Zwischen meinem kopfschüttelndem Scherzen über ein absurdes Schwimmen und dem tragischem Schicksal eines Athleten lagen keine fünf Meter. Ich stapfte die letzten Schritte im Wasser zum Schwimmausstieg und sah, wie auf dem Boden ein Mensch reanimiert wurde. Mein erster Gedanke war: „Die schaffen das schon“, danach passte ich auf, dass ich dort nicht hinstarrte und ohne Verzögerung die Szene verlasse. Oben auf der Kaimauer angekommen und kurz um die Ecke winkte ich den oben zuschauenden Menschen zu, die vielleicht noch nicht mitbekommen hatten, was sich unweit von ihnen zutrug. Danach habe ich mehr oder minder erfolgreich mein Rennen absolviert.
Der Athlet, den ich sah, ist verstorben. Er war einer der beiden Männer, die am 20. August im Zuge des Schwimmens des Ironman Cork 70.3. in Youghal ihr Leben verloren. Die Meldung verbreitete sich auch in deutschen Medien. Ich selbst erfuhr davon, als ich am Abend in das Airbnb zurückkehrte und mir die Vermieterin davon erzählte. Mir war sofort klar, dass der Athlet, den ich sah, wohl einer von den beiden Verstorbenen war.
Dies ist also kein launiger Abriss der kleinen und großen Katastrophen und schönen Momente, wie ich das sonst nach wichtigen Wettbewerben pflege. Egal, wie mein Rennen verlief, was ich dachte – es bleibt, dass sich viele Fragen stellen, mir gestellt wurden und auf die ich für mich Antworten finden muss. Antworten, die jeder für sich finden muss, der an Wettbewerben teilnimmt, ganz gleich ob Firmenlauf über 6,2 Kilometer oder Extremtriathlon im Himalayagebirge. Hatte ich Angst? Fand ich es richtig, den Wettbewerb zu starten? Hätte ich lieber verzichten sollen? Was würde ich in einer ähnlichen Situation das nächste Mal tun? Und die große Frage: Wer hat Schuld, wenn denn jemand eine Schuld trägt? Muss ich mich schämen, dass ich einen schönen Tag hatte (mal vom hingeschlurften Marathon abgesehen)?
Springen wir zurück zum Freitag, also zwei Tage vor der Langdistanz, zu der ich angemeldet war. Es regnete auch für irische Verhältnisse massiv und Storm Betty verursachte soviel Schäden an den Straßen, dass diese schlecht zu befahren waren. Das Wetter war als ich um 19 Uhr im Bett lag schlimm. Das hatte Folgen für die Mitteldistanz 70.3., die am gleichen Wochenende wie der Ironman ausgetragen werden sollte, aber eben schon am Samstag. Am Tag des Rennens des 70.3 mit rund 1000 Startern entschieden die Veranstalter, es auf den Sonntag zu verlegen und beide Felder, gemeinsam antreten zu lassen mit einer halben Stunde Zeitversatz.
Ich war – wegen der Parkplatzsituation – am Sonntag bereits um 4:15 vor Ort und stellte den Wagen mit dem Rücken zur See ab. Ich drückte noch die Augen zu, sah ein Fahne kräftig im Wind stehen und hörte hinter mir klar und deutlich die Brandung, bis ich einschlief und der Wecker mich gegen 5:30 aus dem Nickerchen holte. Die Wellen schlugen unvermindert auf den Strand auf. Zu dem Zeitpunkt ging ich davon aus, dass das Schwimmen etwas abseits in der geschützteren Bucht sei.
In der Nacht kam die Mail mit den neuen Zeiten und so trottete ich um 6:20 aus der Wechselzone zum Schwimmstart, wo die 1000 Athleten des 70.3 um 6:30 eigentlich ins Wasser sollten. Diese Zeitdetails scheinen nebensächlich, aber als auch um 6:45 noch kein Start war, dachte ich mir schon, dass das Schwimmen kein normales sei. Dass die Distanz für uns Langdistanzler ebenfalls auf 1,9km reduziert wurde, sprach sich rum, eine offizielle Durchsage dazu habe ich eigentlich nicht gehabt. Wohl aber sah ich, wie die Boote die Bojen verschoben und die Kajaks sich alle näher am Schwimmstart sammelten, wo sie von den gut zwei Meter hohen Wellen hoch und runter gehoben wurden.
