Werde ich je zufrieden sein? Der Celtman 2024. Ein perfekter Tag und mein Problem damit.

Sehr früh bei einem meiner ersten Gehversuchen als Journalist bezeichnete ich in einer Konzertrezension den gastgebenden Pastor eines Gospelkonzerts eines Laienensembles wegen seiner Witzchen als Pausenclown und ließ auch sonst kaum ein gutes Haar an der Aufführung. Die Leserbriefe dazu nahm der damalige Feuilletonchef überraschend gut gelaunt entgegen und reichte sie mir weiter mit einem Ratschlag, den ich fortan beherzigte: Jede Veranstaltung setzt ihre eigenen Maßstäbe.

Im Ziel und doch irgendwie nicht angekommen?

So auch der Celtman 2024. Alles lief wie am Schnürchen. Ich hatte Freude, gute Laune und war sehr zufrieden mit dem Verlauf. Aber es blieb das Gefühl: Ich bin nicht gut. Oder zumindest nicht gut genug. Mir wurde im Nachgang gratuliert, Anerkennung gezollt, Lob, vielleicht gar Bewunderung vermittelt. In mir hingegen nagte der Gedanke: Ich habe da eigentlich nichts geschafft. Es war nichts Besonderes.

Meine innere Veranstaltung, die ihren eigenen Maßstab setzte, war: Ich kann das. Grund für Jubel sehe ich keinen. Ich habe getan, was mir möglich ist, über mich hinausgewachsen bin ich nicht.

Ausdauersport, Triathlon, dort die Langdistanz und in diesem Segment die sogenannten Extreme Triathlons mit harschen Bedingungen im Kurs ist meines Erachtens ein Mentalsport. Ja, der Körper ist im Training auf die Belastungen vorzubereiten.

An Tag X die erarbeitete Form abzurufen: Kopfsache. Und es ist, so meine ich, meine beste Disziplin. Nicht aufgeben, selbst wenn vermeintlich das Rennen mies läuft oder widrige Umstände einen zurückwerfen. Den Willen, die Aufgabe zu Ende zu bringen, der ist sicher da, sonst hätte ich bei einigen meiner Langdistanzen zwischen Eidfjord und Peniscola es nicht ins Ziel geschafft. Letzter werden, es war dabei, der finale Cut Off ein anderes Mal nur knapp erreicht.

Zeit für Fotos muss schon sein! Auch im Lauf eines Triathlons!

Am 15. Juni lief bis auf Winzigkeiten alles gut, ungefährdet und mit solidem Puffer für den finalen Cut Off trudelte ich bei der letzten Kontrollstation des Celtman Extreme Scottish Triathlon ein. Entsprechend gut gelaunt verlief der Tag, den ich zusammen mit meinem Freund Christian erlebte.

Daheim beschlich mich dann erstmals das Gefühl, über das man nur schwer mit jemandem sprechen kann. Mir ist natürlich rational klar, dass an der Aufgabe, binnen eines Tages die 3400 Meter in eher saukaltem Wasser, die gut 200 Radkilometer und anschließend noch in meinem Falle 36 Kilometer über die Senken der Munroes und durch Matschtrails zu stapfen nicht einfach so zu schaffen sind. Es haben genug aufgegeben, andere verpassten den letzten Cut-Off bei Kilometer 17 des Laufs.

Ich war eine Stunde vor dem Cut Off da und entsprechend entspannt und heiter. Christian und ich machten uns auf den Weg und nahmen die kommenden gut 500 von zusammen 800 Höhenmeter in Angriff. Spazierend. Die Sonne schien, das Licht war großartig, der felsige, teils nasse Trail lud ein, die Zeit zu genießen, statt sie hetzend abzurennen, um dann vielleicht eine Stunde früher im Ziel zu sein. Ich sollte mich dafür später immer wieder entschuldigen.

Dumm. Niemand erwartet etwas von mir. Dennoch weiß ich, dass Triathlon für Laufen steht nicht Wanderung. Michael, der vor zwei Jahren an gleicher Stelle im Regen und Sturm begleitete, sagte zurecht: Who cares? Er meinte, dass es niemand interessiere, ob ich ein blaues oder weißes Finisher-Shirt mit heimbringe. Ich weiß, dass er recht hat. Ich weiß, dass sowieso so gut wie niemand den Unterschied versteht. Aber ich kenne ihn.

