Liebe Kinder aus Ubstadt-Weiher, die Challenge Kraichgau war ein Offenbarungseid

Liebe Kinder aus Ubstadt-Weiher, Bad Schönborn, Flehingen oder Büchig,

ich war am Sonntag bei euch im schönen Kraichgau, den ich vorher gar nicht so genau kannte. Ich war zu euch gekommen, um mitzumachen bei dieser Veranstaltung, wo ganz viele Rennradfahrer und Läufer durch eure Straßen brausen, der Challenge Kraichgau. Ich wollte sehen, wie ich mit einem Halbmarathon klarkomme, nachdem ich 1900 Meter im blauen Hardtsee geschwommen und 90 Kilometer Rad gefahren bin mit 1000 Höhenmetern. Gar nicht gut. Viele von euch kennen die schönen Berge und ihr schimpft sicher auch, wenn ihr nach der Schule mit dem Rad da hoch fahrt, weil es doch sehr anstrengend ist. Ich schimpfe lauter.

Ob Batman wohl schneller als ich über die Berge kam?

Ob Batman wohl schneller als ich über die Berge kam?

Aber ihr habt die Strecke zu hunderten gesäumt. Die jüngeren unter euch haben sich vielleicht gewundert, was da eigentlich los ist. In euren ruhigen Straßen mit Fernblick bis in die Pfalz wurden Absperrungen aufgebaut. Ihr konntet nicht mehr einfach so zu euren Freunden gehen. Und am Sonntag war die Straße auf ein mal voll. Mehr als 2000 Erwachsene sausten oder krampften sich laufend durch eure Dörfer und Gemeinden. Einer war ich.

Ich war einer von denen, an denen die anderen Radfahrer vorbeizischten und beim Laufen war ich einer von denen, die eure Schwämme mit großer Wonne ins Gesicht drückten. Nicht gesehen habt ihr, wie mein Lenker sich nach einem Schlag bei der Fahrt über einen Gulli nach unten bog oder mir das Isogetränk auf den Körper lief, weil die Flasche schräg zugeschraubt war. Da hättet ihr gelacht. Ich weniger. Schade, dass diese Missgeschicke nicht wenigstens ein wenig Spaß brachten.

Ihr habt vielleicht sogar Mama oder Papa, die selber mitgemacht haben. Und ihr wundert euch. Alle tragen kunterbunte knallenge Anzüge und wenn Mama und Papa an euch vorbeikommen sehen sie vielleicht ganz schön müde aus. Vorteil: Sie haben keine Kraft zu schimpfen, wenn ihr gerade Unsinn treibt.

Viele von euch waren sogar Helfer. Ihr habt Getränkebecher hingehalten, „Cola-Mix“ gerufen oder „Iso-Getränke“. Und ich griff stumm zu und kippte mir den Becher ins Gesicht, statt zu trinken – zum Glück war dann auch immer Wasser drin, wenn ihr „Wasser“ gesagt habt. Ihr könnt euch vorstellen: Ein Becher Cola im Gesicht: Klebrig.

Zu diesem Zeitpunkt sah alles noch gut aus. Bis auf den Athleten. Clownsparade am Hardtsee.

Zu diesem Zeitpunkt sah alles noch gut aus. Bis auf den Athleten. Clownsparade am Hardtsee.

Aber ihr habt die Schwämme nicht einfach hingehalten. Ihr habt sie angepriesen, als sei das triefnasse Plastikding ein Füllhorn der Erfrischung. Ist es in dem Moment auch. Kaltes Wasser – herrlich, in einen habe ich sogar reingebissen. „Tolle Schwämme“ habt ihr gerufen. „Nehmt zwei.“ „Erstklassige Schwämme“ habt ihr gesagt und sie beworben als sei es das letzte Angebot vor der Autobahn, die hier im Umkreis der Zentralen von Heidelberg Druck und SAP nahe ist und doch fern wirkt.

Ich hätte euch gerne mehr geboten, ein Dankeschön, für euch, für eure Eltern und Trainer, die euch darum baten, da mitzumachen. Ohne euch wäre es wohl einfach gar nicht gegangen.

Aber seid ehrlich: Es ist auch nicht ganz schlecht für euch gelaufen. Rassel in der Hand und: Gib ihm. Macht das im Wohnzimmer für fünf Minuten und ihr habt Mama und Papa mit den Nerven so blank wie mich, als ich am laut Ausschreibung „Geheimtipp Schindelberg“ (wie ich lernte, heißt der bei hiesigen Vereinen „Wand von Gochsheim“) eure Hügel und meine Entscheidung hier teilzunehmen verfluchte. Innerlich aber dennoch deutlich. Ihr durftet brüllen und im Gegensatz zu mir sicher auch ein Eis oder eine Wurst essen. Ich durfte nur am Bratwurstduft vorbeifahren. Und ihr ahnt es: Das ist nicht schön, wenn man sehr hungrig ist, einem gleichzeitig flau im Magen ist und man natürlich nicht einfach anhalten kann, um eine Wurst zu essen. Und ich hätte gerne angehalten, Rad abgestellt und nur noch gegessen. Aber ich musste ja noch nach Hause.

