Immer wieder, als FAZ-Mitherausgeber und Feuilleton-Chef Frank Schirrmacher heute auf der Bühne der DLD-Konferenz in München zu seinem Statement anhebt, dringt ohrenbetäubendes Knacken aus den Boxen. Die Zuhörer in dem vollgepackten Kellerraum im HVB-Forum direkt hinter dem Nobelhotel Bayrischer Hof zucken kollektiv zusammen; auch ein ausgetauschtes Mikrofon bringt keine Besserung – irgendwann ist selbst Schirrmacher rat- und hilflos.
Dabei wirkt die Szenerie an diesem Montagvormittag eigentlich wie von einem unsichtbaren Regisseur gesteuert: Die Maschinen mögen Schirrmacher eben so wenig wie er sie, scheint die unterschwellige Botschaft zu lauten. Denn in der Podiumsdiskussion zum Thema „Informavore“ – also Informationsfresser, in Anlehnung an die altbekannten Fleischfresser (Carnivore) – ist es der 49-Jährige, der eindringlich vor der Macht der Maschinen warnt. „Im Internet sind längst viel mehr Informationen vorhanden, als es Gehirne gibt, diese zu verarbeiten“, so der FAZ-Vordenker. In den Augen Schirrmachers befinden wir uns daher mitten in einer Zeitenwende, weil Maschinen immer mehr Informationen analysieren müssen, damit die Menschen der Datenflut überhaupt noch Herr werden können.
So weit, so wenig überraschend: Schließlich hat Schirrmacher seine Skepsis gegenüber Internet, Twitter & Co. auch zum Kernthema seines jüngst erschienen Buchs „Payback“ gemacht hat (Untertitel: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.)
Zu wenig Innovationen, nicht zu viele
Geradezu als Antithese kommt da David Gelernter, Professor für Computer Science an der Universität Yale, daher. Gelernter, der an Schirrmachers kritische Passage anknüpft, indem er betont: „Ich betrachte das ganze weniger philosophisch“, bürstet danach auch gleich kräftig gegen den Strich. Denn für seinen Geschmack gibt es derzeit zu wenig Neuentwicklungen, nicht zu viele. „Wo sind die richtig guten Ideen, wo die wahren Innovationen rund ums Internet?“ So beklagt der 55-Jährige, dass durch die Begeisterung einer Minderheit von Technik-Freaks und Wissenschaftlern die große Mehrheit der Endkunden auf der Strecke bleibe. „Wir sind viel zufrieden mit dem, was wir haben. Wir benötigen mehr Skepsis bei den Nutzern, denn nur Skepsis führt zu Innovationen“, so Gelernter.
Fast wie zur Unterstreichung dieser These knackt es bei Schirrmachers Replik danach wieder kräftig in den Boxen. Und damit nicht genug: Auch die Info-Elite im Auditorium bekommt eine Lektion in Sachen Technologie-Skepsis – wenn auch eine unfreiwillige: Den halben Tag lang funktioniert das drahtlose Netzwerk gar nicht oder nur eingeschränkt. Wer mit der Außenwelt via Internet, E-Mail oder Twitter kommunizieren will, hat schlicht Pech gehabt. Von wegen schöne neue Kommunikationswelt.
