Der ultimative endgültige Ausklapp-, Centerfold-, 360Grad-, Panorama-, Cinemascope-Sportblogbeitrag.

Über alles. Das Große. Das Wichtige. Das Entscheidende.

Beginnen wir mit dem Anfang. Auf dem Sterbebett. Also an dem damit – fast – ersten Tag meines Lebens. („A happy thought“ von Franz Wright: als Gedicht oder hier als wunderbare Version des Jazzsängers Kurt Elling.) An dem möchte ich folgendes sagen können: „Ich habe ein gelungenes Leben geführt.“ Nicht ein glückliches, nicht ein erfülltes Leben, sondern ein „gelungenes“, wie es Michael Bordt, der  Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership der Hochschule für Philosophie, München unter anderem in seinem Buch „Die Kunst sich selbst auszuhalten“ skizziert.

Erinnern wir uns gleich gemeinsam daran, was ich am Fleesensee darüber lernte, wie man eine immer enger zu werden drohende Kurve mit fast 300 Kilogramm Motorrad unter sich meistert. (Lesetipp: Die obere Hälfte des Motorrads – hilft auch auf dem Rad)

Blättern wir im Laufe der kommenden Zeilen gemeinsam durch Joe Friels Trainingsbibel für Triathleten, die nicht umsonst diesen Namen trägt, denn wichtiger als Pläne für Einheiten sind einige Regeln, die helfen, auf die Ziellinie zu geraten. Und die sich im übrigen gut anwenden lassen auf andere Phasen im Leben.

Aber was hat das alles mit dem privaten 10km-Testlauf Anfang 2017 zu tun, an den mich Facebook heute früh erinnert hat, den ich mit einem augenzwinkernden Kommentar aufs Alter und die derzeitige Form wieder postete? Alles.

Es geht um Kurven. Hier eine hübsche in Spanien. Die nehme ich recht gelassen.

Es war eine Zeit von 45 Minuten und 45 Sekunden. Mithin 45 Sekunden mehr als damals der Trainingsplan von Herbert Steffny vorsah. Eine Zeit, die ich momentan eben vermutlich nicht erzielen könnte. Es folgten freundliche Kommentare von Freunden, die mich ein wenig piesackten, andere, die sagten, sie wären gerne überhaupt wieder von der Erkältung genesen und andere, die meinten, sie würden überhaupt gerne so schnell sein.

Dies ist – zur Erinnerung – ein Blog, der sich mit der Motivation auseinandersetzt – mit den Freuden und Niederlagen im Freizeitsport. Was also ist eine gute Zeit? Ich habe das schon an anderen Stelle immer wieder mal geschrieben: Eine gute Zeit ist eine, wenn ich an dem Tag, an dem ich sie laufe, fahre, schwimme das meiste aus den Möglichkeiten der Form, der Umstände, des Tages gemacht habe. 2013 hätte ich bei 42 Minuten auf 10 Kilometer von einer Niederlage gesprochen, heute bin ich sehr weit davon entfernt. In diesen sieben Jahren dazwischen waren sehr viele sehr gelungene Läufe dabei, wie sicher auch miserable. In den unterschiedlichsten absoluten Zeiten.

Zeiten sind irrelevant. Vor allem nachts um drei.

Warum sind Zeiten eigentlich überhaupt wichtig? Weil sie messbar sind. Sie sind unbestechlich, wenn es darum geht, ob man Fortschritte macht. Ich habe Glück in meinem Leben – ich möchte Dinge, die ich tue, besser machen. Die 74. Orechiette, die ich per Daumendruck vom Teigstrang ziehe, soll schöner sein als die 73 davor, die 75. besser als die 74.. Jeden Ton, den ich auf der Posaune spiele, möchte ich beim nächsten Mal besser hinbekommen. Ich bekomme das nicht aus mir raus und das ist Glück, für das ich nichts kann. Der australische Musik-Satiriker Tim Minchin erklärt dieses “Glück“, das wir alle besitzen, die dies lesen können sehr lustig hier: 9 Life Lessons

Es ist also völlig egal, ob ich vergangenes Jahr superschlecht gelaufen bin (es ist schließlich keine OP, wo ich jemandem wegen mangelnder Eignung in dem Moment zum ersten Tag seines Lebens bringe). Sondern entscheidend ist, dass ich es besser versuche als gestern. So gut es mir heute möglich ist. Dass es bei mir Ausdauersport, Kochen und Musik sind, ist Zufall, Fügung. Bei anderen sind es andere Tätigkeiten, an denen sie feilen, weil Fortschritte machen ein erfüllendes Erlebnis ist.  Alles andere ist irrelevant, so sehr eine gute Platzierung in einem Wettkampfergebnis einen motivieren kann. Was auch immer jeder als „gut“ betrachtet, siehe oben.

Ist es also wichtig, ob ich noch mal meine persönliche Bestleistung schlagen werde? Für mich nicht, denn bei all der augenscheinlichen Dölmerei, die ich rund um den Sport mache und immer – hoffentlich – den Eindruck gibt, ich nähme das nicht ganz so ernst, steckt dahinter eine Idee, eine Haltung.

Richtig. Nicht Ziel und/oder Vision: Idee, Haltung. Das andere kommt gleich.

Wer den Blick auf das richtet, worauf es ihm ankommt, erntet am Weg ungeahnte schöne Momente. Wie dieser fröhliche zweifelhaften ästhetischen Werts.

