Warum Marathon die wichtigste Sache der Welt sein muss.

In einer Woche ist es so weit. „Run the blue line“. Das ist nicht die kecke Aufforderung der Polizei, mal gerade einen Strich zu gehen, sondern das Markenzeichen des Hamburg Marathon. Nun schreibe ich nicht das erste mal, dass ich davon ausgehe, dass ein Wettkampf eher enttäuschend verlaufen wird.

Pfefferminzeis. Wichtig.

Pfefferminzeis. Wichtig.

Dieses Mal kann er das gar nicht. Ich habe im Grunde nämlich nicht trainiert. Nicht so, wie ich selber glaube, dass man für einen Marathon trainieren sollte. Und schon gar nicht so, wie ich glaube, dass ich für eine Bestzeit trainieren müsste. Was ich mir durchaus vorgenommen hatte, als ich mich für Hamburg gemeldet habe.

Die vorigen Male war das irgendwie schade bis ärgerlich. Und es wäre durchaus mal wieder Zeit für einen „Sieg“, in meinem Falle heißt das, eine neue Bestzeit zu laufen. Das wäre ein Erfolgserlebnis, wie sie nun mal jeden Menschen motivieren. Und dennoch hatte auch jede „Niederlage“, in meinem Falle also das deutliche Verfehlen eines erhofften Ergebnisses, ihre lehrreichen Seiten. Man nimmt was mit.

Dieses mal müsste ich für eine weitere Lebenslektion gar nicht starten, sie ist schon lange erarbeitet: Es gibt wichtigere Dinge als Marathon.

Halten wir kurz inne – lassen wir es sinken! „Es gibt wichtigere Dinge als Marathon.“

Banal. So ganz viel banalere Dinge außer, „Die Erde ist rund.“ fallen mir selbst wahrhaftig nicht ein.

Also, das große „Ach, na, da wäre ich ja nie drauf gekommen!“ darf jeder spötteln.

Leider gilt für die, die eine Bestzeit laufen wollen aber auch: „Es gibt nichts wichtigeres auf der Welt als Marathon.“ Zumindest für die Amateure, die Beruf, Freunde, Familie und andere Hobbies mit den speziellen Anforderungen des Trainings für einen Marathon an der eigenen Leistungsgrenze in Einklang bringen müssen.

Das Training, das den Körper auf einen Tag vorbereiten soll, an dem ihm etwas abverlangt wird, was er zuvor nie geleistet hat, fordert. Es fordert den Kopf, es fordert den Körper, es fordert den Willen. Und auch ganz banal Zeit. Und das gilt eigentlich für jeden, egal, ob er seinen ersten Marathon irgendwie durchstehen möchte, oder darüber sinniert, die Grenze von unter drei Stunden zu knacken. Sobald es darum geht, eine nie erbrachte Leistung abzurufen, dann fordert die Vorbereitung Zeit und Opfer.

Kekse. Schon auch sehr wichtig.

Kekse. Schon auch sehr wichtig.

Und diese Opfer muss man bringen. Verzicht auf die langen Parties in den Wochen davor, Verzicht auf allzuviel Alkohol, Verzicht auf ständig essen nach Herzenslust. Je kürzer die Zielzeit, desto größer die Einschränkungen, denn irgendwann ist es mit dem Wechsel von Sneakers auf Laufschuhe nicht getan und die Abläufe im Alltag, die Ernährung, die Wochenenden – alles kann auch ein Amateur weiter optimieren, so dass es der eigenen Leistung dient.

Ob man so ist oder nicht – mir scheint das eine Veranlagungsfrage zu sein. Manche brauchen gar keine Wettkämpfe, andere laufen sie aus Spaß an der Atmosphäre ohne Zeitziel mit. Ich möchte was erreichen. Weil ich faul bin und ohne Ziel meinen Hintern gar nicht hochbekäme, denn ich kann auch ausgesprochen intensiv schlemmern und rumgammeln. Wer glaubt, ich sei sportsüchtig, hat mich noch nie Chips essen sehen.

Nudeln. GANZ wichtig!

Nudeln. GANZ wichtig!

Und dieses Mal konnte ich nicht die Opfer bringen, die mir durchaus leicht fallen, wenn es rund läuft in der Vorbereitung. Erst eine Laufverletzung am Fuß mit Schmerzen in einer Sehne, die mich zu langen Pausen zwang, dann hier noch eine Erkältung, dann da Dinge, die ebenfalls Zeit und Aufmerksamkeit erforderten. Ungeplant, und viel mehr als gewünscht, erhofft und sicher als mir lieb gewesen ist. Und irgendwann war’s zu spät. Auch Rodgau fiel dem schon zum Opfer, nun gut, ich bin wieder genesen, aber tatsächlich weit hinter die Form zurückgefallen, die ich mal hatte.

Ich bekam in dieser Phase eine Idee davon, wie das für einen Profisportler sein muss, der auf einmal nicht mehr so weit wirft, so hoch gewinnt, so viele Tore schießt, wie es das Publikum von ihm gewohnt ist. Schön ist das nicht. Und vielleicht sind diese bemitleidenswerten Menschen, die das schließlich unter den kritischen Augen ihrer Fans tun, oft gar nicht einfach nur schlecht oder unwillig – vielleicht gibt es in deren Leben auch Dinge, die wichtig sind, die Aufmerksamkeit erfordern und seien es nur die Gedanken im Training, die sich aber nicht mehr um den Bewegungsablauf, sondern ein Problem drehen, das sich nun mal nicht so einfach wegtrainieren lässt, wie eine schlechte Rückhand.

Dessert. EXTREM wichtig!!!

Dessert. EXTREM wichtig!!!

Andersrum bin ich mittlerweile fast sicher, dass die Menschen, denen es gelingt, eine Höchstleistung als Amateur abzuliefern, in ihrem Leben genug Platz und Ruhe finden, um ihre Konzentration im erforderlichen Maße um den Sport kreisen lassen zu können. Oder arg verkürzt: Menschen mit Bestleistungen führen ein zufriedenes, rundes Leben. Oder sie sind über alle Maßen verbissen, die alles dem Erfolg hintanstellen, statt ihn im Einklang mit ihrem Leben zu erreichen – diese Menschen beneide ich sicher nicht.

Deswegen kann ich nun auch die weitere „Niederlage“ verkraften. Es hat alles seine Zeit, die vergangenen Monate waren es nicht für eine unbeschwerte Vorbereitung, wie ich sie kenne und schon mehrfach absolvieren konnte.

Nun kommt Hamburg, ich bin da noch nie gestartet und es soll ein toller Marathon sein. Ich wollte mit großen Plänen anreisen. Mehr als den, da in einer für mich nicht allzu blamablen Zeit einen tollen Lauf zu haben, mit Winken und Abklatschen von Kinderhänden, habe ich nicht mehr. Aber das ist schließlich kein schlechter.

Denn Marathon ist für den Hobbyläufer von den wichtigsten Dingen auf der Welt dennoch nur die unwichtigste.

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Alle Kommentare [1]

  1. Deinen letzten Satz möchte ich gern doppelt unterstreichen.

    Ich hoffe, bald wieder mal einen Marathon laufen zu können. Aber wenn es nicht dieses Jahr ist, dann vielleicht nächstes. Und wenn ich es nicht unter 4 Stunden schaffe, dann vielleicht unter 5. Gewonnen hab ich schon, wenn ich am Start stehe. Es ist die Leidenschaft, die zählt.

    Dir *viel* Spaß!