Test Polar Vantage V2 – Ferntraining am Arm

Was wurde 2020 nicht alles geschrieben zum Thema Fernunterricht. Kann die Anleitung ohne persönlichen Kontakt so effizient sein, wie die im persönlichen Kontakt? Wie ist es mit der Rückmeldung auf Geleistetes? Und auf eine gewisse Art passt die Polar Vantage V2 exakt dazu, wenngleich man sie natürlich schon am Arm tragen muss.

Aber die Polar Vantage V2 macht – das in aller Knappheit schon vorweg – in erstaunlicher Weise einen der für mich wichtigsten Schritt bei Sportuhren, der einen sehr guten Vorgeschmack gibt auf das, was Digitalisierung ermöglicht: Intelligente Auswertung von Daten und einhergehende Handlungsempfehlungen.

Dies gilt insbesondere für all jene Menschen, die wie ich ohne eigenen Trainer versuchen, ihre sportliche Leistung zu verbessern. Ich tue das natürlich nicht ohne ein wenig Wissen zu Trainingsmethoden und grundsätzlichen Vorgängen im Körper unter Belastung. Nach wie vor halte ich Joe Friels‘ „Trainingsbibel für Triathleten“ für einen sehr hilfreichen Leitfaden für eine ambitionierte Hobbysportler-Laufbahn. (Oder Trainingsbibel für Radsportler, wenn man mal über den Triathleten-Tellerrand hinausschauen möchte.)

Ein Buch und die damit verbundenen Trainingspläne haben nur einen entscheidenden Nachteil – sie können nicht berücksichtigen, wie das Training anschlägt. Das muss man dann schon selber rausfinden mit Methoden wie Cooper- bis FTP-Test oder schlicht einem 10km-Lauf unter Wettkampfbedingungen für die Laufsparte.

Neben zahlreichen inzwischen gängigen Funktionen einer Smartwatch und denen einer Sportuhr, die die Polar Vantage V2 besitzt, ist es vor allem die Art der Rückmeldung, der Anleitung und Auswertung, die sie auszeichnet. Sie bietet die Option, zum einen einen Trainingsplan anzulegen, dessen Verlauf nicht statisch ist, sondern berücksichtigt, wie der Athlet drauf anspricht. Wird zu viel trainiert, zu wenig? Gibt es ausreichend Ruhephasen? Wie ist der Schlaf, was macht der Ruhepuls?

Sie lässt sich aber auch – in der Musik nennt man das ad libitum – also frei nutzen ohne programmiertes Ziel. Sprich, sie macht Vorschläge, basierend auf dem Fitnessstand, auf dem man sich befindet. Und sie kann geradezu eine Gouvernante sein, wenn sie vor dem Start eines Lauftrainings zunächst eine „Strength“-Einheit einfordert. Manchmal eine „Strength“- und eine „Mobility“-Einheit hintereinander. Man kann das natürlich wegdrücken. Oder man denkt sich – besser wäre es.

Es ist sicher ratsam, sich für die Übungen einmal vorher anzuschauen, was da von einem erwartet wird – die kleinen Symbole und Anleitungen sind aber ausreichend, wenn man sich erinnert, was sich dahinter verbirgt. Wer sich in die Verästelungen des Menüs begibt, bekommt gar eine Auswahl an verschiedenen Programmen – so zum Beispiel für ein 25-minütiges Core-Programm oder eines von 20 Minuten für Mobilität oder ein Zirkeltraining von 51 Minuten Dauer.

Wer mag, kann sich auch noch erinnern lassen, zu trinken und zu essen.

Verschiedene Tests stehen zur Verfügung, um die Form abzuklopfen. Der schon in früheren Modellen vorhandene Orthostatische Test (der allerdings einen HF-Gurt erfordert) gehört dazu, wie auch ein Bein-Erholungstest.

Interessant für die meisten Nutzer sind sicher Rad- und Lauftest. Der Lauftest ist nicht ganz ohne Stolperfallen. Es geht darum in einem vorgegebenen Bereich der Herzfrequenz zu bleiben und das Tempo langsam zu erhöhen, bis man eigentlich nicht mehr kann. Es muss allerdings eine Mindestdauer erzielt werden. Ich bin bei meinen ersten Versuchen an mehreren Dingen gescheitert. Das erste: Ich hatte nicht verstanden, dass ich SEHR langsam beginnen soll. Klar, man kann natürlich das Handbuch lesen….

Ich solle also eine Pace anschlagen, die ich nur mit langsamen Gehen hinbekomme. Ist das einmal begriffen, stellt sich das nächste Problem. Die Uhr misst natürlich zum einen die Herzfrequenz und zum anderen die aktuelle Pace. Es gibt in meiner Erfahrung praktisch keine Uhr keines Herstellers, die nicht Probleme hat, die aktuelle Pace zu jeder Sekunde exakt zu ermitteln. Es schwankt eigentlich immer. Zwei Modelle eines Herstellers – zwei Angaben.

