Fear and Loathing in Rodgau-Dudenhofen. Warum ich nach meinem ersten DNF auch ein wenig stolz bin.

Es gibt vermutlich keinen besseren Ort für menschliche Dramen als Rodgau-Dudenhofen. Ein Ortsname, der Mittelmaß, gute Bürgerlichkeit, Vorgarten und Amtschimmel atmet. Zäune zum tot drüber hängen gibt es hier genug. Und die sind nicht mal preiswert. Der Zusatz „Freizeitanlage Gänsbrüh“ als Veranstaltungsort vermag die unangenehmen Ahnungen nicht zu nehmen, die einen rasch beschleichen können, wenn man sich mit der S-Bahn über Hauptwache und Konstablerwache dem atmosphärischen Loch im Speckgürtel Frankfurts nähert. Jede Emotion sticht hier heraus.

Und doch, hier wohnen Menschen, die Humor, Stehvermögen, feste Wurzeln und – so vermute ich es – schier unerschütterlichen Optimismus haben. Anders ist es nicht zu erklären, dass sich vor 16 Jahren die Organisatoren dachten, dass es sich lohnt einen besonderen Lauf zu veranstalten. 50 Kilometer, mit den unberechenbaren Wetterbedingungen Ende Januar und das nicht als idyllische Rundreise, sondern 10 Mal im Kreis à 5 Kilometer.

Dieses Jahr standen 960 Menschen am Start. Neunhundertsechzig. Fast tausend.

Ich war Startnummer 122, was bedeutet, dass ich mich als 122. angemeldet habe vor vielen Monaten. Ich war schon mal da, Startnummer 500. Fragen Sie nicht, warum ich noch mal hingefahren bin. Ich habe so recht keine Antwort außer der, dass mich Anmeldungen dazu bringen, für etwas zu trainieren. Und so ein Lauf über 50 Kilometer Ende Januar bedeutet, dass man mitten im Training steckt über die Feiertage. Man nutzt jene kühlen Stunden, in denen jeder vernünftige Mensch lieber drin bleibt mit heißem Kakao und Fellhausschuhen statt mit Iso-Drink und Laufschuhen draußen rumzutraben.

Da stand ich nun und das Rennen war für mich bereits gelaufen. Zu den häufigsten Läuferkrankheiten zählt die Plantar fasciitis. Die lässt sich nicht züchten, die steckt nicht an. Aber tut höllisch weh unter dem Fuß. Die hatte ich mir gleich nach der ersten Trainingswoche zugegezogen und meine Laune verdüsterte sich wie Rodgau-Dudenhofen im Sonnenuntergang – kalt, seelenlos, entfremdet. Tipp 1 bei dieser Verletzung: Weniger Laufen. Habe ich natürlich nicht gemacht zunächst. Man will ja gut durchkommen, oder? Irgendwann habe ich dann doch das Training drastisch reduziert nach wohl einigen der miesesten Einheiten meines Lebens.

Vielleicht wäre ich auch daheim geblieben. Aber aus einem noch immer von der Wissenschaft nicht hinreichend erforschten Grund kommen nicht nur viele, sondern auch sehr viele nette Menschen nach Rodgau zum Ultramarathon rund um die Freizeitanlage Gänsbrüh. Also stand ich da. Und bin mal losgelaufen. In der Hoffnung anzukommen und wenn ich ankommen sollte, dann bitte auch ohne die Plantagenfaszination weiter zu verschlimmern.

Ich bin dann nicht angekommen. DNF. Did not finish. Kam nicht ins Ziel. Hat aufgegeben. Hat abgebrochen. Hat sich nicht genug angestrengt. Hat sich nicht bemüht. Hat sich nicht zusammengerissen. „DNF is no option“ – ein geflügelter Spruch, den man als Lebensmotto nehmen kann. „Niemals aufgeben“ – hinter dieser banalen Haltung stecken fünfzehn Meter Bücherregal an Lebens-Ratgebern und Philosophie-Büchern.

