Test Polar Vantage V

Zahlen sind Fakten. Daten sind unbestechlich. Sind sie aber auch immer hilfreich? Dieser Blog ist eigentlich nicht angetreten, um sich größeren Fragen der Welt und des Lebens zu widmen.

Daumen hoch, ermuntern – bedeutet: Du hast nicht genug trainiert!

Ausgerechnet ein technisches Gerät und nicht ein absurder Wettkampf aber ist es, das mich dazu veranlasst, diese Frage zu stellen.

Es handelt sich um Polars jüngstes Modell Vantage V – im folgenden kurz VV. Auf den ersten Blick eine weitere Sportuhr mit zahlreichen Funktionen, die dem Stand der Dinge bei der Selbstvermessung entsprechen.

Als ich vor ein paar Jahren damit begann, GPS-Uhren mit Herzfrequenzmessung zu testen und – wenn auch nie im direkten Wettbewerb – miteinander zu vergleichen, stellten sich im wesentlichen die Fragen nach den grundlegenden Funktionen. Hält der Akku lang, genug, wie genau ist das GPS, wie lange braucht es, um das Signal zu finden?

Heute sind – so auch auch bei der Vantage V und ihrem kleineren Geschwister Vantage M – diese Fragen zwar nicht völlig egal. Aber die Differenzen, die sich zwischen einzelnen Modellen verschiedener Hersteller ergeben, sind inzwischen so minimal und am Ende für uns Hobbyathleten von so geringer Relevanz, dass es müßig ist, zu stoppen, wie viele Sekunden denn die GPS-Suche nun gedauert hat.

Seit einigen Monaten trage ich parallel meine eigene Garmin Forerunner 935 und die Polar VV. Sie messen beide 24 Stunden den Puls, überwachen die Schlafqualität und -dauer. Wenn ich gefragt werde – was passiert ist – welcher ich den Vorzug geben würde, ist meine Antwort immer die gleiche: Das ist Geschmacksfrage. Beide sind so gut, dass sie empfehlenswert sind und es sehr individuell ist, welche Funktion, die die eine hat, die die andere nicht besitzt einem wichtiger ist. Ich plädiere in der Regel dafür, einer Marke treu zu bleiben, da die Datenbank schon gefüllt ist. Kann man aber ändern, klar.

ICH HABE ES JA VERSTANDEN!

Die mit der Vantage V erreichte Evolutionsstufe dieser Geräte ist aber eine, die über die bloße Vermessung von Puls und Geschwindigkeit und Distanz hinausgeht. Diese Uhren befinden sich an der Schwelle zur medizinischen Einschätzung der Gesundheit, sicher aber der Form und sollen dem Athleten ohne großen Stab an Trainern helfen, sein Training zu steuern.

Wie erholt bin ich, wie angestrengt, wie erschöpft? Pause oder Belastung? Diese Fragen will die VV beantworten. Dazu gehört unter anderem ein mehrfach die Woche zu unternehmender Test der Herzfrequenzvariabilität, wie sie auch bei einem EKG erfolgt. In Kombination mit den Leistungswerten und der eigenen Einschätzung soll die VV dem Athleten die Chance geben, dann zu trainieren, wenn es etwas bringt und sich auszuruhen, wenn es nötig ist.

Entgegen meinen Gewohnheiten habe ich viel in einer facebook-Gruppe zu dieser Uhr mitgelesen. Dort wird sehr viel berichtet über Abweichungen einer Messung hier, einer Messung dort. Es wird recht rasch über die Qualität des Produkts geurteilt. Das kann jeder nachlesen und sich dazu eine Meinung bilden.

JA. JA. JA. Morgen wieder!!!

Ich fürchte, dass sich viele verrennen. Wer sich anschickt, größere Projekte umzusetzen von Marathon unter einer gewissen Zielzeit oder einem Langdistanz-Triathlon, der sollte auf seinen Körper hören, was zugegebenermaßen nicht immer ganz leicht ist. Signale zu erkennen, sie dann auch zu akzeptieren, ist zumindest, wenn es nicht um Belastung von Sehnen geht, gar nicht so einfach. Aber – jeder kann es. Er muss nur wollen.

Nach nun 11 Wochen Trainings und Vollvermessung kann ich sagen – die Einschätzung der Uhr und mein eigenes Empfinden gehen ziemlich gut einher. Selten, dass ich denke, ich bin im Eimer, wenn die Uhr meint, es sei ein guter Tag für Training. Und andersrum.

