Lost & Found. Der 70.3 Ironman in Kraichgau

Hier mal ein Geständnis: Ja – ich mag Musik von Sting. Und der nächste Bessergeschmackspolizist, der rumnölt, bekommt einen 7/4-Takt von mir um die Ohren. Warum sage ich das? Weil ich hier gerne ein Stück Musik einklinken möchte, das ich einerseits musikalisch ansprechend (Ohren auf, Geschmackspolizei für Vinnie Colaiuta) finde. Und anderseits thematisiert der Text ein Problem, dem ich in einer Abwandlung am Sonntag begegnet bin. Verlieren. Hier zum Lied:

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If I ever Lose My Faith in You. You could say I lost…

Verlieren. Glauben, Hoffnung, Zuversicht – von allem hatte ich nicht zu viel, bevor es an den Start ging bei meiner dritten Teilnahme bei der „Challenge Kraichgau“. So hieß sie bis 2013, bevor der örtliche Veranstalter das Rennen an das Konkurrenzunternehmen Ironman, in Form der WTC, verkaufte. Das sportliche Jahr war für mich bis hierhin alles andere als ideal verlaufen, also im Prinzip so wie die Fußballsaison für den HSV, der sich meist halt irgendwie durchwürgt. Man ist dabei, aber nicht wirklich vorn, man hat tolle Ambitionen aber keine Top-Resultate.

Schief gehen? Damit kann nichts schief gehen!

Schief gehen? Damit kann nichts schief gehen!

Was also kann schief gehen bei einem Wettbewerb, den man nicht zu verlieren (Did Not Finish/DNF) glaubt, aber definitiv auch nicht optimal vorbereitet hat? Mit Freude und Spaß mitmachen. Im Gegensatz zu den HSV-Spielern zahle ich schließlich zum Mitspielen.

Und wenn man nix verlieren kann, kann man nur gewinnen. Und der Zauber der Erfahrung entfaltete schon beim Schwimmen seine ganze Wirkung. Nach dem 1. Jahr 2014 als vermeintlich guter Schwimmer in der ersten Startreihe und einer Nahtod-Erfahrung (klitzekleine Übertreibung, aber ich war überrascht) unter den Armen und Beinen der Mitschwimmer folgte ein Erkundungsschwimmen im Hardtsee im 2. Jahr 2015. Gut 200 Metern mehr Wegstrecke als nötig legte ich zurück. 2016 war nun alles im Lot. Ich hielt mich ein wenig abseits vom Getümmel der sehr ehrgeizigen Starter. Ich orientierte mich recht rasch an einem Paar Füßen, das vor mir schwamm. Windschatten-Fahren ist verboten, Wasserschatten-Schwimmen nicht. Den Sog-Effekt gibt es. Ich hing mich dran, schaute kaum nach oben zur Orientierung und habe nur 50 Meter mehr als vorgeschrieben auf der Uhr. Ich wechselte wohl mal zu einem schnelleren Paar Füßen, aber ansonsten prügelte ich grundzufrieden das Wasser. Und war mit 34 Minuten dann schneller aus dem Wasser als die beiden Jahre zuvor.

Pasta Party in gut.

Pasta Party in gut.

Da es ja um nichts ging, konnte ich auf dem Rad auch mal was riskieren: Was mehr, als beim abschließenden Halbmarathon theatralisch den sterbenden Schwan zu geben, konnte denn passieren? Nüscht. Ich hatte nichts zu verlieren.

Ganz im Gegensatz zu zahlreichen Fahrradfahrern, die vor mir fuhren. Und damit Willkommen in der Themenwechsel-Achterbahn mit so vielen Auf und Abs wie der Radkurs im Land der 1000 Hügel hat: Lost & Found Property.

Ich inventarisiere mal aus dem Gedächtnis:

  • 3 Schläuche
  • 2 Visiere von Zeitfahrhelmen
  • 3 CO2-Kartuschen von Pumpen
  • 2 Aero-Trinkflaschen von Profil-Design
  • diverse normale Trinkflaschen
An gut der Hälfte der Gegenstände im Bild bin ich vorbeigekommen. Teils nur knapp ausweichen können.

An gut der Hälfte der Gegenstände im Bild bin ich vorbeigekommen.

