Der größte Lügner der Welt. Notizen vom 1. deutschen Ultramarathon des Jahres.

Der größte Lügner der Welt ist männlich, Anfang 50, braun-graues volles Haar, braune Augen und trägt einen braunen Anorak.

Gesehen – und gehört – wurde der größte Lügner Welt am Samstag, den 25. Januar in der Zeit zwischen 10:00 und etwa 15:00 im Naherholungsgebiet Gänsbrüh in Rodgau, Hessen. Er stand am Rand des Weges und wiederholte mir gegenüber seine Lüge in dem Zeitraum mehrfach: „Du siehst gut aus. Da ist noch Kraft!“.

Der größte Lügner der Welt begnetete mir zehn mal. Auf jeder meiner fünf Kilometer langen Runden stand er da und feuerte mit Leidenschaft und Vehemenz ununterbrochen die mehr als 900 Starter beim 15. Ultramarathon über 50 Kilometer des Rodgauer Lauftreffs (RLT) an. So auch mich.

Letzte Kalorien für vorgetäuschtes Wohlfühlgrinsen augehoben.

Letzte Kalorien für vorgetäuschtes Wohlfühlgrinsen augehoben.

Und ich sah nicht gut aus. Und da war dann spätestens in Runde 10 auch keine Kraft mehr. Glatte Lüge, auch wenn sie noch so überzeugend und voller Elan vorgetragen war.

Ultramarathon. Das klingt nach Nanga Parbat-Besteigung, Polarexpedition oder Wüstenquerung des Hobbyläufers. Während sich aber zu den drei genannten Unternehmungen meist nur Menschen auf machen, die wissen, was sie tun und professionell vorbereitet sind, stehen in Rodgau beim ersten Ultramarathon des Jahres in Deutschland augenscheinlich ganz normale Menschen am Start. Eine Horde Menschen von Kopf bis Zeh in Funktionskleidung in einer Neon-Farbpalette chagallschen Ausmaßes machte sich auf den 50 Kilometer langen Weg, diesen zu bezwingen.

Ich war, wie öfter in meinem Leben, nur durch einen dummen Zufall hierhergeraten. Vergangenes Jahr schon wollte ich dabei sein. Eine fixe Idee eines Sportfreundes auf twitter. Es muss November 2012 gewesen sein, ich ließ mich darauf ein, mich für die 2013-Ausgabe anzumelden. Schnapsidee. Logisch. Es wurd‘ dann auch nix. Ein Husten, der hier beschrieben ist, zwang mich dann zu meinem bislang bittersten DNS – Did not start.

Dieses Jahr sollte die Rechnung beglichen werden. Erfolgreich bin ich allen Bakterien, Viren oder unbekannten Erregern ausgewichen. Und gestartet!

Und angekommen.

Das war’s, worum es mir ging. Kann ich das? Schaff ich das?

Ich konnte. Und lernte, das ein Ultramarathon für mich noch etwas anderes ist als ein Marathon. Für mich bedeutete er noch mehr Zurückhaltung zu Beginn, Kräfte sparen, wo es geht, genug essen, genug trinken, einfach laufen und nicht über den Irrsinn sinnieren. Wer denkt, verliert.

Die Idee, 50 Kilometer am Stück zu laufen kommt schließlich den meisten Menschen, selbst vielen Hobbyläufern, zunächst absurd vor. Ist sie auch. Diese 50 Kilometer in zehn Runden a 50 Kilometer zu laufen – noch irrer, noch absurder. Drehwurm, Brummkreisel, schwindlig – das sind so Worte, die einem in den Sinn oder in die Ohren kommen. So ist es aber nicht. Der Wettkampf gliedert sich viel mehr in appetitliche Häppchen. Nach der dritten Runde kennt man jede Kurve, jeden Matschuntergrund, der dies Jahr unter den 1000 Fußpaaren zum Schluss jedes Schlammcatchen würdig gewesen wäre.

Verwirrend hingegen sind die unterschiedlichen Geschwindigkeiten, die alle Läufer immer wieder zusammenführen. Man wird überrundet, überrundet vielleicht selber einen Läufer. Dann wird man nochmal überrundet. Und nochmal. Der Sieger war 90 Minuten vor mir im Ziel. Ich konnte mir also ausrechnen, wie oft ich das Klingeln des Fahrrads hören würde, das den ersten Läufer ankündigt und ihm Platz machen soll.

Was fehlt: Orientierung. Ist der langsamere Läufer vor mir einer, der schon schneller war und sich zurückfallen ließ? In welcher Runde ist wer? In welcher Runde bin ich selber??? Ballonläufer, wie ich selber einer war beim Köln-Marathon in 2013 gibt es nicht. Die Frage nach der Zahl der eigenen Runden ist dank GPS-Uhr und des Rundenservice des Veranstalters kein Problem. Und selbst wenn alle technischen Stricke gerissen wären. Ich hätte mich dem größten Lügner der Welt anvertraut: Ich hätte einfach die Zahl der Begegnungen gezählt.  Denn auch auf meiner letzten Runde stand er da und log mir zum zehnten Mal voller Freude mir ins Gesicht: „Du siehst gut aus. Du machst das gut.“

P.S.

Bilder von dem Lauf habe ich keine eigenen. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, kann dies hier tun, beim oberen Link zeigt Bild 226 meinen verfrühten Jubel in Runde sechs oder sieben, ich wollte das schon mal als Generalprobe üben.

www.runnersworld.de/ultramarathon-rodgau-2014

www.marathon4you.de/marathon/ultramarathon-rodgau/3216

 

 

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Alle Kommentare [12]

  1. Auch hier: Sorry für’s späte Freischalten. WP hakt mit den Benachrichtigungen. 🙁

  2. Toller Bericht!! Ich stell mir bei jedem Halbmarathon / Marathon immer wieder die Frage, was das alles soll – und meld mich dann kaum zu Hause wieder zum nächsten an….

  3. Längere Läufe? Dann eventuell noch mit vielen Höhenmetern? In herbstlichem Schmuddelwetter? Auf matschigen Waldwegen? Im Kreis um eine bergische Kleinstadt herum?

    Das ist nun wirklich völlig absurd!

  4. Zurückfallen lassen. Ja, das beschreibt es gut. Meine Taktik nach Runde acht. Zurückfallen lassen.

  5. Das stimmt – man läuft viel mehr „gemeinsam“.

    Längere Läufe… Öh. Wie sag‘ ich’s dem Kinde…

    Es ist nicht außerhalb der Reichweite des Möglichen, dass die Chance besteht, dass ich versucht wurde, einer Teilnahme an weiteren absurden Veranstaltungen dieser Art zuzustimmen und ich nicht sofort vehement abgelehnt habe.

    Ernsthaft: Ich weiß es noch nicht.

  6. Nette Geschichte, selbst oft genug erlebt.
    Der Vorteil an den Runden ist nicht unerheblich
    für mich
    gerade bei langen Kanten
    man ist nie alleine
    und immer der Erste oder der Letzte
    gibt mir ein gutes Gefühl
    der weitere Vorteil
    man lernt viele nette Gleichgesinnte kennen
    zusammen wird gelitten
    zusammen wird sich gefreut
    das schweißt wiederum zusammen

    Du hast es geschafft
    wirst du noch längere Läufe in Angriff nehmen ?