Man redet ja mit anderen Athleten, bespricht die Situation und ich war zu dem Zeitpunkt eher sicher, dass es abgesagt wird und man einfach die Entscheidung sinnlos vor sich her schiebt. Ich war definitiv dankbar, dass uns LDlern gut 1km entgegen der Strömung erspart blieb. Ich hatte keine Lust auf das Schwimmen. Nicht Angst, sondern keine Lust. Nicht schon wieder so ein Tumultschwimmen mit wenig Sicht, Körperkontakt und allem, aber keinem sportlichen Fortkommen. Hatte ich dieses Jahr schon, ein ruhiges schönes Schwimmen wäre auch mal wieder nett gewesen.
Und es verzögerte sich und verzögerte sich. Und dann – vermutlich so gegen 7:15 – wurde das Rennen doch gestarte. Männliche Profis zuerst – keine 15 davon. Weibliche Profis kurz danach – noch weniger (mindestens eine gab wegen Panikattacken auf). Noch ein paar Minuten später die große Gruppe der Mitteldistanzler. Bis alle 1000 im Wasser waren, dauerte es und für uns LDler blieb Gelegenheit, das Schwimmen zu beobachten. Und es war klar – das sind harte Bedingungen. Nicht allein die Wellen – die roten Punkte verteilten sich nur wenige Meter nach dem Start in die Breite, die Strömung schob die Schwimmer, die nicht weit genug rechts waren immer weiter von der zu umquerenden Boje weg.
Die Profis kamen noch einigermaßen gerade um die Boje, die Amateure bildeten einen Teppich. Einzelne kamen zurück und mittendrin, drehte ein Riesenpulk bereits abgetriebener um und schwamm gen Ziel – mit der Strömung im Rücken und später auch weniger Wellengang. Angesichts der sichtbaren Probleme und des Chaos im Wasser, entschied die Rennleitung, dass wir LDler die Boje nicht umschwimmen müssten, sondern eine von denen für den Rückweg nehmen sollten, die leichter zu erreichen war.
Tja. Ich hatte keine Lust, ich muss niemandem was beweisen, aber ich bin halt auch rein. Ich habe Respekt vor Wasser und weiß, wie sich unangenehme Gefühle äußern, dass man sich in Sorge, gar Panik hineinsteigern kann. Ich übe das bisweilen in Seen, dass ich mir den Gedanken des bodenlosen Nichts unter mir stelle und dann mich selber beruhige und aus diesen Gedanken zu befreien – wohlgemerkt bei völlig harmlosen Bedingungen.
Und die hatten wir die ersten gut 150 Meter zu „unserer“ Boje sicher nicht. Ich tat, was ich auf Basis meiner bisherigen Schwimmerfahrungen im offenen Meer für richtig hielt: Viel den Kopf aus dem Wasser heben, um zu schauen, wo ich hinmuss, beim Atmen den Kopf extrem drehen, um kein Wasser zu schlucken. Mich vom Wasser bewegen lassen, statt es zu bekämpfen. Jede große Welle wartete ich brustschwimmend ab, bis ich auf ihrer Spitze war, kraulte ein paar Züge, um die nächste zu überwinden. Das lief eigentlich ganz gut, es war ein wenig eng rund um die zu umschwimmende Boje, aber mit noch mehr Umsicht kam ich dann irgendwann rum. Und von da an: Lustig. Mit der Strömung und getragen von den Wellen flogen die Meter nur so dahin. Eine Boje nach der anderen zog an mir vorbei, ohne, dass ich groß was tun musste, auch drückte die Strömung uns in die richtige Richtung, ich war dann also nach 25 Minuten zurück an Land. Und sah den Athleten auf der Rampe des Ausstiegs liegen, wie die Sanitäter seinen Brustkorb massierten.
Die Berichterstattung rund um die beiden Todesfälle in Irland ist umfangreich. Veranstalter, die Kommune, die Verbände – alle äußern sich. Gesucht werden Verantwortliche, Schuldige. Die Forderung, dass das Schwimmen unbedingt hätte abgesagt werden müssen, folgte fast zwangsläufig.
Bislang – Stand Freitag nach dem Rennen – ist die genaue Todesursache der beiden Athleten noch nicht veröffentlicht. Auch ist mir nicht bekannt, an welcher Stelle die beiden Probleme bekamen, wie schnell sie aus dem Wasser geholt werden konnten oder ob sie gar unter Wasser gerieten.
Wir Athleten unterschreiben achtlos bei der Registrierung, dass wir die Veranstalter im Prinzip von jeder Verantwortung entlasten. Sollte uns was passieren – wir wussten, dass das sein kann. Juristisch ist das – schlussendlich kann ich es nicht beurteilen – vermutlich nicht anzufechten. Du bekommst Probleme im Wettbewerb – dafür kann niemand was außer dir selbst.
