Ich bin Extremsportler. Ich habe einen Bauch.

„Du hast ja einen Bauch!“. Die Worte klangen aufrichtig überrascht.

Jenseits des Umstands, dass selbst der schlankeste Mensch der Welt technisch einen Bauch hat, stecken in diesem Satz zahllose Aspekte.

Ich versuche, es strukturiert aufzuschreiben, kann aber nicht versprechen, dass die Emotionen nicht mit mir durchgehen.

Die vergangenen Monate war mein Leben gefüllt mit Dingen, die man sich gerne ersparen möchte und die Energie kosten. Zeit, Gedanken, Emotionen. Die glücklichsten Menschen der Welt muss man sich wohl so vorstellen, dass sie in Stresssituationen noch mehr Sport zum Ausgleich machen. Da sind mein Schweinehund und ich anders gepolt.

Fürs quälen im Training brauche ich ein Mindestmaß an Ausgeglichenheit. Ich bin also weniger gelaufen, weil mir die Kraft fehlte, mich morgens rauszurollen aus dem Bett, was sonst so eigentlich immer ganz gut lief. Weniger Bewegung bei gleichem oder etwa mehr Essen: Sieht man.

So auch beim Wechsel meines T-Shirts in der Staffelzone des Düsseldorf-Marathons. Nasses Laufshirt aus, trockenes Shirt an. Als Mann zögert man da nicht lange, ich als Mensch frei von Scham schon gar nicht. „Du hast ja einen Bauch!“ Da war sie: Die Wahrheit. Mein Schweinehund und ich und mein Bauch. Die Feststellung als solche überrascht mich nicht. Ich weiß das. Ich wusste es schon immer. Mal weiß ich es mehr (momentan), mal weniger (Saisonhöhepunkt).

„Du machst doch so viel Sport, du bist doch Extremsportler.“ Da sammeln sich Irrtum und Missverständnis in einem Satz.

Nein, derzeit mache ich zu wenig Sport. Siehe oben. Mein Ruf ist noch intakt, die Trainingsbilanz aber ist unbestechlich. Kommt wieder, aber die vergangenen Wochen/Monate eben nicht. Ich mache zwar bei Wettbewerben mit, die bisweilen als Extremsport bezeichnet werden, deswegen bin ich aber nicht jede Minute meines Lebens Extremsportler, so wenig wie ich, nur weil ich täglich gerne koche und gerne mit Aufwand auch kein Extremkoch oder Extremesser bin.

Die Willensanstrengung, ein hartes Training zu beginnen ist für mich deutlich geringer als die Willensanstrengung, einer Knabberei zu widerstehen. Und letzteres ist eine tägliche Herausforderung, mehrfach. Schweinehund bekämpfen bedeutet nicht nur Dinge zu tun, sondern auch zu unterlassen. Klappt so mittel.

Und ich wiederhole mich: Mit Sport nimmt man nicht ab. Nur, wenn man sich auch normal ernährt. Gegen Schlemmen kann ein Vollzeit berufstätiger Mensch kaum antrainieren. Ein Blick auf Verbrauchswerte und Kalorienangaben erlaubt da einen Einblick. Ich bin aber ein besserer Schlemmerer als Trainiererer.

Nun habe ich also diesen Bauch. Und JA. Es stört mich. Ich will den nicht. Er soll weg. Es nervt mich auch, dass er nicht weggeht. Denn er geht nie weg. Er bleibt und solange ich nicht das Bauchfett absaugen lasse, bleibt er auch. Und – er war auch immer da, seit ich vor mehr als 10 Jahren anfing, Ernährung zu kontrollieren und Sport zu treiben. Ich war mal sehr sehr schlank. Mit Bauch. Irgendwas bekäme man für eine subkutane Spritze immer zu greifen. Laufsport macht keinen Waschbrettbauch. Radsport auch nicht. Und das Maximum, das ich erreichen könnte, wäre hinter die weiche Fettschicht eine Muskelwand anzutrainieren. Selbst der Schönheitschirurg, den ich im Zuge einer Recherche mal sprach, meinte: „Wenn Sie mit Sport den Bauch wegbekommen, dann rufen Sie mich an, dann mache ich das auch.“

Klar, paar Kilo werden schon noch runtergehen die kommenden Wochen, klar, die Hosen werden dann auch wieder bequemer zugehen – aber so ein Calvin-Klein-Unterhosen-Model, nee, das wird wohl nix mehr.

Nun ist er da, geht momentan nicht leicht weg, muss ich durch. Ja, das passiert auch mit im Vergleich zu einem normalen Menschen immer noch viel Bewegung. Es ist normal. Um ein Meme mit dem Star-Trek-Kapitän zu zitieren: „It’s natural. It happens.“

Und um das ganze noch abzurunden – natürlich wiege ich auch viel mehr als zu meiner dünnsten Phase. Die muss so um 2013 gewesen sein, als ich meine erste Langdistanz gemacht habe. 17-20 Stunden Training die Woche, 2 Monate kein Alkohol – da war schon Ärger mit den Hosen – weil sie rutschten (den Anzug, den ich unmittelbar danach kaufte, kann ich günstig abgeben, quasi ungetragen). Knapp 73 Kilo wog ich da wohl und ich kenne noch die Fotos von damals. Heute sind es spielend 10 Kilo mehr und selbst auf dem Saisonhöhepunkt kaum weniger als 79. Muskeln wiegen mehr als Fett heißt es dann immer. Jaja. Sagt’s dem Bauch.

Vorgestern habe ich ein Hemd aus der Phase gebügelt und es ist etwas passiert, das mir schon mit anderen Hemden aus der Zeit passiert ist. Es spannte. Es spannte so sehr, dass ich es zwar knapp zu bekam – dann aber am Knopf einriss. Ich weiß, was sie denken, aber das Problem hatte ich am dritten Knopf von oben. Ich habe nicht nur Bauch. Ich habe auch Brust. Davon redet mal nur wieder niemand.

 

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Alle Kommentare [1]

  1. Hehee – Du sprichst aus was andere auch empfinden.

    Ich hab mal gelesen, Waschbrettbauch liegt an den Genen,.. wo sind meine?
    Aber ansonsten : „ein besserer Schlemmerer als Trainierender“ ist doch auch was (Köstliche Bestandsaufnahme *g)