Recovery Pro heißt die Funktion, die den HRV-Test, der hier Orthostatic Test heißt, voraussetzt, wofür man – leider – doch wieder den Brustgurt H10 kaufen muss, den die Uhr grundsätzlich nicht mehr benötigt wegen der Armada an Leuchtdioden auf der Rückseite. Diese Messungen am Arm sind und bleiben aber unpräziser und hängen sehr am einzelnen. Ich habe seit jeher gute Resultate damit erzielt, bei anderen kommt im Grunde absurder Datenmüll raus.

Grundsätzlich habe ich für einen wirklich gründlichen Test noch immer nicht genug Zeit mit der Uhr verbracht, da momentan einfach kein wirklicher Formaufbau passiert. Sprich – ich trainiere derzeit auf kein Event hin, sondern baue Grundlage auf. Das ist etwas weniger spektakulär als vielleicht der April und Mai, wo es darum gehen wird, harte Einheiten in dichterer Folge zu leisten und zu verdauen. Dann wäre der Moment gekommen, wo es darum geht, zu schauen, ob der eigene Eindruck noch immer halbwegs mit der Empfehlung der einhergeht.

Volle Kontrolle.

Denn bislang passt das ganz gut. Würde ich der Uhr soweit trauen, dass ich gegen mein eigenes Gefühl ein intensiveres Training mache oder pausiere? Eher nicht, außer ich kann nicht sicher sein, ob meine eigene Einschätzung von Dingen beeinflusst sein könnte, die nichts mit der Belastung meines Körpers zu tun haben.

Damit dieser Text dennoch nach einem halbwegs normalen Test aussieht, hake ich jetzt einige Punkte ab:

  • Tragekomfort: Das runde Gehäuse mit starren aber sinnvoll geformten Bandanstößen lässt sich bequem 24 Stunden am Tag tragen. Besonders auch dann, wenn man die Uhr etwas fester anlegt, um die Messung der Herzfrequenz mit ihren neun Leuchtdioden die Arbeit zu erleichtern. Druckspuren hinterlässt sie natürlich dennoch.
  • Bedienung: Die Menüführung ist Polarnutzern vertraut. Die Vantage V hat ein Touchdisplay. Auf das ich sehr gut verzichten könnte, ich kann im Training eigentlich blind mit den Knöpfen die Funktionen steuern. Dass das Glas hingegen besonders kratzfest ist, begrüße ich. (Auch die Gehäusequalität gibt innerhalb der Testphase keinen Grund zur Beanstandung)
  • Ablesbarkeit: Leider nicht so dolle. Und öfter als gewünscht, ist es nötig, das Display per Knopfdruck zu beleuchten. Die Beleuchtung soll auch bei bestimmten Bewegung von allein angehen. Leider passiert das auch Nachts – ein Softwareupdate schafft da hoffentlich Abhilfe. Das Erkennen einer typischen Bewegung für Ablesen der Uhrzeit klappt eher mäßig. Wer das mal mit einer Applewatch gemacht hat, weiß, wie perfekt das funktionieren kann. Lieber wäre mir ein grundsätzlich besser abzulesendes Display.
  • Genauigkeit HF: Ja, ja, ja. Dutzende Menschen, hunderte haben Probleme mit der Genauigkeit der Herzfrequenz bei der Messung am Arm. Ich habe keine bis so gut wie keine. Bis auf weiteres ist bei schnellen Veränderungen, wie sie bei Intervalltrainings anfallen, diese Messmethode dem Brustgurt unterlegen. Aber – ich rate beim Erwerb der VV eh dazu, den Gurt mit zu erwerben. Man würde eine der wichtigsten Eigenschaften der Uhr – das Revovery Pro – sonst nicht nutzen können.
  • Genauigkeit GPS: Auch hier – das geht ein Quentchen besser. Aber auch viel schlechter. Beim ersten Marathon des Jahres hatte ich auf der VV etwa 190 Meter weniger als die offiziell vermessenen 42,195 Kilometer. Das kann man aushalten. Wünschenswert wäre hier, dass in flow, der Software für die Auswertung, eine manuelle Änderung möglich ist, wie das in anderen Systemen auch geht. In Summe ist die Präzision völlig ausreichend. Es gab Rennen, da war die VV „geiziger“ als die parallel betriebene 935, es gab Rennen, da war es genau andersrum. Aber nie außerhalb einer vernünftigen Toleranz.
  • Genauigkeit Schwimmbad: 100×100 – 400 Bahnen. Hat sie exakt auf den Punkt getroffen.
  • Akku: Es ist eine Uhr, die sich in allererster Linie an Ausdauersportler richtet – speziell Triathleten. Nicht Ultraläufer, nicht Kurzdistanz-Athleten. Dafür hat sie Akku satt. Wer sie, wie ich, 24 trägt, alle Vitaldaten messen lässt, muss damit rechnen, ein Auge auf den Akkustand haben zu müssen. Alle vier Tage ist der Gang zur Steckdose sicher nötig, je nach Trainingsumfang vielleicht auch früher. Das Gehäuse ist kompakter als andere – der Akku offensichtlich kleiner. Ist das zu wenig Akku? Keinesfalls. Viele haben sich nur an andere Ladezyklen gewöhnt. Aber die nötigen Ladezyklen bringen einen nicht wirklich in Schwierigkeiten. Der Anschluss dafür ist eine eigene Entwicklung – wie inzwischen bei im Grund allen Herstellern. Gut: Es rutscht nichts mehr, keine Buchsen können kaputt gehen. Schlecht: Wer das Kabel verliert, ist zunächst aufgeschmissen.
  • Mängel: Noch immer fehlt der VV – einige Abhilfen sind bereits angekündigt – einiges an Funktionen, die einem mehr oder weniger wichtig sind. Mir fehlt die Möglichkeit an der Uhr selbst ein Intervalltrainingsprogramm einzustellen. Auf Reisen ist der Rechner nicht immer zur Hand, um das bequem zu programmieren. (Dafür lässt sich wiederum sehr bequem die Anordnung der Datenfelder in der App einstellen – ein deutliches Plus.)

