Bahn für Bahn für Bahn für Bahn. Und das 100 mal.

„Jetzt sind es noch zwei Stunden“, sagt Sina. Ich staune. Ich bin noch nie in meinem Leben zwei Stunden am Stück im Wasser gewesen, geschweige denn geschwommen. Ich muss etwas gesagt haben oder nur ungläubig geschaut haben. „Aber du bist doch schon fast drei Stunden geschwommen“, sagt Sina.

Vorbereitung ist alles.

Bin ich. Und es ist mir gar nicht aufgefallen. Der Horror lässt nach, die Uhr zählt runter, es ist Zeit los zu schwimmen, 100 Meter.

Wenn es eine bekloppte sportliche Herausforderung gibt, die an meine Triathlon-Welt anknüpft, dann ist die Chance groß, dass ich mich da ohne langes Zögern anmelde. Ich bin 100 Kilometer gelaufen, weil es beim Röntgenlauf angeboten wurde und mir das ein ganz guter Zeitpunkt erschien. Ich bin um 22 Uhr aufs Rad gestiegen und bin in einem Pulk an Rennradfahrern 150 Kilometer in der Nacht die Mosel hoch und 150 Kilometer wieder runter gefahren. Weil es möglich war.

Sina kenne ich über twitter vom Laufsport und wir sind beide in einer Staffel bei dem 100km-Lauf WHEW gestartet. Ich beneide sie immer um ihre Bilder aus einem Freibad, das oft leer ist und sogar im Winter auf hat. Sie schwimmt viel und hatte sich vor einiger Zeit – das wurde mir in meinem facebookstream angezeigt – zu einem Schwimmwettbewerb angemeldet, der mit 100×100 angekündigt wurde. 10 Kilometer schwimmen. Habe ich noch nie gemacht, ist nicht weit weg, bis Februar kann man ja noch trainieren, dachte ich. Habe ich dann zwar nicht gemacht, aber natürlich an den Start gegangen. „Do you dare?“ – traust du dich? Klar. Was soll passieren?

Nix anzuziehen im Kleiderschrank? An Kappen wird es mir nie fehlen.

So fand ich mich an einem Samstag nachmittag zusammen mit Sina und Claudia – einer weiteren twitternden Sportlerin – Spezialgebiet Eisschwimmen und Langdistanz-Schwimmen – in der Schwimmhalle wieder, in der die SG Remscheid zum zweiten Mal die 100×100 ausgerichtet hat.

Ich hatte fünf Badekappen, vier Schwimmbrillen, zwei Handtücher aber keine Ahnung, wie das genau geht. Ich wusste, dass die sogenannte Durchgangszeit entweder 2 Minuten und 40 Sekunden auf hundert Metern oder bei 2 Minuten 15 Sekunden lag. Ich hatte mich – mein nicht vorhandenes Training einberechnet – für die langsame Gruppe gemeldet. Ich wusste, dass es alle 2500 Mater Pausen geben wird, um etwas zu trinken und ging davon aus, dass ich meine 2500 Meter schwimme und dann eben etwas länger Pause habe.

Diese Art Wettbewerb heißt aber nicht 10km. Sie heißt 100×100 und bezieht ihren Namen von einer Übung, die sich wohl 10×100 schimpft und wo trainierte Schwimmer wissen, was von ihnen erwartet wird: Eben zehn Mal 100 Meter schwimmen in einer vorgegebenen Zeit für jede 100 Meter.

Gut. Es waren also 100 mal 100 Meter und 100 Pausen. Umdenken. Ich habe wohl schon mal 10×100 trainiert, aber nie so recht darüber nachgedacht. Sei es drum.

Noch sind die Augen ok.

„Warum macht man sowas?“, hatte mich, als ich in die Halle kam, eine Frau gefragt, die offensichtlich irgendwie dazugehörte und dennoch nicht verstand, was einen dazu antreibt. „Weil es angeboten wurde“, war meine ebenso wahre wie treffende Antwort. Allein wäre ich auf so einen Unfug sicher nicht gekommen. Sie war später eine der Zählerinnen, die für uns die Haken hinter jeden 100 Metern machte. Jeder Starter hatte ein Armband mit einer anderen Farbe, ich hatte extra viele Badekappen dabei, um eine zu wählen, die nicht auch im Wasser ist  für besser Identifikation. Ich habe schlussendlich gar keine getragen.

In unserer Bahn 5 waren Claudia, Sina, ich und zwei Staffeln, die jeweils einen Schwimmer im Becken hatten.

Und dann fängt man an. Und hört einfach nicht mehr auf. Man schwimmt so langsam es eben vernünftig ist los und hofft, dass das irgendwie gehen wird. Und wenn die Probleme beginnen, hofft man sie dann halt irgendwie zu lösen. Ich hatte immer gedacht, dass ich notfalls in 2:40 auch in Brust die 100 Meter schaffe.