Die Dioden der V2 – wer es aber wirklich genau wissen will, braucht weiterhin einen Brustgurt.

Erschwert wird das zusätzlich, wenn Hindernisse einen perfekten GPS-Empfang verhindern. In meinem Fall Eisenbahn- und Autobahnbrücken, unter denen ich herlaufe. Dann fällt der Empfang kurz aus, die aktuelle Pace ist nicht die, die ich wirklich habe, die Messung gerät durcheinander, ich verlasse das Pace-Fenster. Ich bin dann zu langsam, kaum hervor unter der Brücke zu schnell – der Lauftest zieht dann die Reißleine und sagt: Fehlversuch. Unschön. Zumal, wenn man gerade schon einigermaßen fix war. Mein dringender Ratschlag: Den Lauftest nur dort beginnen, wo man zuverlässig mehrere Kilometer ohne Brücken oder andere störende Elemente auf der Laufstrecke unterwegs sein kann. Sonst ist das Ergebnis für die Katz.

Danach aber ist der Lauftest mit geringem Zeitaufwand ein schönes Mittel, um immer wieder die Form zu überprüfen, denn die soll natürlich nach oben gehen.

All diese Informationen finden sich dann auch in Polars Plattform flow wieder. Zum Glück, denn ich habe zum Beispiel mit meiner mittlerweile einsetzenden Kurzsichtigkeit Probleme, die Schrift auf dem eh nicht so kontrastreichen Display abzulesen, und beim Training dann doch auch keine Lesebrille dabei.

An den Trainingsvorschlägen der Polar Vantage V2 gefiel mir, dass sie meine mir bekannten Einheiten bereicherten. Da sind Varianten bei, die ich zwar sicher in anderen Büchern finden könnte, aber so normalerweise nicht mache. Abwechslung ist schön, sich auf etwas verlassen auch. Das muss man natürlich, wenn man sich zwar nicht bedingungslos, aber doch mehrheitlich auf die Vorschläge der V2 zum strukturierten Training stützen möchte.

Nach einigen Wochen mit diesen Einheiten kann ich zwar nicht sagen, ob ich im Wettbewerb massiv besser abgeschnitten hätte, als mit meinem mir vertrauten Pensum, da schlichtweg die Wettbewerbe fehlten und auch ganz banal das Schwimmtraining. Aber ich kann sagen, dass das Training strukturiert, abwechslungsreicher und immer auch gut zu bewältigen war. Sie verlangt keine Mördereinheiten, die mir Angst einflößen, so wie es sicher die Nutzer von Greif-Plänen kennen.

Noch ein paar Worte zur Uhr selbst, also der Hardware. Ich bin und werde kein Fan mehr von Touch-Displays. Geschmacksfrage, ich bevorzuge weiterhin die Tasten. Derzeit eh, da ich oft mit zumindest dünnen Handschuhen unterwegs bin.

Die Optik sollte bei einer Sportuhr nicht die wichtigste Rolle spielen. Bei Sportuhren, die erfordern, dass man sie für die umfassende Messung von Herzfrequenz und Bewegung 24 Stunden trägt – da darf es eine Rolle spielen. Und mein unmaßgeblicher Geschmack mag die Polar Vantage V2 so sehr wie das haptische Vergnügen des Gehäuses.

Akkudauer ist hervorragend, ich kann während des Verfassens nicht genau sagen, wo genau das Ladekabel nochmal liegt, suche ich gleich mal.

Die Genauigkeit der Messung der Herzfrequenz ist erneut besser geworden, für Intervalltraining bleibt der Brustgurt dennoch weiterhin die genaueste und reaktionsschnellste Methode. Mir persönlich käme es allerdings inzwischen nicht mehr auf die letzte Stelle hinter dem Komma an.

Fazit: Als sinnvolle Erweiterung des eigenen Trainingsplans, die dank guter Einschätzung des Zustandes sich anpasst und somit vor Unterbelastung aber vor allem Übertraining schützt ist die V2 sehr gut geeignet. Wer einen Trainer hat, sollte mit dem besprechen, wie er die gewonnen Erkenntnisse einbauen möchte. Ich, der seit jeher versucht, mit sich selber das meiste aus sich selber rauszuholen, bin dankbar für die Unterstützung durch die Technik.

Fragen – immerzu.

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Alle Kommentare [1]

  1. Herzlichen Dank für Deinen Bericht und Deine Mühe.
    Ich habe seit kurzem auch die Vantage V2 und bin einigermaßen zufrieden. Bei mir hält der Akku allerdings lediglich fünf Tage (bei vier Laufeinheiten in der Woche und etwas Stabi). Das irritiert mich doch etwas.
    Herzliche Grüße
    Tim