Liebesbrief an ein Rennrad, der zweite…

…du bist nun da. Dein Lack ist matt, aber du strahlst – als Objekt der Begierde, als Schmuckstück im Wohnzimmer, denn dort wo ich wohne, sollst auch du wohnen.

Es war nicht leicht für uns. Du erinnerst dich. Es waren harte Wochen, ja Monate.

Aber nun bist du da. Und obwohl es eine arrangierte Hochzeit war und wir uns erst am Tag des Auslieferns kennen lernten, ist es Liebe auf den ersten, zweiten, dritten, vierten, fünften (usw.) Blick. Jeden deiner 22 Gänge habe ich in mein Herz geschlossen, jeder Falte deines Lenkerbandes spüre ich unterwegs liebevoll mit den Händen nach, deine Leichtigkeit begeistert mich, dein sanftes Schnurren beruhigt meine Nerven. Du bist perfekt. (Und ja, Equipment motiviert…)

Gesunde Zähne, kraftvolles Treten.

Gesunde Zähne, kraftvolles Treten.

So viel Zeit haben wir noch gar nicht miteinander verbracht und dennoch kommt es mir vor, als seien wir seit ewig ein Paar, geschaffen füreinander und niemanden sonst. Gut, ich weiß – du hast Geschwister, hin und wieder sehe ich eines. Sie sehen aus wie du, sie sind bestimmt wie du, aber du bist mein. Nichts kann uns trennen, keine rote Ampel, kein Eiscafé, keine steile Abfahrt. Ich bin bei dir und lasse dich nie allein. Begleitest du mich zur Arbeit, wartest du im Büro. Kommen wir heim, stehst du neben mir am gedeckten Tisch, während ich meine Speicher wieder auffülle.

Und unsere Liebe wurde gleich zu Beginn auf eine harte Probe gestellt, denn ich hatte dich mit in den Regen genommen. Ungeplant und ungewollt. Ich wollte doch auf dich aufpassen und es ist mir nicht gelungen. Du warst voll  mit Matsch, dein zarter Teint überlagert von krustigem Schmutz. Ich meinte, dich schlecht behandelt zu haben und noch am gleichen Abend, noch bevor ich mir selbst das Salz von der Haut duschte, reinigte und pflegte ich dich, damit dein matter Glanz voll zur Geltung käme. Du sahst aus wie aus dem Karton gepellt – makellos. Du hast mir nichts krumm genommen.

Wie man sich sattelt, so fährt man.

Wie man sich sattelt, so fährt man. #ontherivet

Und wir lernen uns immer besser kennen. Viele Macken hast du nicht, vielleicht ist es deine größte und wirklich etwas lästige Eigenheit, laut zu kreischen, wenn du kräftig gebremst wirst. Du bist ein Mustang, ein Gepard, ein Sportwagen – du liebst das Tempo. Und mit dir entdecke ich immer neu den Rausch der Geschwindigkeit. Sei es auf der Landstraße, wenn es rollt und wir über den glatten Asphalt gleiten. Sei es auf den Abfahrten, die du rasant hinabstürzt, mit irrwitzigen Geschwindigkeiten und in denen du mir auch in den Kurven stets ein Gefühl der Sicherheit vermittelst, als ob dich nichts aus der Ruhe bringen könne. Oder sei es im Stadtverkehr, zwischen den Autos, wenn mir mit starkem Antritt gelingt, dich nach vorne zu treiben, in den Fluss der PS-starken Vierräder. Wenn ich dich trete, dann strebst du nach vorn, immer so, als sei es ein schaler Versuch, dich aus der Ruhe zu bringen. Du quittierst Kraft mit Tempo als sei es das, wofür du geboren seist.

Wer bremst, verliert.

Wer bremst, verliert.

Das sind die Momente, wo sich bei aller Freude auch ein Schatten auf meine Seele legt. Denn ich weiß: Ich werde dich nie so kraftvoll und mit Verve bewegen können, wie du es vermagst. Du und ich – es mag eine einseitige leidenschaftliche Liebe sein. Du – einige deiner Geschwister sind bei Profis gelandet – hättest massive Berge an Oberschenkelmuskeln verdient. Vielleicht lächelst du milde und dennoch gütig über mich, wenn ich meine schon brennenden Beine weiter und schneller auf die Pedale drücke, und denke, ich wäre nun schon fast ein Rennfahrer. Lächerlich. Fools in love.

Aber so ist die Welt – auch ungleiche Paare können glücklich werden, tolle Zeiten erleben. Auch wenn es steinig ist, bis man zusammenfindet – wahre Liebe hält das aus. Vielleicht bin ich nicht der (sogar ganz sicher nicht), der dich am schnellsten bewegt. Aber du musst schon einen finden, der dich wie ich vergöttert, jeden Meter auf dir genießt und überlegt, was er dir Gutes tun kann. Ich habe dir einen Sattel gegönnt, der so wie du Liebe auf den ersten Blick war, der mich begeistert, sobald ich ihn sehe und erst recht, wenn ich auf ihm sitze. Ich hoffe, er gefällt dir. Und so sind wir ein Team. Eines das unschlagbar ist – wenn es darum geht, Glück auf zwei Rädern zu finden.

 

 

 

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Alle Kommentare [1]

  1. Diesen Bericht, dieses Gedicht, diesen Liebesbeweis,.. kann man ja gar nicht kommentieren. Nur lesen und – eventuell – nachvollziehen, wenngleich auf das eigene Rad bezogen 🙂