Die Vision. Es gibt einige, die ich habe, also Vorstellungen davon, wie einmal etwas sein wird. Meine große sportliche Vision ist für die kommenden Jahre klar: Eine Teilnahme an der Triathlon-Weltmeisterschaft in Hawaii über den Weg der Qualifikation auf Basis einer ausreichenden Anzahl an Teilnahmen. Ich erläuterte das hier.

Ich kann die Seitenzahl aus Joe Friels Trainingsbibel – ich habe nicht vergessen, dass ich sie erwähnte –  nicht nennen. Aber in meiner Erinnerung an das Buch, das ich 2012 sehr intensiv gelesen habe, ist neben der Warnung vor Übertraining – da bin ich ungefährdet – ist ein sehr wichtiges Thema die Trennung zwischen Ziel und Vision, die die Vorbereitung prägen sollte. Ja, ich habe eine große Vision bezüglich des Triathlons (und im Leben sicher noch ein paar andere), aber ich kann sie sauber vom Ziel unterscheiden. Die Ziele sind klar definiert. Zum Beispiel: Rennen, die ich starte, beende ich. Die beiden diesjährigen Ironman-Rennen sind also mit einem Ziel versehen: Ankommen. Natürlich, gerne in guten Zeiten, aber: Ankommen. Der Celtman ist mehr der Leidenschaft für dieser Art Rennen geschuldet – das ist geradezu eine reine Spaßveranstaltung für mich, die der Vision hoffentlich nicht abträglich ist durch einen Sturz zum Beispiel.

Sturz. Mit dem Motorrad. Damit sind wir bei der Kurve gelandet und den für mich erstaunlichen Erkenntnissen, die ich vom Fleesensee aus dem Wiedereinsteigerkurs für Motorradfahrer einst mitgenommen habe und die maßgeblich sind für meine Vorbereitung über die Jahre. Wer in eine Kurve mit hoher, vielleicht zu hoher, Geschwindigkeit fährt und droht abzukommen, kann einen großen Fehler machen – auf den Fahrbahnrand zu schauen, der bedrohlich immer näher zu kommen scheint. Das müsste jeder kennen, dein motorisiertes oder unmotorisiertes Zweirad gefahren ist.

Was lernte ich? Auf das Ende der Kurve zu schauen. Auf den Punkt, an den ich fahren möchte. Die Kurve beenden, sie zum Gelingen bringen. Wenn ich das Ende der Kurve im Blick habe, folgt das Motorrad automatisch. Wer es nicht probiert hat, wird zweifeln. Einfach mal auf ungefährlichem Gelände mit dem Fahrrad ausprobieren. (Eng im Kreis fährt man übrigens, indem man auf die Mitte schaut, wir sind um eine Coladose rumgekurvt.)

Das Ende der Kurve ist das Ziel. Alles was dazwischen liegt, wird folgen. Von ganz allein. Dieser Blogbeitrag ist – Überraschung – nicht der einzige Text auf der Welt, der sich mit Motivation und Zielerreichung auseinandersetzt, sicher nicht der beste, keinesfalls der schlechteste, aber nun mal meiner und bis hierhin haben wir es gemeinsam ja ausgehalten. Ein paar Zeilen noch, dann habe ich mein Schiffchen in den Hafen gebracht.

Alle meine Einheiten, meine Einschätzungen darüber, ob ich etwas tun oder lassen sollte, folgen dem Blick auf das Ende der Kurve und das liegt – ganz pragmatisch – derzeit in Torridon am gleichnamigen Loch in Schottland. Es ist nicht wichtig, dass zwischendurch mal was nicht so läuft, wir sind keine Maschinen. Wo ich hin möchte, das ist es, was mich führt.

Das ist einer der vielen Bögen, eine der vielen Kurven in meinem Leben, deren Ziel ich nie aus dem Auge verliere und unsichtbar für meine Umgebung ansteuere, weswegen manches willkürlich wirkt, aber es eigentlich nie ist. Man kann das auch Masterplan nennen oder Konzept und vermutlich gibt es X andere Wege, die alle funktionieren. Welchen jemand einschlägt, hat sicher einfach mit den eigenen Erfahrungen, den Vorgaben aus dem Elternhaus, den Freunden, vielleicht auch kulturellen Erlebnissen von Musik bis Literatur zu tun. Und niemand muss den gleichen Weg gehen, so wie es völlig irrelevant ist für die Vision, ein gelungenes Leben zu führen, ob ein anderer nun schneller oder weiter laufen kann als man selbst. Sie könnten jedes Thema als Kurve betrachten – oder auch platt fragen: Was ist mir eigentlich wichtig? Vom Streit mit Nachbarn oder Vermieter über Engagement in einem Verein bis zu Scheidung oder Verabschiedung lieber Menschen in den Tod. Kurven, die es zu meistern gilt – überall.

Der größte Bogen ist also das gelungene Leben, das ich im Sinne von Tim Minchin „fülle“. Mit Erlebnissen. Mit Freude. Mit Sport. Mit Siegen. Mit Niederlagen. Und manchmal einer lausigen Laufzeit. Danke fürs Lesen.

Ich empfehle alle verlinkten Werke von Herzen. Alle wollen das gleiche, es ist der Weg, der sich unterscheidet – das Ende der Kurve ist das gleiche.

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Alle Kommentare [1]

  1. Hallo Thorsten,

    schöner Beitrag ich kann das Buch „Die Kunst sich selbst auszuhalten“ der Weg zur inneren Freiheit empfehlen.

    Danke für die schönen Links.

    Gruß Andreas