Ich hatte den Eindruck, dass ihr am meisten Spaß hattet an diesem Tag. Mama oder Papa oder Opa oder der Tante zujubeln, ohne Unterlass mit Holzlöffeln auf Kochtöpfe schlagen, während eine Riesenmeute alberner Clowns in bunten Wurstkostümen an euch vorbeiläuft. Und keiner schimpft, weil ihr Krach macht.

Vielleicht denkt später mal der ein oder andere auch darüber nach, mit zu machen. Mal auf der anderen Seite zu sein, mal selber sich zu quälen, mit den Steigungen zu hadern, beim Laufen über die Hitze zu fluchen, langsam zu spüren, wie die Kraft schwindet, das Tempo so in die Knie geht, dass aus Laufen Gehen wird. Es macht dann am Ende, so viel darf ich verraten, nicht mehr ganz so viel Spaß. Ich wollte nur noch ankommen. Ende, aus, endlich stehen bleiben. Aber ihr und eure Eltern, ihr hättet wohl immer weiter gerufen, „Hop, hop, hop“, so wie an diesem ekelhaften Anstieg mitten auf der Radstrecke, wo extra viele Menschen stehen, um entweder zu sehen, wie ich und die anderen uns quälten oder weil sie uns Mut machen wollten. So gibt dann eben keiner auf, jeder will ankommen, so auch ich. Bin ich auch. Weit langsamer als erhofft, weit gequälter als gewünscht – es war eigentlich ein Desaster, ich will da nicht rumdrucksen. Eine 3- in meinem sportlichen Zeugnis, bestenfalls. Aber ihr kennt die Klassenarbeiten, für die man entweder zu wenig geübt hat, oder die einfach elendig schwer sind. Dann ist man über die 3- noch froh.

Und – ganz ehrlich – natürlich hatte ich auf eine 2+ spekuliert. Vor zwei Jahren bin ich in Köln das erste mal so weit geschwommen, geradelt und gelaufen am Stück. Und ich war schneller. Deutlich. Und ich habe seit dem viel geübt. Mehr Stunden als  Englisch-Vokabeln oder binomische Formeln in meiner gesamten Schulzeit. Und ich bin dennoch deutlich schlechter gewesen bei dieser Prüfung im Kraichgau. Da denke ich mir auch: Üben bringt wohl nix. Und das Schlimme: Ich musste nicht ein mal auf mein Zeugnis warten, bis mir klar wurde, dass ich diesen Test vor der wichtigsten Arbeit des Jahres, dem Ironman in Klagenfurt in zwei Wochen, versemmele. Meine Uhr war da die ganze Zeit sehr erbarmungslos. Alle fünf Kilometer schnarrte sie und zeigte mir an: Du bist langsam. Blieb ich auch. Die Arbeit zu Ende schreiben, obwohl man weiß, dass sie Murks wird – naja. Abgeben muss man dennoch. Ich sage euch: Ich habe Schiss vor dem Ironman in zwei Wochen. Noch mehr Hügel, noch mehr Höhenmeter und alle Distanzen doppelt so lang. Mehr als ein „Wird schon gut gehen“ fällt mir momentan auch nicht ein. Diese „Arbeit“ muss halt glücken – aus welchen Gründen auch immer.

Ich bin dennoch zufrieden mit dem Tag, denn es war eine tolle Stimmung und ein herrlicher Tag zum Scheitern. Es war schön bei euch und ihr habt viel geholfen. Und weil ich euch unterwegs nur selten Danke sagen konnte, tue ich es hiermit: Danke für eure Schwämme, Becher und Lärm.

 

 

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Alle Kommentare [18]

  1. 3- für diese Leistung? Jammern auf höchstem Niveau. Wer es nicht weiß, unser Thorsten war bester Fortune! 🙂

    Der Bericht ist sensationell, wunderbar wiedergegeben. Ich wünsche mir, alle Kinder im Kraichgau können diesen lesen. Es war aber auch wirklich toll, wie die „Kurzen“ im Ziel mit den Tabletts herumgelauifen sind und mit welcher Begeisterung diese an der Strecke standen.

  2. @Clemens, danke, aber ein wenig schneller hatte ich halt doch gehofft, zu sein. Zum Mut machen für Klagenfurt, wo es dann noch mal doppelt so lang alles ist. Aber ich hatte ja dennoch einen tollen Tag. Und bin nächstes Jahr wieder dabei!

