Noch im Wasser fiel mir diese Zusammenfassung ein, die sich 1 Tag später als völliger Blödsinn erwies: „Ich bin nicht sehr schlecht geschwommen, ich bin nur sehr weit geschwommen.“ Es muss zwischen 5:30 Uhr morgens und meinem Ausstieg mehr als eine Stunde später gewesen sein, als ich einmal mehr in einem Triathlon der festen Überzeugung war, dass ich mich verschwommen habe. Kein Boot, kein Kayak und irgendwann auch keine Athleten mehr in Sicht. Allein in den recht kräftigen Wellen eines Sees, der von den zauberhaften Hügeln des Tessins aus stets majestätsch friedlich und ruhig wirkt.
Wann immer ich seit der Anmeldung zum Swissman von Ascona im Tessin auf die Kleine Scheidegg in Grindelwald erzählte, erwähnte ich, dass ich beim Schwimmen mit keinen Problemen rechnen würde. Süßwasser, kein Seegang, keine Quallen, gute Sicht, warmes Wasser, gerade Linie auf ein Licht zu in 3,8km Entfernung. Das kam nur nie näher. Als ich am Ufer dann irgendwann dann doch ankam, hatte ich gute Laune, dachte, war doch okay. Mein Support Michael sah das anders – er war zumindest beruhigt, dass ich da war. Ich war mehr als eine Viertelstunde später dran als die langsamste Zeit meiner Prognose.
Ich war angesichts der vermeintlichen unkomplizierten Schwimmstrecke davon ausgegangen, zwischen 80-90 Minuten zu brauchen. Es waren dann 107 Minuten. Und entgegen meiner Annahme im Wasser war es eine gerade Linie, wie die Aufzeichung nahelegt. Ich hatte mich nicht verschwommen, keinen Umweg über die Scenic Route genommen – ich war so langsam gekrault wie ich noch nie war.
Am Tag nach dem Rennen stellte sich heraus – Wellen und Wind haben alle Athleten deutlich hinter ihre üblichen Leistungen geworfen. Diese 17 Minuten über meiner konservativsten Annahme – ich sollte einen halben Tag später dafür aus meinem Körper abrufen müssen, was ging und eigentlich nicht mehr da war.
„If you keep on running you can make it.“ Das muss gegen 21 Uhr, also bereits 16 Stunden nach dem Schwimmstart gewesen sein, als an der vorletzten Kontrolle die Organisatoren mir freundlich und zuversichtlich Mut machten. Und ich lief. Naja, krochlief. Eine eigene Art der Fortbewegung – Sportschlurfen. Außer in den winzigsten Anstiegen – Kategorie Garagenauffahrt – in der ich ging, versuchte ich eine Laufbewegung. Und so langsam sie war, sie war schneller als Marschieren.
Um 22:03, also eigentlich 3 Minuten nach dem offiziellen Cut Off am Fuße der Kleinen Scheidegg, ab der der letzte Abschnitt von 9km und gut 1000 Höhenmeter auf uns wartete, trabhumpelte ich in Begleitung von Michael dort an. Und xtris sind keine Sportevents im klassischen Sinne – sie sind Erlebnisse von Menschen für Menschen. Ich durfte meinen Rucksack vorzeigen mit Proviant, warmer Kleidung, Telefon, Rettungsdecke – und mich auf den beschwerlichen Aufstieg machen, der nochmal 150 Minuten später gegen 0:40 an der Bergstation der Zahnradbahn von Grindelwald zur Kleinen Scheidegg endete.
- Warum bleibt man nicht einfach im Hotel?
- Pastaparty mit Stil.
- Es könnte so schön sein. Ohne Sport.
Eckdaten können in meinen Augen nicht widerspiegeln, was diese Art von Wettbewerben bedeuten. Die Distanzen: Ironman. 3,8/180/42km. Die Höhenmeter: Mehr als 3500 beim Radfahren, nochmal gut 2000 beim Laufen. Vielleicht mehr, vielleicht weniger. Siegerzeit: Gut 13 Stunden, meine Zeit: 19 Stunden 40 Minuten. 250 gemeldete Athleten, 230 gingen ins Wasser, 159 schafften es rechtzeitig bis ins Ziel.
