Ich würde am liebsten nackt laufen.

Mein Rennrad ist inzwischen gut 15 Jahre alt und es stammt aus einer Zeit und von einem Hersteller, der es erlaubte, dass man den Markennamen-Aufkleber (in diesem Falle das selten dämliche Wortspiel „2danger“) entfernen konnte. Habe ich auch sofort gemacht. Bis auf zwei Rad-Shirts und die mit den vielen Wettbewerben angefallenen Finisher-Shirts ist auch der Rest meiner Tights und Jacken frei von Emblemen, Symbolen oder gar Nachrichten. Das meiste davon ist von verschiedenen Discountern, aber wenn ich könnte, würden die Herstellernamen auch auf den zwei Laufutensilien verschwinden, die ich von einer bekannten Marke besitze.

Ich würde am liebsten nackt laufen. Bekleidet – natürlich –  aber frei von sämtlichen Schriftzügen auf dem Stoff. Besonders im Radsport gehört ein Trikot im Stil der Radprofis für viele Hobbysportler dazu. Sie identifizieren sich mit ihren Idolen und ich habe da auch nichts gegen. Mir widerstrebt nur die Idee, dass ich für ein Shirt, das mit Werbung vollgepflastert ist auch noch mehr Geld zahlen soll als für das ohne alles. Andersrum würde ich noch drüber nachdenken.

Beim Laufen – mangels professionellen Lauf-„Rennställen“ wie im Radsport – ist die Sache schon deutlich zurückhaltender. Die meisten Bekleidungsstücke sind neutral, gerade noch mal das Markenlogo prangt auf der Brust oder läuft am Bein herunter. Das ist zum Teil willkommen aber doch meist auch gar nicht zu vermeiden.

Dazu nun aber gesellen sich bei jedem öffentlichen Wettbewerb die Sportler, die die Gelegenheit nutzen, ein Anliegen vorzubringen, schlicht ihr Unternehmen zu bewerben oder auf eine Webseite verweisen. Die Werbebotschaften sind rein egoistischer Natur – meinetwegen. Diese Werbung habe zumindest ich in den allermeisten Fällen nach der Anstrengung eh vergessen.

Die Menschen mit den Botschaften sind es, die mich ins Grübeln brachten. Laufen gegen oder Laufen für etwas. Für eine Gesinnung, gegen ein Leiden. Für ein Projekt. Vieles, vermutlich das meiste davon, ist ehrenhaft und dient einem guten Zweck.

Ich selber aber ziehe es vor, so neutral wie irgend möglich an den Start zu gehen. (Außer als Zugläufer beim Kölnmarathon, da trage ich natürlich auch gerne das offizielle Laufshirt – ich bin Teil der Veranstaltung und das soll dann ruhig jeder sehen.) Es gäbe sicher viele gute Sachen, für die man sich engagieren könnte oder gegen die man sich aussprechen könnte. Aber für mich gehören die nicht auf die Laufstrecke.

Einer der wunderbaren Aspekte am Laufen ist es, dass es fast jeder ausüben kann. Dass es Menschen verbindet, die sonst nichts miteinander zu tun haben. Und vor den Mühen eine Marathons sind wir alle gleich, ob Rechtsanwältin oder Raumpfleger – es ist quasi der FKK-Strand des Sports. Alle haben die gleichen Voraussetzungen: Strecke und den Körper, den sie da irgendwie drüber bringen müssen. Laufen verbindet ganz natürlich. Denn es eint uns, weil es so sehr in unseren Anlagen steckt, sich laufend zu bewegen. Da ändern auch die Jahrhunderte an Sitzmöbeln nichts. Der Mensch ist ein perfektes Laufwesen auch wenn andere Lebewesen schneller oder ausdauernder sind.

Die Herausforderung und der Spaß an der Bewegung eint uns und in meinen Augen sollte das im Zentrum einer Laufveranstaltung stehen. Es kann den Gemeinschaftssinn wecken. Mich irritieren dann Shirts, auf denen zu einer bestimmten Lebensart aufgerufen wird oder auf eine Krankheit aufmerksam gemacht werden soll. Es bringt eine Distanz zwischen mich und dem Menschen, der da gerade nur 2 Meter vor mir das gleiche tut wie ich. Diese Distanz ist nicht schwerwiegend, nicht tragisch. Aber sie ist da und sie lenkt mich ab.