  3. Ersteinmal: Glückwunsch zum Finish auch von mir. Und ein Scheitern kann es nicht gewesen sein. Du hast schließlich mitgemacht. Kopf hoch und weiter so! 🙂

  4. Höchsten Respekt die Strecke war wohl bei allem was ich gelesen hab nicht ohne! Und der Artikel ist super;) und Batman kannste mal zu uns schicken, den wollen wir auch als Sponsor;) Man und ich hab schiss vor meiner ersten OD im August :-/ FlitzpiepenGruss aus Berlin

  5. Die Kinder waren wirklich goldig…im Zielbereich, lauter verstrahlte Männer zwischen 30 und 55 wanken durch die Gegend und haben außer röcheln nicht mehr viel von sich zu geben…..dazwischen zwei zuckersüße Kinder im Alter von vllt zehn oder elf Jahren, die einem ein Tablett mit Kuchen und Wassermelonenstückchen unter die Nase halten. „Möchten Sie vllt auch noch ein Stück Kuchen haben?“ Ich bin gestorben, so rührend war das. Danke Kids.

  6. Auch Batman hatte ganz schön mit dem Wind zu kämpfen …
    Danke, dass du mein Custom-Bike etwas berühmter machst 🙂 🙂 🙂

  7. @Matthias, ich habe auch vom Rad immer wieder gewunken. Die Menschen stehen da, um uns anzufeuern. So lange es nicht die Sicherheit gefährdet, gebe ich gerne etwas zurück. Wenn das Zeit kostet, ist mir die das wert. Was Klagenfurt angeht – so will ich das sehen. Ich weiß jetzt, was die Höhenmeter für meine Leistung bedeuten, wenn ich annähernd so durchkomme wie gestern, ist das prima. Und das wird hart genug.

  8. Hallo Thorsten,

    ein wunderschöner Bericht. Es ist erstaunlich, wie Du trotz der Situation als Teilnehmer die andere Seite der Helfer so gut mitbekommen hast.

    Sportlich gesehen würde ich aus Deinen Beschreibungen heraus sagen, dass die Generalprobe nicht optimal lief, was aber dann heißt, dass die Uraufführung ein Erfolg wird. Jetzt noch gut tapern und dann wird es schon passen.

    Ich drücke Dir die Daumen.

    Viele Grüße

    Matthias

  9. Du hast dich durchgebissen, dass ist das Wichtigste! Es gibt eben gute und schlechte Tage, und das war einer der schlechteren. Aber: Missglückte Generalprobe = Gute Uraufführung. In diesem Sinne Kopf hoch und relaxen!

  10. Glückwunsch zum Finish! Soooo schön geschrieben!!!! Auch für und Helfer war’s ein toller Tag! Ihr seid alle soooo klasse, ihr Triathleten!

  11. @Katrin Danke! Hauptsache tun, was man tun kann – dann bin ich sehr zufrieden.

  12. @tim Danke!

    @calceola Klares Jein. Ich hatte gehofft, schneller zu sein. Ich war hinterher dennoch sehr zufrieden und fand den Wettbewerb toll. Die Zeit ist die Zeit, die gestern drin war. Ich bin unverletzt, keine technischen Probleme, ich habe mich auf dem Rad nicht geschont und das Laufen mit Würde zu Ende gebracht, der Schwimmstart war mein Fehler, aber gut – +- 2 Minuten. Egal. Also: Alles richtig gemacht. Die Klagenfurtprognose nehme ich. 🙂

  13. Wenn man das so liest könnte man den Eindruck bekommen es ist nicht so gut gelaufen/geschwommen/geradelt.

    Aber seien wir ehrlich, es geht doch auch darum genau eine solche Erfahrung zu machen.

    Die Kinder haben gesehen wie Erwachsene schwitzten und fluchten beim Sport. Sie haben aber auch gesehen wie die Erwachsenen durchgehalten obwohl der Lenker nach unten ging, die Flasche tropfte wo sie nicht sollte, der Berg nur etwas steiler ausfiel als man laut Ausschreibung und Höhenprofil dachte.
    Die Sportler und gleichzeitig Erwachsenen waren aber auch einfach Vorbilder und dafür gibt es eine glatte 1 .

    Auch den Job muss einer machen. Danke.

    Ich habe mir erlaubt aus dem Ergebnis von Kraichgau das Ergebnis für Klagenfurt zu extrapolieren. Bei all dem Frust und der längeren Strecke die man Zeit hat es gut zu machen denke ich es wird eine Zeit unter 9h178min

    Vielen Dank für den anregenden Artikel.