Kindern, die ein wenig die Lust am Üben ihres Instruments verlieren, hilft es hin und wieder, wenn sie ein besseres Instrument bekommen. Schlagartig kommt Begeisterung zurück und weil es in der Regel ja alles leichter geht, macht man auch einen kleinen Leistungssprung.
Wenn wir das Prinzip auf Laufschuhe übertragen, habe ich den Eindruck, dass in der Sucht nach immer mehr Laufschuhen so mancher Läufer glaubt, mit dem neuen Flitzer auch gleich die neue Bestzeit mit zu kaufen. Ich bezweifle das eigentlich.
Deshalb die Frage: Hilft besseres Equipment, schneller zu werden?
Ich habe das versucht zu ergründen auf gut 50 Kilometern Radstrecke mit 700 Höhenmetern. Was wäre wenn? Wäre der innere Schweinehund zu überlisten? Wenn ja, was ist dafür nötig?
Um sicher zu gehen, dass der Sprung auch wirklich absurd ist, habe ich das meines Wissens nach derzeit wohl teuerste Rennrad Deutschlands für eine Stunde und 37 Minuten geliehen. Von Audi. 17.500 Euro. Ein Rennrad vom Autohersteller. Fast. Das Fahrrad selber ist eine Kooperation zwischen Audi und dem Hersteller Lightweight. Lightweight ist eine kleine Firma aus Friedrichshafen am Bodensee (und Audi eine recht große Firma aus Ingolstadt, der Vollständigkeit halber). Nachtrag: Das teuerste Rennrad der Welt scheint das Tarmac von S-Works/McLaren zu sein. Oder auch dieses von Astonmartin für 25.000 Pfund, das aber wohl mehr Sammlerstück sein möchte, statt Fahrgerät.
Lightweight baut, wie der Name schon nahelegt, leichte Dinge. Bekannt sind vor allem ihre Laufräder. Das nannten wir früher Felgen. Sagt heute kein Mensch mehr. Rennräder sollen leicht sein, das weiß jeder. Schon ein wenig weniger Menschen wissen, dass es sinnvoll ist, vor allem die rotierenden Teile leicht zu halten. Alles was sich dreht also. Pedale, Zahnkränze eigentlich auch, aber vor allem die Laufräder, vulgo Felgen. Stabil sollen sie natürlich auch sein. Gewappnet gegen Achten. Zwei Anforderungen, die sich widersprechen. Lightweight gehört zu den Unternehmen, die den Kompromiss besonders gut hinbekommen. Sie führen auch einen Carbon-Rahmen im Programm, der Urgestalt heißt. Diesen lässt Audi von Lightweight in einer Zahl von 50 Stück in einem Design von Audi bauen. Desweiteren ist der Sattel mit dem gleichen Leder bezogen, das auch im R8 verwendet wird.
Diese Art von Kooperationen sind keine Seltenheit. Porsche hat Fahrräder, Mercedes auch – es sind meist Lizenzbauten. Dagegen spricht auch nichts. Das Audirennrad wurde im März auf dem Genfer Autosalon vorgestellt. Ich hatte sofort bei Audi angefragt, ob man mal eine Runde darauf fahren könnte. Es hat dann bis Juli gedauert, bis es klappte. Seriennummer 1/50 bin ich gefahren.
Das Audi Rennrad ist mit das leichteste, was man so kaufen kann. Es wiegt 5,8 Kilogramm. Leichter als die UCI erlaubt. (Der Polizei ist’s egal.) Die UCI schreibt den Rennställen vor, dass die Werkzeuge der Profirennradfahrer mindestens 6,8 Kilogramm wiegen müssen. Die UCI denkt darüber nach, die Grenze zu senken. Das Audi-Rennrad – wie einige andere Rekordleichtgewichte – dürfte aber derzeit nicht bei einem Profirennen starten.
Kommen wir zum Kontrahenten bei diesem unstatthaften Vergleichstest, der zutage fördern soll, ob Super-Equipment auch motiviert. Mein Zosse. Er dürfte mit einem Zeitwert von etwa 300 Euro mehr als zehn Jahre nach seinem Kauf die denkbar schlechteste Ausgangsposition haben. Alurahmen und reichlich runtergenudelt. Aber meins.