Habe ich nun aber. Ich könnte (vielleicht sollte ich mich) grämen. Ich wäre schon irgendwie angekommen. Es hätte dann halt noch mal 10km und vermutlich fast eine Stunde zehn Minuten gebraucht, um sich dahin zu schleppen. Ich hätte dann bewiesen, dass ich beißen kann. Und vielleicht – ich werde es nie erfahren – die Verletzung schlimmer gemacht. Vielleicht auch nicht. Ich stieg aus, es gab nichts zu gewinnen. In der Abwägung aller Fakten – Faulheit und Vernunft schüttelten sich die Hände.

Da gibt es nichts, worauf man stolz sein könnte. Ziel verfehlt.

Und doch kroch in den Wochen zuvor und auch an diesem Tage an diesem unwahrscheinlichsten Ort Deutschlands für einen Ultramarathon an einem Januar-Samstag eine Erkenntnis hoch: Ich habe schon mal was erreicht.

Stolz ist ein großes Wort, ich meide es wie die Taxifahrer in Rodgau-Dudenhofen ihre Fahrgäste, die sie Freitagsabend schon nicht mehr erwarten. Sagen wir – ich bin überrascht über mich selbst. Das, was ich seit 2011 so gelaufen bin, ist nicht vom Himmel gefallen, die Kilometer wurden mir nicht auf ein Schweizer Läuferkonto überwiesen, die Zeiten nicht mittels Dekret geschenkt. Ich habe dafür was getan und was erzielt.

Staunen. Staunen ist das richtige. Ich staune heute (sogar ganz aktuell heute früh, vier Tage nach Rodgau) was ich schon mal laufen konnte. Sowohl in Bezug auf Distanz als auch Zeit. Meine eigenen Zeiten kommen mir unerreichbar und fabelhaft vor. Etwas, das einem nicht auffällt, wenn es peu a peu mit kleineren Rückschlägen, die ich ja zur Genüge kenne, doch im Grundsatz immer aufwärts geht.

Hätte mir dieses Jahr völlig gereicht.

Hätte mir dieses Jahr völlig gereicht.

Eine weitere Erfahrung im Läuferleben, die jeder – so er sie machen muss – gut auf den Rest übertragen sollte. Selber wieder über sich staunen können.

Fast so sehr staunen wie über den Umstand, dass sich am 28. Januar 2017 vermutlich erstmals mehr als 1000 Menschen an die Startlinie stellen werden des durch seine familiäre und positive Stimmung faszinierenden Ultramarathon des Rodgau-Lauftreff  1983 e.V..

Selbstverständlich werde ich einer davon sein.

 

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Alle Kommentare [19]

  1. Das ist die richtige Einstellung! DNF, wo es keinen Sinn macht, weiterzulaufen (ja, manchmal ist Vernunft wirklich sinnvoller ;-)) und nächstes Jahr dann mit vollem Elan, voller Kraft Rodgau zeigen, was eine Harke ist! Neue PB für 2017 🙂

  2. Alles richtig gemacht. Mit solch einer Verletzung ist nicht zu spaßen und vielleicht wäre es ohne ein solches Handicap besser gelaufen. DNF ist keine Option. DNF ist manchmal ein Schicksal. Im nächsten Jahr wird es besser.

  3. Du hattest ja schon im Vorfeld entsprechende Überlegungen angestellt. Das hilft dann auch, mit sich selbst im Reinen zu sein und der Vernunft den Vorzug zu geben.
    Ich und meine Plantarfasziitis wären vermutlich keine 40 km weit gekommen… Bin gerade mal froh, wenn es 4 sind.
    Glückwunsch zu der Leistung, die Du unbestreitbar erbracht hast, auch wenn Du am Schluss keine Ziellinie überquert hast.

  4. „DNF is no option“ ist zwar ein toller Spruch aber das war es dann auch schon. Er ist natürlich alles andere als Realität. DNF ist immer eine Option, nämlich immer dann wenn es keinen wirklichen Sinn mehr macht weiter zu laufen und sich weiter zu quälen. Ein DNF ist dank solch markiger Sprüche im Grunde oft schwerer als ein Finish, man will es ja allen beweisen und manchmal sogar sich selber. Aufgeben ist was für Looser, oder etwa doch nicht? Eine starke Persönlichkeit zeigt seinem Gegner ganz offen seine Schwächen und ein starker Läufer bleibt halt auch einfach mal stehen wenn es sein muss.