Meine „Heimat“ für viereinhalb Stunden.

100×100 sind 400 Bahnen in einem 25-er-Becken und üblicherweise ist der Versuch, die absolvierten Bahnen mitzuzählen der sichere Weg, den Verstand zu verlieren. Ich kenne keinen Schwimmer, der sagt, das sei easy. Für uns war es einfach, denn wir konnten uns auf die Zähler verlassen. Zudem hatten Claudia, Sina und ich es einfach, da die Staffeln alle 500 Meter wechselten. Die 10km brachen sich also runter in 4×2500 Meter, davon in 5×500 Meter und das in der Kleineinheit eben fünf Mal.

 

Das klingt jetzt etwas verkopft, aber irgendwie habe ich mir versucht, das Ding kleinzurechnen. Nicht über die geschaffte Entfernung zu sinnieren oder die noch zu schwimmende zu fürchten, sondern häppchenweise 100 für 100 für 100 für 100 für 100 – Staffelwechsel – 100 für 100….  zu schwimmen. Ich kam zu Beginn jeweils so an, dass ich etwas über 40 Sekunden Zeit für eine Pause hatte nach den 100 Metern. Diese Pause hat es leider in sich, denn man muss sich ja festhalten. Mit den Armen. Das allein belastet die Arme, die man eigentlich für besseres braucht.

 

So ging es mit Schnack und Witzchen die ersten 2500 Meter, kurze Pause fürs Wasserlassen (pun intended), etwas essen und 5 Minuten 20 Sekunden später wieder ins Wasser. Weiter. Nach 4200 Metern machte ich einen ersten Haken: Weiter als je zuvor geschwommen. Nach 5000 Metern: Erste 5k im Leben.

Team Bahn 5! A Gaudi war’s!

So ging es weiter, die Gespräche  wurden kürzer, das Schwimmen eieriger, die Zeiten langsamer – es begann weh zu tun. Es wurde zäh. Wären nicht die Wenden gewesen, an denen die Arme alle 30 Sekunden kurz ruhen konnten und ich mich mit den Füßen ein paar Meter weit abstoßen konnte – das wäre früher sehr sehr schmerzhaft geworden. So nutzte ich die Gleitphasen und tat in keiner Bahn mehr als nötig.

 

So gehen vier Stunden und dreißig Minuten im Leben um. Es wurde noch zäher, noch schmerzhafter, aber es ging. Es war eine ganz andere Art an mentaler Herausforderung als die letzten Kilometer in einem Marathon, ganz anderer Sport als alles, was ich sonst so mache. Eigentlich war es – dank der Gemeinschaft von uns dreien – ein sehr netter Abend im Wasser – klingt blöd, weiß ich. War es aber. Man fühlt sich ein wenig verrückt, was ja auch mal gut tut und freut sich über eine weitere Herausforderung, die man meistert.

 

Der Kopf kann entspannen – ich bin eigentlich ausreichend damit unterhalten gewesen, jede Bahn zu schwimmen. Und ich langweile mich wirklich schnell beim Bahnenschwimmen. Eine lange Phase des Gedankenschweifens hatte ich eigentlich nicht, dafür war dann auch zu schnell immer wieder die Unterbrechung da. Aber eben auch keine Zeit, sich lange mit negativen Gedanken zu beschäftigen. Es waren eben immer nur 100 Meter, die es als nächstes zu bewältigen galt. Denen stellt man sich. Nicht den noch folgenden 73 oder 54 oder 38 hundert Metern.

Nur für die Augen war’s nicht so toll. Druckstellen von der Brille.

Die Zeit ging schnell um, auch wenn ich mir das selber kaum glaube. Im letzten Viertel – also noch mehr als eine Stunde vorm Schluss, stellten sich schon trotz aller Schmerzen die ersten Gedanken ein „Nur noch“. Umso mehr bei den verbliebenen 1500 Metern, 1000 Metern, letzter Staffelwechsel und noch 500 Meter.

Und dann waren sie da. Die letzten 100 Meter. Ich hatte mir vorgenommen, noch einmal richtig Gas zu geben. Nach 25 Metern war der Traum vorbei. Alle Power raus, die Atmung hektischer als ein Basar in Marrakesch und der Herzschlag höher als die Stimme von Helene Fischer, die unter anderem bei der permanenten Disco-Beschallung mit Lichtorgel zu hören war. Das war’s.

Die Augen verquollen, keinen Hunger, vermutlich einige Liter Wasser durch den Körper gespült (das legten die Pausen nahe), kaputte Arme, schmerzende Schultern – aber sehr zufrieden, so einen amüsanten und geselligen Abend verlebt zu haben. Es hätte gerne noch zwei Stunden weitergehen dürfen. Sag‘ ich jetzt.

 

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