Und im Grundsatz ist das auch meine Haltung – es ist der Athlet selber, der schlussendlich entscheiden muss, ob er das Risiko für zu groß hält. Aber natürlich kenne ich das Gefühl, dass man nach so viel Trainingsaufwand nicht aufgeben will, wenn doch andere ins Wasser gehen. Und dass man irgendwie denkt, der Veranstalter wird schon wissen, dass es geht.
Und es ist bis zum Zeitpunkt, an dem ich diesen Text verfasse, auch gar nicht klar, ob die beiden Tode ausschließlich auf die Bedingungen zurückzuführen sind. Es wirkt einfach so plausibel, was nicht bedeuten muss, dass es stimmt. Es sterben trainierte Menschen bei normalen Laufwettbewerben – sicher, dass einem nichts passiert, kann niemand sein. Auch mindestens eines der beiden Opfer war ein erfahrener Langdistanz-Triathlet und körperlich fit.
Auch ich kann mir nie sicher sein, dass ich nicht in fatale Probleme gerate. Ich bin in Tenby beim Ironman Wales mit dem Fahrrad gestürzt, dass nichts wirklich Schlimmes passiert ist, ist eben auch: Glück.
Was also für Antworten, auf Fragen, die ich mir jetzt eher stellen muss also ohne diese tragischen Vorfälle, gebe ich mir? Ich denke, ich bleibe bei denen, die ich dann eben doch schon immer in mir trage. Respekt vor der Aufgabe, Demut vor der Natur, Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten – und umso mehr auch deren Grenzen. Für mich wurden diese hier im Wasser nicht angetastet. Ich habe mich schon unwohler gefühlt im Wasser. Ich würde auch wieder ins Wasser gehen. Aber auch immer – so auch in Youghal – denken, dass eine Absage des Schwimmens traurig wäre.
Meine erste LD war wegen Kälte nur ein 1,9km-Schwimmen und ich fühlte mich bis zur ersten vollständigen LD nie ganz als Langdistanztriathlet. Ich kenne also den Wunsch, die Umfänge zu absolvieren. Ich verstehe jeden, der dabei vielleicht ins Wasser geht, wenn es ihm nicht sicher scheint. Ich habe inzwischen genug Rennen beendet – ein aus guten Gründen verkürztes Rennen ist für mich kein Problem. Ich bin aber nicht der alleinige Maßststab, so wie es auch nicht die sind, die Angst davor haben, wenn das Rennen wegen warmen Wassers ohne Neopren ausgetragen wird.
Am Flughafen sprach ich mit einer neuseeländischen Athletin, die dank des Wellenreitens in ihrer Heimat diese Art von sichtbarer Hürde gut kennt – geradezu umarmt. Sie war noch weit weniger beeindruckt und ist ihr Rennen einfach geschwommen.
Ob der Veranstalter die Pflicht hat, sich beschützend vor die Athleten zu stellen und es abzusagen, obwohl – wie auch in Youghal – die überwiegende Mehrheit am Ende ja das Schwimmen meistert – ich kann und will es nicht entscheiden. Ich kann nur für mich entscheiden und tue das auf Basis der Summe an Erfahrungen, Erlebnissen und Emotionen in jede Richtung, denen ich mich permanent aussetze und sie abgleiche mit dem Für und Wider für mein Leben.
Der Text ist jetzt sehr lang und enthält doch keine finale Antwort, was mir richtig und falsch erscheint auf Seiten sämtlicher Beteiligten. Vielleicht, weil es keine gibt.
P.S. Mich erreichte kurz nach der Veröffentlichung noch die Frage, was ich über diesen ganzen Vorgang denke, wenn ich das Opfer gewesen wäre. Nennen sie es Phlegma, Gleichgültigkeit, ich bevorzuge Fleischerhund – wenn ich tot wäre, müsste ich mir ja keine Gedanken mehr machen.
Richtig ist, dass ich mir natürlich HEUTE darüber Gedanken machen muss, was ich verantworten kann, was meine Familie und Freunde betrifft. Die sind es, die bleiben und den Verlust ertragen müssen – auch im Falle der Athleten. Auf eine gewisse Art trifft es die Überlebenden schwerer als die Verstorbenen, die von alldem nichts mehr mitbekommen. Aber vielleicht braucht das noch ein paar mehr Stunden Ruhe und Gedanken für einen weiteren Beitrag.