Ich hätte einen Fahrradladen aufmachen können, mit dem Material, hätte ich es unterwegs eingepackt. Höhepunkt des Lost by Vordermann and Found unfortunately by me was then der Fahrer, dessen Trinkflasche sich aus dem Sattel-Halter löste – bei irgendwas über 55 km/h bergab. Michael, das war Murks!

Der Triathlet als solcher scheint in der Materialschlacht zwar an jede Sekunde Zeitgewinn aber nicht an Sicherung des Materials zu denken. Michael, den ich noch ansprach, machte sich wohl nur Sorgen, dass er nun nicht mehr genug zu trinken hätte. Dass nachfolgende Fahrer bei so etwas auch einen Sturz hinlegen können – ich kann nur hoffen, dass er es ahnt. Vielleicht sieht mein Klebeband albern aus, das die Luftpumpe am Rahmen und die Flasche mit Ersatzschlauch und Werkzeug fixiert – aber es hält.

Zurück in den Schleuderkreisel der Themen – zur emotionalen Seite des Gewinnen und Verlierens.

Bei den ersten Kilometern im Halbmarathon hatte ich dann auch das letzte bisschen Hoffnung verloren, dass es eine gute Zeit wird. Zwischendurch dachte ich: „Bestzeit!“, weil es so gut lief und sich prima anfühlte. Wie gewonnen, so zerronnen, dachte ich dann irgendwann zu Beginn des Laufes. Denn dann habe ich nochmal auf die Uhr geschaut – weit über einer Bestzeit, als ich alles innerlich durchrechnete. Egal. Das Beste draus machen, gut anfühlen ist ja auch was wert. Kein Grund sich zu grämen, es war eine Supersause bis dahin.

So sehen Starter aus!

So sehen Starter aus!

Selbstverständlich bin ich eine echte Matheniete. Irgendwann kam ich durch lauter Kalkulieren wohl so durcheinander, dass ich es einfach nicht mehr wusste. Erst fünf Kilometer vor dem Ziel war ich mir dann doch ziemlich sicher, dass ich doch auf Bestzeit-Kurs war. Wie verloren, so gewonnen! Und ich war noch nicht mal in argen Nöten, der Wettergott schickte ein wenig Nieselregen und kühlere Luft und so konnte ich mir den Spaß gönnen, in der letzten Runde mir einen der roten Werbe-Strohhüte vom Stand der Sparkasse zu greifen und damit ins Ziel zu laufen. Was man halt so findet am Wegesrand.

Und so sehen Sieger aus!

Und so sehen Sieger aus!

Und so kam ich dann ins Ziel an diesem dankenswerterweise nicht megaheißen Sonntag, auch das Gewitter hat einen Bogen ums gemacht. Die Starter des späteren 5150, also der Olympischen Distanz, hatten leider Pech: Ihr Schwimmen musste wegen Gewitters abgesagt werden.

Mehr kann ich nicht wollen von einem Wettbewerb: Nichts erhofft, alles gewonnen. Und ich habe etwas viel wichtigeres gewonnen. Etwas, das ich verloren hatte auf dem Weg zu meinem mir wichtigsten Wettkampf des Jahres, dem Ironman in Klagenfurt am Wörthersee: Optimismus. Und der Junge mit den Worten „Qualitätsschwämme!“ war auch wieder da.

Danke, Kraichgau, danke an die Helfer, danke an die Zuschauer – eine tolle Sache!

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Du Glücklicher – Optimismus ist genau das was mir vor Klagenfurt fehlt.

    Einige Läufe und Radrennen, ok. Aber einen Triathlon wollte ich schon noch vor dem Ironman absolvieren, für den Kopf sozusagen und natürlich auch, um optimisitsch in den langen Tag um den Wörhersee herum zu gehen.

    Leider macht mir das Wetter, hier der Rhein, wohl einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund des Hochwasser wird es wohl „nur“ ein Duathlon. Noch schnell eine Alternative für das kommende WE? Unmöglich. Also gehe ich weniger optimistisch in Klagenfurt an den Start 🙁

    Aber wenigstens bist Du es – da kann ja die Ehre des Vereins gerettet werden!