Einen Marathon die Hauswand hoch laufen, oder: Soll ich an virtuellen Wettbewerben teilnehmen?

Es ist alles geschrieben zur Pandemie und zu Corona und den Folgen und überhaupt. Natürlich auch zu virtuellen Wettbewerben und den Sinn und Unsinn von ihnen, im Grunde habe ich da nichts Neues beizutragen.

Dennoch denke ich nun im März 2021 darüber vermutlich anders als noch im Herbst 2020, als ich bei der Myxtri-Challenge mitgemacht hatte, den ich von Beginn an nicht vollenden konnte wegen Laufelementen und der verletzten Achillessehne. Ein paar weitere Gedanken also dazu.

Doch seit 1.11.2020 bin ich mit dem Chapter 2 des Myxtri beschäftigt, eine Serie der Xtri-Worldtour, die von den Veranstaltern von Norseman, Celtman, Swissman, Hispaman und zehn weiteren organisiert wird. Und inzwischen nähert sich das Ende dieser Challenge und ich meine nicht nur „beschäftigt“, es beschäftigt mich sportlich umfänglich.

42.337 Höhenmeter sind zu absolvieren, bis 31.1.2021 verbleiben noch 8227 Höhenmeter. Ein Marathon eine Hauswand hoch bis in die Stratosphäre. Davon werde ich gleich 227 abtragen, wie so oft in den vergangenen Monaten in der Mittagspause an den paar Anstiegen von rund 20-30 Metern, die ich bei mir zum Glück in der Nähe habe. Man ahnt also – ich bin beschäftigt und ohne die Radausfahrten am Wochenende, wo es mir gelingt, zwischen 1000-1700 Höhenmeter zusammenzufahren, wäre es nicht möglich, das alles draußen zu erledigen.

Soll und Haben. Wäre es mein Konto, wäre der Bankberater hoffentlich zufrieden.

Und damit sind wir beim Thema meiner Gedanken. Ist das ein virtueller Wettbewerb, ist das eine Challenge, also eine Herausforderung und was ist virtuell und was ist real?

Die Ausschreibungen des myxtri tragen dem Umstand Rechnung, dass es Teilnehmer gibt, die wegen Lockdowns kaum rausdurften oder nicht in Gegenden mit Anstiegen fahren oder die von Beginn an in sehr flachen Regionen wohnen. Erlaubt war, auf elektronischen Wegen die Höhenmeter abzureißen wie auf Zwift oder die fehlenden Höhenmeter durch Distanz zu kompensieren. Ich hätte zum Beispiel mit einer Ausfahrt über 200km alle Höhenmeter kompensieren können, die ich für den Machapuchre mit 6993 Höhenmetern brauchte. Stattdessen habe ich in kumuliert 35 Stunden in 22 Einheiten die Höhenmeter zusammengelaufen, gewandert, geradelt.

Ist das nun das gleiche, was andere tun, wenn sie auf Zwift einen Hügel einprogrammieren und den in deutlich weniger Zeit bezwingen als ich? Nein, natürlich nicht und diese Challenge ist eben deswegen kein Wettbewerb. „It’s a game“, schrieb ein Teilnehmer in der dazugehörigen facebook-Gruppe, „Funny Challenge“ eine Teilnehmerin, die beide Monate vor mir fertig waren.

Eine Auswahl meiner Mittagsanstiege.

Es ist für jeden das, was man draus macht, machen kann, machen will. Ich kann ja stur sein und habe entschieden, dass wenn ich das schon mache, dann dem Geist der Veranstaltung folgend. Also nutze ich die Anstiege, die mir zur Verfügung stehen, egal wie klein (und dennoch teils garstig steil) und weiche nicht aus. Das Rheinland ist schließlich nicht als Bergregion bekannt. Und keinen Höhenmeter in Innenräumen. Die Challenge ist zwar virtuell, aber spätestens nach fünf Stunden auf dem Rad im Februar angesichts angefrorener Zehen durchaus real für mich.

Bedeutet auch: Es bekommt eben jeder auch das, was er draus machen kann und möchte. Mein Respekt gilt all jenen, die sich teils mit Anstiegen von 5-10 Metern auseinandersetzen und irrwitzige Zahlen an Wiederholungen absolvieren. Das geht nicht nur an den Körper, das geht an den Verstand.

Jetzt, mit den letzten drei Wochen vor der Brust spüre ich auch eine gewisse Ermattung und bin froh, wenn ich einfach mal wieder flach laufen kann, was ich mir derzeit fast vollständig verkneife. Ich kenne jetzt eigentlich alle Routen, die ich mich mit dem Rad hochackern kann, es darf auch mal wieder nur gegen den Wind sein.

Wie jedes gute Rennen, soll auch dieses mal zu Ende sein. Aber dennoch ist eines völlig klar – ohne Pandemie, ohne Lockdown keine solche im Grundsatz absurde Idee. Und kein tatsächlich gutes Training, das ich so nie absolviert hätte in einer normalen Saison. Sowohl bei Laufen wie auch beim Radfahren, sind meine Fähigkeiten bei Anstiegen deutlich gestiegen. Und damit darf dann jetzt auch jeder Wettbewerb kommen, der mit vermeintlich unleistbaren Berg-Elementen lockt. Um somit die Frage des Titels zu beantworten: Ja.

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