Größenwahn, Erfahrung, Ahnungslosigkeit, Selbstvertrauen. Es muss schon eine krude Mischung sein, die mich heutzutage, nach gut einer Dekade Ausdauersport, dazu bringt, nicht Nein zu sagen.
Es war 2014, dass Thomas Holzapfel und ich erstmals gemeinsam beim Ultramarathon Röntgenlauf starteten. Und auch ankamen. Thomas in 6h55m und ich gut 45 Minuten später mit 7h38m. Und das war auch alles ganz lustig, ich war noch ein vergleichsweise schneller Läufer, ich hatte dafür natürlich auch trainiert. Langsam kam ich mir damals allerdings auch vor.
Neun Jahre später meinte Thomas, es sei doch eine gute Idee, das nochmal zu wiederholen. (Ich hatte in der Zwischenzeit noch den 100km-Lauf dort geschafft und danach eine Teilnahme nach dem Marathon abgebrochen.) Läuferisch komme ich nichtmal mehr im Ansatz an die Leistungen von damals, weder in Geschwindigkeit noch Umfang. Muss auch nicht.
Umso dämlicher ist es sicher, dass über diese Idee neun Tage vorm Rennen gesprochen wird. Folglich meldete ich mich am letzten möglichen Tag online an, 8 Tage vor Start.
Warum? Tja. Werden wir nie erfahren. Breitschlagen lassen unter einer Bedingung: Ich laufe das so langsam, wie ich es für richtig halte. Thomas warf Run and Walk ins Rennen, er meinte eine Minute Gehen und dann Laufen. Wurden dann oft mehr Minuten. Allemal sobald es aufwärts ging und auf den 63km sind 1200 Höhenmeter zu bewältigen, gibt also reichlich Gelegenheit für Gehen.
Klar war auch: Sollten Form und Wetter gleichermaßen bescheiden sein, steigen wir bei 42km aus und nehmen den Athletenbus. Um das ganze abzurunden Übernachtung im Wohnmobil auf dem Parkplatz des Hackenberger Sportzentrums in Remscheid Lennep. Laufsocken vergessen, noch rasch auf der Laufmesse in der Turnhalle welche gekauft, die neuen Softflasks hatten noch die Plastikhüllen um die Trinknubsis – also: Ganz professionell und gründlich vorbereitet.
Aber was geht, äh, läuft, sprich, was ist möglich? Und Donnerschlag – mehr als man so denkt. Wie sagte ich vorher: Ich bin nicht mehr schnell, aber ich kann lange leiden. Durchbeißen, dranbleiben, wenn mein Kopf meint, es lohne sich. Und dann schwangen in meinem Hinterkopf die kommenden Aufgaben mit in 2024. Der Norseman erfordert sicher wieder ebenso Zähigkeit. Und Training.
Und so kam es, dass es a) eigentlich den ganzen Tag trocken blieb (teils sogar sonnig) und wir b) bei gut 38km zwar schon langsam die Bewegung der vergangenen fünf Stunden spürten, aber doch insgesamt noch guter Dinge waren. Also weiter im Schwimmbad, das den Marathon markierte. Es waren dann zwar zähe 21km, die uns reichlich Zeit gekostet haben. Aber auch die – ungefährdet. Langsam, sehr langsam – aber es ging voran.
Und so – nach 8h30m waren wir dann ziemlich weit hinten im Feld auch da. Der Sieger war im Grunde doppelt so schnell unterwegs. Achteinhalb Stunden, die wir uns bewegt aber wegen der Pace auch sagenhaft viel geredet haben. Zeit für Frotzeleien, ernsthafte Themen und natürlich viel Austausch über Strecke, Befinden und und und.
Kann ich das empfehlen? Nur denen, die auch bereit sind, sich zu verfluchen. Aber – denn gibt es eine Erkenntnis mehr – die langen Jahre des Sports helfen doch ungemein, etwas zu bewältigen, von dem man zehn Jahre zurvor nicht geahnt hätte, dass man das hinbekommt.
Zum Schluss ein bisserl Statistik: 2014 bin ich den dritten HM in 2h55m gelaufen, dies Jahr in 3h09m. Die beiden HM davor waren jeweils gut 20 Minuten langsamer als 2014. Geht doch!