Das kostet natürlich Strom. Reicht aber.

Fazit: Ich gebe mal die Glaskugel. Die VV ist eine Zwischenstufe (eine nötige). Und damit für den ambitionierten Hobbyathleten im Selbsttraining ein wertvolles Hilfsmittel. Sie ist weder die Lösung noch ein Allzweckmittel. Gerade wegen ihrer erneuten Fülle an Daten und Messungen (und den Hinweis auf die Wattmessung beim Laufen habe ich mir schon erspart) setzt sie derzeit einen noch aufmerksameren und selbstbewussteren Umgang mit den gewonnen Daten voraus. Wer blind vertraut, wird meines Erachtens zu abhängig von der Zahlenflut. Und hört nicht mehr auf das, was die Uhr nicht merken kann wie allgemeine Erschöpfung, beruflichen Stress oder einfach auch nur ein Glas Bier zu viel.

Auf dem Weg zu einer Uhr oder welchem Gerät auch immer, das noch mehr Daten sammelt, sortiert und einordnet und dieses in nahezu perfekte Trainingsempfehlungen umsetzt, ist sie ein weiterer Schritt. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Es fehlen zum Beispiel Blutdruck oder Körpertemperatur als weitere Faktoren, mit denen sich die körperliche Verfassung beurteilen lässt. Auch Messung der Zusammensetzung des Schweißes – das wird kommen, da bin ich recht sicher.

Es wird noch eine Weile dauern, das ist aber auch kein Problem. Bis dahin hat Polar einen empfehlenswerten Begleiter vorgestellt, der bei emotionsloser Betrachtung das beliebte Vorgängermodell V800 mehr als deutlich übertrifft.

Wie immer – und noch viel mehr – mehr Funktionen, mehr Fragen – gerne in den Kommentaren, ich versuche so rasch es geht zu antworten.

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Alle Kommentare [4]

  1. Interessanter Artikel, besonders gefällt mir als Garmin Jünger der Vergleich zur 935 und die Meinung, dass ein Systemwechsel (von einer Marke zur anderen) fast nicht zu machen ist -außer, man will sich den Ex- und Import der Daten mal wirklich gönnen…

    Liefert Polar auch Laufprognosen und wie realistisch sind diese? Meine Garmin lässt mich manchmal einfach irre lachend zurück …

    Danke und bis bald auf Twitter
    Marc

  2. Ich kann die Garmin Fenix 5s plus nur empfehlen. Sie ist meiner Meinung nach die derzeit beste Uhr auf dem Markt wenn man einigermaßen ambitioniert trainiert.

  3. @Tripler
    Was hat die Fenix 5s gegenüber der 935 für den ambitioniert Trainierenden mehr als das sie/er 250 € mehr ausgeben sollte?

    @Thorsten
    Auch noch mal hier. Danke für die Besprechung. Vielleicht kannst du die Uhr nochmal während einer 6-wöchigen BuildPhase testen. Die Trainingssteuerung sieht für mich sehr gut aus und lässt mich neidisch/neugierig ins PolarFlow schielen.
    Würde dennoch niemals eine Polar kaufen 😉