  5. Servus Thorsten,

    mal wieder in Deiner unnachahmlichen Art geschrieben, ich finde es wunderbar. Das wir uns in #Rodgau50 wieder mal über den Weg gelaufen sind, fand ich ebenfalls toll. Das es am Ende nicht gereicht hat, ist bitter. Aber es zeichnete sich über die letzten Wochen auch etwas ab, gerade wegen der Verletzung. Hoffe Du kommst wieder in die Spur, Angebot für HH steht. Schöner < 03:30 geht immer 😉

  6. Schön, nochmal genau nachvollziehen zu können, was du dir gedacht hast.
    Ich brauche dir nicht zu sagen, dass du alles richtig gemacht hast mit dem DNF, oder?
    Besser, als wenn du dir wochenlang Vorwürfe gemacht hättest weil dein Fuß schlimmer geworden ist.
    War ein guter Lauf und eine reife und schlaue Entscheidung . Wobei „Reif“ nicht auf dein Alter abzielt, keine Sorge. 😉

  7. Über diesen leidigen Spruch „DNF is no option“ habe ich selbst in einem Beitrag mal länger sinniert. Leider ist der beim letzten Servercrash im Nimbus verschwunden. 🙁 Quintessenz: DNF ist immer eine Option, nämlich immer dann, wenn man seinem Körper etwas schlechtes tut. Deshalb: Alles richtig gemacht!

  8. @isa Danke, es war die ersten 25km auch ein lustiger Lauf. Und immer schön zu sehen, wenn bei jemanden anderes es rund läuft.

  9. @Patrick Danke! Das Treffen, die anderen Läufer, die man kennt – das macht für alle die, die sich dort treffen sicher einen Gutteil des Reizes aus. HH – 3:30 scheint derzeit leider tatsächlich das Ziel zu werden.

  10. @sascha Ich denke, dass man sich auch mal bemühen muss, auch mal sich selber überwinden. Das schon. Aus reiner Unlust nicht zu Ende zu laufen ist für mich selber nicht erstrebenswert. Hier lag der Fall anders und da dann mit Gewalt etwas durchziehen ist schlicht töricht, das denke ich auch.

  11. Dumm ist nur wer dummes tut… Ok der ist von Forrest Gump aber recht hat er! Alles richtig gemacht, das was du alles schon erreicht hast, da darf das dnf keinen Kratzer im ego hinterlassen!

  12. Mutig war es, bei km40 auszusteigen. Ich war am Wendehammer fast auf dich aufgelaufen und hatte mir schon überlegt, was ich denn sagen könnte, wenn ich dich überhole. Etwas, das zugleich motivierend und gleichzeitig nicht frustrierend hätte klingen müssen. Du hast mir die Entscheidung abgenommen und das war mehr als gut. Wenn Muskeln schmerzen, dann ist das normal, aber eine Verletzung zu verschlimmern, um sich zu beweisen, dass man ein harter Hund ist, das brauchst du nicht. Denn du bist ein harter Hund und du kommst wieder! Spätestens am 28.1.2017. Und darauf freue ich mich wie du!

  13. Erst ein DNF zeigt die wahre Stärke. Eine Entscheidung die nie leicht fällt und deswegen eine großen Respekt verdient. Am 28.01.2017 heißt es dann Finish 🙂

  14. DNF – Irgendwann ist jeder mal dran 🙂

    Allerdings gefällt mir in diesem Zusammenhang ein DNS (did not started)schon besser. Wenn ich bereits im Vorfeld erkrankt/verletzt bin, sollte man sich die Möglichkeit eines DNF ersparen. So vernünftig muß man sein und vorab erkennen, das es nicht ratsam wäre, an den Start zu gehen, auch im Hinblick auf kommende Wettkämpfe.