Google verzahnt Google+ mit Internetsuche – eine Kriegserklärung an Facebook

Der US-Internetgigant personalisiert seine Suche – und bezieht künftig private Fotos und Profile beim eigenen sozialen Netz Google+ mit ein. Doch wie bewerten Kartellbehörden in Europa und Amerika jene Bündelung?

Ohne viel Aufheben hat Google gestern Nachmittag eine Neuerung in seinem Blog veröffentlicht – und zwar eine, deren wahre Bedeutung sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt. So will der US-Internetgigant künftig seine Online-Suchmaschine künftig deutlich stärker personalisieren. „Bisher war die Suche beschränkt auf ein ganzes Universum von Webseiten, die öffentlich zugänglich sind – zum großen Teil von Menschen erstellt, die man nie getroffen hat“, erläutert der für das Projekt namens „Search, Plus Your World“ mitverantwortliche Google-Manager Amit Singhal in dem Blog-Eintrag. „Heute ändern wir dies, indem wir Deine eigene Welt, reich an Personen und Informationen, in die Suche integrieren.“

Konkret bedeutet das: Google verzahnt seine Internetsuche eng mit seinem sozialen Netzwerk Google+. So gibt es es auf der Suchmaske jetzt die Option „persönliche Suche“. Mit dieser Option durchkämmt die Suchmaschine unter anderem Fotos und Postings bei Google+. Wer den Namen einer Person eingibt, erhält – sofern vorhanden – direkt dessen Profil bei Google+ angezeigt. Bei allgemeineren Suchbegriffen wie etwa „Musik“ oder „Baseball“ verweisen die Suchergebnisse zudem auf prominente Mitglieder bei Google+, die zu dem entsprechenden Thema passen.

Quelle: Google

Das Angebot ist gestern auf der US-Seite Google.com gestartet. Voraussetzung für die Nutzung der personalisierten Suche ist ein eigenes Konto bei Google, und dass der Nutzer während der Suche bei dem Dienst eingeloggt ist. Wie Singhal gegenüber der Nachrichtenagentur dpa sagte, soll der Dienst demnächst auch nach Deutschland kommen.

Neben verbesserten, weil stärker individualisierten und personalisierten Suchergebnissen bringt Googles jüngster Schachzug vor allem eins: Er läutet eine neue Runde im Kampf mit dem Primus bei sozialen Netzwerken ein, mehr noch, er ist geradezu so etwas wie eine Kriegserklärung an Facebook. Durch die enge Integration seiner marktbeherrschenden Internet-Suche mit dem noch jungen sozialen Dienst Google+ spielt der Suchmaschinen-Gigant seinen stärksten Trumpf auf. Das Ziel: Die verbesserte Suche soll Nutzer noch länger an Google binden – und den Wunsch zur Abwanderung bei Facebook beschleunigen.

Immerhin, nachdem das Mitte 2011 gestartete Google+ zwischenzeitlich mal schwächelte, hat die Nutzung zum Jahresende wieder angezogen. Laut US-Marktforscher Experian-Hitwise konnte Google+ seinen Traffic im Dezember gegenüber dem Vormonat um 55 Prozent auf fast 50 Millionen Besuche steigern. Laut US-Analyst Paul Allen hatte der Dienst Ende des Jahres gar bereits 62 Millionen Mitglieder – eine Zahl, die Allen bis Ende dieses Jahres sogar auf (äußerst optimistische) 400 Millionen anwachsen sieht. Sollte die Prognose auch nur ansatzweise zutreffen, könnte es schneller als erwartet ungemütlich für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mit seinen gegenwärtig mehr als 800 Millionen Mitgliedern werden.

Quelle: Experian Hitwise

Bleibt nur die Frage, ob Google wegen der neuerlichen Bündelung von verschiedenen Diensten nicht weitere Probleme mit den Wettbewerbshütern bekommt. Schließlich verfügt Google im Segment der Internet-Suche nach europäischer Lesart über eine marktbeherrschende Stellung. Daher darf das Unternehmen nicht beliebig weitere Dienste in seine Suche integrieren, weil dies jene marktbeherrschende Stellung unrechtmäßigerweise in neue Segmente übertragen und Konkurrenten benachteiligen könnte. Im Segment der Online-Preisvergleiche untersucht beispielsweise die Europäische Kommission seit Ende 2010, ob Google seinen eigenen Preisvergleich bei der Internet-Suche bevorzugt und dadurch gegen europäisches Kartellrecht verstößt. Eine ähnliche Kartelluntersuchung hat im Juni 2011 die amerikanische Wettbewerbsbehörde FTC gestartet.

Wie jene ausgehen, ist einstweilen offen. Erste kritische Stimmen gibt es aber bereits. Laut des zum „Wall Street Journal“ gehörigen US-Wirtschaftsblogs „All Things D“ hat sich der Kurznachrichtendienst Twitter in einem Statement bereits über die Bevorzugung von Google+ bei der Internetsuche beschwert. „Wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat, machen Nachrichten meist zuerst auf Twitter die Runde. Twitter und Twitter-Konten sind bei der Suche daher oft die relevantesten Ergebnisse. Wir sind besorgt, dass diese in Zukunft schwerer zu finden sein werden“, heißt es in dem Statement.

Fakt ist zudem, dass Google durch die Integration beider Dienste auch seine Datensammlung – der eigentliche Schatz des Unternehmens – deutlich ausbauen kann. Weil der Nutzer für die personalisierte Suche über ein Konto bei Google verfügen und gleichzeitig auch angemeldet sein müssen, geben sie künftig noch mehr Daten und Informationen preis. Wer das nicht will, kann per Knopfdruck von der persönlichen zur globalen Seite wechseln – oder darf während der Internet-Suche schlicht nicht eingeloggt sein. (Update 12.01.2012: Laut Aussage von Google geben Nutzer nicht mehr oder weniger Informationen preis; die Daten in der persönlichen Suche hätte Google bereits zuvor gehabt; neu sei lediglich, dass der Nutzer sie nun in der Suche angezeigt bekomme.)

„Die Suche wird besser, wenn Deine Welt miteinbezogen wird“, schreibt Singhal. „Und wir fangen gerade erst damit an.“ Das freilich dürfte für nicht wenige wie eine Drohung klingen. So oder so, eine visuelle Zusammenfassung der jüngsten Neuerungen gibt Google im folgenden kurzen Video.

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