Alle Finisher des Celtman 2024 am Tag danach. Die Bommelmütze links bin ich.

Und ich habe mein Bestes gegeben, ich habe einige Opfer in der Vorbereitung gebracht, der Tag lief super. Nur ich bin grundsätzlich nicht schnell genug. Und ich merke, wie in mir die Frage brodelt, was ich tun muss, um schnell genug zu sein.

Die Antwort ist einfach, denn strukturiertes Training, wie ich es vom Laufen kenne, macht mich auch auf dem Rad schneller, addiere ich noch Krafttraining. Und ich meide die letzten beiden Dinge, weil es mir inzwischen eigentlich egal ist, ob ich einen Ironman in 11, 13 oder 14 Stunden heimbringe. So schnell, wie ich mal war, werde ich eh nicht mehr. Aber Training ist gar nicht das Problem.

Das Problem ist im Kopf. Bei mir fängt das Problem zum Glück nicht im Wettbewerb an. Andere Athleten begeben sich unterwegs in eine Negativspirale, die sie im schlimmsten Fall zur Aufgabe bringt. Davon bin ich weit entfernt. Ich bin nur nie zufrieden mit mir.

Und ich weiß, dass andere das wissen. Unter Freunden ist das durchaus Gegenstand von Späßen. Und der Celtman bringt mich einmal mehr an den Punkt, dass ich eigene Leistung nicht würdigen kann. Ich könnte sagen, dass dies hier ein super Blogbeitrag ist, selbst wenn es so wäre, ich würde es dann als normal bezeichnen, nichts, was bemerkenswert wäre. Ich tue, was ich kann. Nichts weiter.

Wir alle stehen uns ständig im Weg. Und so sehr ich in der Lage bin, Freude und Erfüllung an diesen Sportabenteuern zu finden, so wenig bin ich in der Lage, darin etwas Bemerkenswertes zu sehen. Es ist meine feste Überzeugung, dass jeder das kann. Vielleicht nicht jeder so einen Sporttag. Aber jeder kann das, was sie oder ihn begeistert, zu einem überraschenden Niveau führen. Es ist möglich, ganz egal, was unsere Voraussetzungen sind.

Schöner wird es nicht mehr. Der Morgen des Rennens.

Der kompletten Ziellosigkeit dieses Textes entnehmen Sie meine innere Verwirrung und Ratlosigkeit, dass ich nicht weiß, wie ich meine eigenen „Leistungen“ betrachten soll, schon diese Tüddelchen sprechen Bände. Auf mein Durchhaltevermögen bilde ich mir einiges ein, ich pflege zu scherzen, ich sei nicht schnell, aber zäh. Mentale Stärke würde ich mir immer attestieren.

Doch ausgerechnet die fehlende realistische Distanz zum eigenen Erreichten scheint mir zu fehlen und am Ende würde es wohl Hilfe von außen, Coach, Sportpsychologe oder ähnliches brauchen. Ich wünschte, ich könnte sagen, die irgendwie fehlende Zufriedenheit, sporne mich zu mehr Training an. Oder dass ich versuche, mal im Wettbewerb wirklich über meine Grenze zu gehen und nicht immer Puffer zu lassen, das übergeordnete Ziel „Ankommen“ nicht zu gefährden.

Das blaue Shirt wäre erstrebenswert, wirklich wichtig ist es nicht und wenn ich es packen würde, würde ich vermutlich denken: Klar, hast besser trainiert, nix besonderes.  Keine Ahnung, wem es noch so geht, vielleicht erkennt sich wer wieder und ist beruhigt. Dann wäre wenigstens eine Sache erreicht.

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Alle Kommentare [1]

  1. Lieber Thorsten,
    danke für deinen Text, so voll gepackt mit ehrlichen und offenen Worten. Für mich ergibt jedes Sinn und ich möchte behaupten, ich kann nachvollziehen was du beschreibst. Jeder von uns kämpft mit sich, auf verschiedene Arten mit verschiedenen Dingen, aber dennoch irgendwie gleich – jeder trägt eben tapfer sein „Päckchen“. Sich darüber zu äußern und auszutauschen macht es menschlich und nimmt dem Ganzen ein Stück weit die Schwere. Anderen zu zeigen, sie sind damit nicht alleine öffnet, wie ich finde, die Tür dafür miteinander zu leben statt nebeneinanderher.
    Viele Grüße Steffi