- Von da unten kam ich…
- … nach da oben musste ich.
- Auf Komfort-Kopfsteinpflaster. Die Tremola.
Dazwischen, auf Feldwegen, Alpenpässen (Gotthard, Furka, Grimsel), durchspielte ich die Bandbreite aller Emotionen, die Sport bereit halten kann. Ich war nicht der einzige, der während der Quälerei die Pässe hoch innerlich mit dem Sport aufgehört hat. „Das war’s, du kannst das nicht, wofür noch, Schluss mit Triathlon. Du bist zu schwach, zu alt, zu faul. Ende.“ Diese Gedanken verfliegen bei mehr als 70km/h die herrliche letzte Passabfahrt im Fahrtwind und spätestens bei den vom Rückenwind geschobenen letzten 8km in der Ebene.
Mehr als 10.000kcal soll ich laut meiner Sportuhr verbrannt haben. Ich konnte vermutlich kaum die Hälfte davon im Laufe des Tages angesichts Hitze und Anstrengung essen. Auch da – ich war nicht der einzige mit Problemen, die sich in meinem Fall „nur“ in totaler Erschöpfung äußerten.

Genug gefahren, endlich Laufen! Ist natürlich gelogen, ich wäre gerne sitzen geblieben oder baden gegangen oder hätte mitgegrill.
Und irgendwo holt der Körper noch was her, um es zu verbrennen, damit die Muskeln arbeiten. Gesund ist das nicht, das ist mir klar. Aber ich nehme unterm Strich die Kosten für die Gesundheit an EINEM Tag in Kauf für den Gewinn an mentaler Stärke (und natürlich auch die fabulöse Natur den ganzen Tag!!!).
Michael hatte mich beim abschließenden Marathon von Beginn an begleitet, er wollte diesen Lauf vollständig machen nicht nur die letzten 9km, in denen eine Begleitung verpflichtend ist. Ich weiß – er hätte sich nie beschwert, wenn ich es nicht geschafft hätte. Aber wir Athleten und auch Begleiter genießen ein großes Privileg, diese Rennen anzugehen. Und ich wusste, dass ich auf meine Haltung setzen kann: „Ja, ich kann scheitern, ja, es kann schiefgehen und damit kann ich leben – aber nur, wenn ich sicher bin, dass ich es wirklich versucht habe.“
- Aber im Ziel ist jeder Grund zur Freude…
- …und wenn man dann noch so daheim empfangen wird, dann ist alles wieder wunderbar.
In Zahlen macht das für Läufer vermutlich nur einen absurden Unterschied – Gehen mit einer Pace um die 9-10 Minuten pro Kilometer oder eben „Laufen“ mit 7-9 Minuten pro Kilometer. Immer wieder antraben, immer wieder Passagen leicht Joggen – mein Beitrag für einen gelungenen Tag. Überwinden, wenn nichts mehr geht, vertrauen, dass die eigenen Kräfte diese Mühe möglich machen und es sich lohnt. Mein Sieg: Das Erreichen des Ziels. Die – erneute – Erkenntnis, dass ich mich nicht verirre, sondern so gut es geht, meinen Weg gehe. Mein Weg, der mich gemeinsam mit den Menschen, die mir wichtig sind, zu wunderbaren Erlebnissen bringt, die einen Reichtum schaffen, den kein materielles Ding erzeugen kann.
P.S. Ein besonderer Dank an meinen Freund und Partner in Crime Michael. Erinnerungen, die für immer verbinden.












Hut ab. Meine Bewunderung für die Leistungen kennst du ja.
Hey Thorsten
Grossartiger Bericht denn du hier geschrieben hast und grossartige Leistung, herzliche Gratulation. Auch ich war dabei und erreichte das Ziel nach 19 Std und 5 Min, für mich war es auch ein Riesenkampf von Anfang an bis zum Ende. Im Facebook Forum vom Swissman findest du auch einen Bericht von mir.
Gute Erholung wünsche ich dir
Sportliche Grüsse
Thomas