lauthals aufschreien, gemäß dem Motto: „Hey, Apple baut doch bloß erfolgreiche Produkte!“

Nein, das nur eben nicht. Nur mal zum Vergleich die früheren Wettbewerbsverfahren gegen Microsoft: In dem seit 1998 und geführten und 2001 mit einem Vergleich abgeschlossenen Kartellprozess in den USA sowie einem erst Ende 2009 beendeten Pendant mit der EU-Komission ging es um die Frage, ob Microsoft sein Windows-Betriebssystem standardmäßig mit seiner Browser-Software Internet Explorer ausliefern dürfe oder nicht. Dabei hatte Microsoft die nachträgliche Installation von Wettbewerbsprodukten wie etwa Mozilla Firefox gar nicht ausgeschlossen. Dennoch musste sich der Konzern aus Redmond aufgrund seines Quasi-Monopols mit Windows strengeren Regeln unterwerfen und beispielsweise Nutzern in Europa die automatische Auswahl von Konkurrenzprodukten ermöglichen.

Bei Apple geht es da letztlich sogar noch um viel mehr – um die Informationsfreiheit nämlich: Denn mit seiner rigorosen Politik bei der Zulassung von Apps entscheidet die Apple-Zensoren nicht nur über das Wie, sondern sogar das Ob der ihnen genehmen Anwendungen innerhalb ihres Ökosystems. Weil sich dem auch Medien-Apps unterwerfen müssen, hat Jobs also zumindest die Möglichkeit, die Inhalte von Nachrichten nach seinem Gusto zu beeinflussen. Ob er das wirklich tut, steht auf einem anderen Blatt: Denn so oder so ist der Kern der Informationsfreiheit berührt. Brauchen Wettbewerbsbehörden da wirklich noch mehr Gründe zumindest für die Aufnahme von Untersuchungen?

Update: In der Nacht vom 01. auf den 02. Juni sind zwei weitere Fälle durchgesickert, in denen Apple zwei Anwendungen mehr oder weniger aus reinem Gutdünken den Zutritt zum App Store verweigert. Der bereits seit Ende 2008 für das iPhone erhältliche App namens iFart (über deren Sinn und Zweck ich hier gar nicht weiter, äh, ventilieren möchte) verweigerten die Apple-Zensoren den Zugang aufs iPad. Die Begründung: „Minimal user functionality“. Bei einer weiteren, zuvor bereits durchgewunkenen App entogen die Jobs-Jünger die zuvor gegebene Zustimmung unter einer fadenscheinig anmutenden Technik-Begründung.

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Alle Kommentare [2]

  1. Apple wird sich ins eigene Fleisch schneiden. Apple stellt grundsätzlich gute Produkte her, doch das Unternehmen Apple, also alle Abteilungen die nicht direkt mit der Entwicklung der Produkte zusammenhängen gefallen mir überhaupt nicht. Seien es die unfairen Garantiebestimmungen, die fehlenden Kompitabilität, die Preispolitik, das Marketing – einfach alles!

  2. Apple ist nicht Microsoft und gar nicht damit zu vergleichen. Apple baut eine Maschine mit Software so wie IBM mit der AS/400. Microsoft hatte zurecht die Kartellverfahren weil die PC-Hersteller unter Druck stehen und mangels Alternative sich dem Diktat von Microsoft fügen müssen. Jetzt wo es mehr Betriebssysteme gibt (Linux, ChromeOS MacOS X) haben auch die Hersteller Alternativen die sie auch nutzen müssen. Das Geschäftsmodell von Apple dagegen ist seit Gründung das gleiche. Möglichst eine funktionierende und einheitliche sowie benutzerfreundliche Plattform für den Anwender. Es gibt genügend Alternativen und niemand muss sich nach den Vorstellungen von Apple verhalten. Mit Windows und Microsoft ist die Situation wesentlich komplexer; nur weil jetzt ein paar mehr User erkennen das sie mit Windows in den vergangenen Jahren falsch lagen soll jetzt Apple unter Druck gesetzt werden.