Mein ursprüngliches Vorhaben war, auf einer Runde von 50 Kilometer erst 25 mit dem einen, dann 25 mit dem anderen Rad zu fahren und zu sehen, wie die Zeiten sich ändern. Als ich dann das Audirennrad erst mal gesehen habe, habe ich spontan umentschieden und eine volle Runde von 50 Kilometer damit zurückgelegt. Danach wollte ich dann mit dem Zossen die gleichen 50 Kilometer fahren. 3,59 Kilometer wurden es. Schlechtes Material fahren, lässt sich verschmerzen. Downgraden von Himmel gen Rasenkante innerhalb von zwei Stunden ist dann doch zu viel. Im Eimer war ich zudem, dazu später.
Zunächst mal ein paar Eindrücke vom Fahren. Eine gemütliche Fahrt ist so eine Spritztour nicht. Das Rad hat dank der breiten Flächen der Laufräder einiges an Angriffsfläche für Wind. Das merkte ich sofort, als ich es für ein Foto gegen einen weißen Straßenpfahl lehnte und eine Böe es drohte um zu schmeißen. Und man merkt es auch bei der Fahrt. Hier heißt es: Festhalten. Bei Geschwindigkeiten von 62,8 km/h bergab erst recht.
Mit anderen Worten: Eine Riesengaudi. Ein Mordspaß. Eine Wonne. Ein RENNrad. Echte Rennradfahrer werden ob dieser Werte hier nur müde lächeln, aber ich hätte nicht erwartet, dass ich diese Runde so schnell fahren würde: https://connect.garmin.com/modern/activity/835703267
Jeder Tritt ein Treffer – die Gewichtsersparnis des Rads hat zur Folge, dass der Körper jederzeit das Gefühl hat, die Kraft in Vortrieb umzuwandeln. Das Gewicht des Rads ist kaum zu spüren, jede Kurbeldrehung scheint ausschließlich nach vorn zu führen.
Was aber passiert mit dem Menschen auf dem Rad, der ein Gerät fährt, das binnen Minuten klar macht, dass es einen schlechten Rennradfahrer sofort zu einem deutlich schnelleren schlechten Rennradfahrer macht? Es spornt ihn an. Setzt ihn unter Druck. Man will das Gerät schnell fahren. Um jeden Preis. Falsches Ehrgefühl, Materialmotivation – ich weiß es nicht: Ich habe versucht, damit ein wenig zu gondeln – unmöglich. Möglichst immer Gas geben, das Verlangen ist permanent da.
Ich wollte schnell fahren. Und obwohl 50 Kilometer noch keine große Distanz sind – ich war nach 700 Höhenmetern matt und zufrieden. Und sehr Unwillens, auf dem Zossen die gleiche Runde noch mal zu machen. Habe ich dann auch gelassen. Einen Hügel mal kurz hoch: Pffffft.
Der große Vorteil des Audirennrads ist für mich, dass es so utopisch teuer ist, dass keine Sekunde zur Debatte steht, es zu kaufen. Es fiele mir sonst schwer, nicht so ein Geschoss haben zu wollen.
Üblicherweise bin ich kein großer Freund von Materialschlachten. Es muss nicht immer der neueste Kram sein. Schon gar nicht der teuerste. Bei Badehosen ist eh kaum Spielraum, meine Läufe kommen mir in Discounter-Hosen nicht mühseliger vor als in Top-Material.
Das Audirennrad lehrt mich nun aber doch: Motivation durch Equipment funktioniert. Und es macht auf zwei Weisen schneller: Das Material ist einfach schneller und ich würde immer versuchen, mich des besseren Materials würdig zu erweisen.



Hallo,
das ist in diesen Fall sehr einfach. Wenn ein neues „Spielzeug“ da ist, wird es entsprechend benutzt…..doch irgendwann verliert diesen seinen eigentlichen Reiz. Ähnlich wie der Hund, erkennt der Mensch, dass die Sache an sich sehr einfach und langweilig ist.
Egal welche Sportart auch man betreibt, neues Equipment = mehr Motivation. So ist es auf jeden Fall auch bei mir 😉