Die Kunst langsam zu laufen.

Wer langsam laufen will, muss schnell laufen lernen. Es führt kein Weg daran vorbei.

Ich liebe es, langsam zu laufen. Ich bin zwar ambitioniert genug, um meine Laufleistung (wieder) zu verbessern. Aber im Laufe des Trainings gibt es diese Einheiten, die dazu beitragen sollen, bewegt zu regenerieren oder Distanzen zu verlängern. In einem gemächlichen Tempo.

Wer langsam läuft, genießt.

Aber was ist das eigentlich, ein gemächliches Tempo? Für den Marathonweltmeister sicherlich etwas anderes als für mich. Im Wettbewerb laufen sie um die 2:55 Minuten pro Kilometer. Wenn ich nur eine Pace von vier Minuten pro Kilometer laufen möchte, brauche ich dafür einen Sprint auf dem Bahnsteig, um den ICE mit Zugbindung noch zu erwischen. Aber einen Kilometer in der doppelten Zeit wie der Marathonmeister – also sechs Minuten – bekomme ich inzwischen auch wieder entspannt hin. Andere Menschen wären sicher froh, wenn sie 10 Kilometer überhaupt in unter einer Stunde laufen könnten – und das noch ohne große Mühe – perfekt. Jede Veranstaltung hat ihre eigenen Maßstäbe. Es wird sicher auch noch wieder schneller werden. Langsam laufen werde ich aber immer.

Denn langsam laufen ist in meinen Augen eben nicht an der Geschwindigkeit zu messen, sondern dem eigenen Gefühl, so wie es die Trainingspläne anhand von Herzfrequenzbereichen ja auch vorsehen. Und das kann bei Erschöpfung oder schlechtem Trainingszustand durchaus mieser sein bei geringerer Pace, als gut trainiert bei etwas flotterer. Fühlt sich das nach Kartoffelsack oder Springfeder an? Keucht die Lunge wie Jim Knopfs Emma oder ruht sie stiller als ein Bergsee?

Diese Läufe sind, wenn sie passieren, für mich die mental erholsamsten. Die Auseinandersetzung mit der körperlichen Mühe muss nicht geführt werden, es scheint fast ohne Energieaufwand voranzugehen, der Kopf hat Kapazitäten und Freude an der Wahrnehmung der Umgebung oder wahlweise dem ein oder anderen Gedanken. Irgendwann vergesse ich, dass ich überhaupt laufe. Ich weiß nicht, ob diejenigen, die sagen, sie hätten ein Runners High, das so umschreiben würdem – aber ich nehme es als eine Variante davon wahr.

Essentieller Bestandteil dieses großen Vergnügens ist für mich eine gewisse Leichtfüßigkeit und ich beginne zu ahnen, wo dieses Wort auch hätte herkommen können. Das heißt, der Bewegungsablauf ist flüssig, die gefühlte muskuläre Belastung und die der Gelenke ist minimal oder gar nicht vorhanden – es läuft rund.

An dieser Stelle bin ich sicher beim x-ten Sprachbild angelangt, das sich in irgendeiner Form um Laufen dreht. Wenn etwas läuft, dann ist das positiv. So auch der langsame Lauf, der leider eines voraussetzt – dass man deutlich schneller laufen könnte. Erst ausreichend Training versetzt den Körper in die Lage, eine Wohlfühlgeschwindigkeit eben auch lang genug durchhalten zu können. Denn sonst wird es nichts mit der gefühlten Schwerelosigkeit nach jedem gelungenen Abheben des Fußes, des fließenden Gefühls, wenn ein Muskel nach dem anderen sich anspannt und wieder löst, gleichmäßig und im Rhythmus mit vielleicht der Musik, dem inneren Metronom und dem eigenen Selbst. Ommmm.

Sie merken, ich gerate ins inhaltsleere Schwärmen über das, was mir über einen langen Zeitraum nicht vergönnt war. Deswegen fälle es mir jetzt umso deutlicher auf, wie gut das tut, wenn man entspannt langsam läuft. Ich wollte das einfach mal loswerden.

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Alle Kommentare [1]

  1. Hallo Thorsten,
    manchmal sollte man auch schwärmen dürfen…lol. Ich kann es gut nachvollziehen. Nach einer Verletzung war ich lange Zeit nicht in der Lager zu laufen und nun wo es wieder geht, habe ich mit dem ganz langsamen Laufen wieder angefangen. Warum habe ich das früher nicht gemacht? Das kann so entspannend sein. Nicht nur für den Körper, sondern mehr noch für den Geist.
    Viele Grüße
    Anja