Ich werde also auch weiterhin so gut es geht auf jeden Schriftzug an meiner Wettkampf-Kleidung verzichten, weil ich beim sportlichen Wettstreit die Gemeinsamkeit schätze. Ich respektiere, dass viele Menschen mit ganz vielen anderen Ansichten zu vielen Dingen in dem Moment das gleiche tun wie tausende andere und so in dem Moment ein große Gemeinschaft entsteht, die nicht differenziert zwischen den Teilnehmern. Sie ist dann offen und tolerant. Ein Wert, den man nicht hoch genug schätzen kann.

Das kann jeder anders sehen: Die Kommentare sind offen. Bitte höflich bleiben, danke.

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Alle Kommentare [11]

  1. @Alex, oha!!! Wild. Ich bin zwar auch in einem Verein, aber trage auch in Wettkämpfen neutral. Geht hier halt.

  2. Hallo Thorsten,
    interessanter Standpunkt, den ich in Teilen unterstütze.
    Andere Länder andere Sitten. Bei uns hier in Italien braucht man für Wettkämpfe jeglicher Art (Marathon, Lauf-Wettkämpfe, Rennrad- und MTB-Rennen, Triathlon-Rennen) jedesmal ein ärztliches Attest, dass einem die Teilnahme an diesem Wettkampf aus medizinischer Sicht erlaubt.
    Um sich die ärztlichen Kosten (Erstuntersuchung inklusive Belastungs-EKG, Urin und Blutprobe ca. 80€ und jeweils drei beglaubigte Kopien für 20€) zu sparen, treten die meisten hier in Lauf-, Rennrad-, MTB- und/oder Triathlonvereine ein.
    Über diesen Verein erhält man eine Athletennummer, welche die medizinische Voraussetzung beinhaltet und mit welcher man zentral über den Verein bei den Wettkämpfen gemeldet wird. Man spart sich das jeweilige Attest, da ma es nur einmal im Jahr nachweisen muss, sonst erhält man keine Athletennummer. Die Jahresgebühr der Vereine liegt zwischen 20 und 45€. Leider ermöglicht der Thriathlonausweis nicht die Teilnahme an Laufwettkämpfen oder Radwettkämpfen (obwohl Teil des Triathlon), so bin ich in drei (3) Vereinen, um an Triathlon-, Lauf- und Radwettkämpfen teilnehmen zu können ( da es sich jeweils um einen anderen „Sportbund“ handelt).
    Meldet man sich über den Verein bei einem der Wettkämpfe an, muss man auch die vereinseigenen Klamotten tragen, welche wiederum die Namen der Sponsoren des Vereins tragen. Denn ansonsten würde die Jahresgebühr deutlich höher ausfallen, insbesondere weil man über den Verein auch versichert ist. Außerdem handelt es sich bei der Vereinsbekleidung um sehr hochwertiges Material, was man aber eben sehr günstig erhält.
    So bleibt mir gar nichts anderes übrig als „kunterbunt“ mit den Namen aller möglichen Sponsoren durch die Gegend zu schwimmen, radeln und laufen …

    Übrigens wird dann aber auch konsequenterweise die Mannschaft mit den meisten Teilnehmern und Finishern eines Wettkampfes geehrt!

    Grüße aus dem Süden
    Alex

  3. @micha, nein ein logo ist auch für mich kein problem. ich bräuchte es nicht, aber es stört mich auch nicht immens. auf einer langen hose ist es halt riesig drauf – könnte von mir aus runter. aber das halte ich auch aus.

  4. Bis voriges Jahr lief ich recht grauen Laufklamotten, an denen neben dem Logo nur drei orange Stiche sind. Das Logo ist mittlerweile verwaschen 🙂

    Seit vorigem Jahr lauf ich bei Veranstaltungen in so einem etwas bunten Shirt, immer noch grau, aber mit „Der Weg ist das Ziel“ und der Firmenwebsite. Dafür zahlt mein Arbeitgeber aber auch die Startgebühren und stellte mir das Trikot. Ein Deal mit dem ich leben kann.

  5. Also „ganz ohne“ fände ich merkwürdig. Ein daumengroßes Logo darf ruhig da sein – an einer dezenten Stelle. Wieso sollte man den Hersteller gar nicht erkennen können? Aber ins Gesicht schreien muss man den Namen auch nicht. Solche Shirts trage ich nur im Notfall.

  6. @Sarah, ich laufe auch nicht in Finisher-Shirts höchstens, wenn ich sicher bin, dass mich keiner sieht. 🙂 Aber: eigentlich blöd, denn man könnte Geld sparen, weil man ja ein paar weniger kaufen müsste. So liegen sie einfach im Schrank. Auch komisch.

  7. Interessanter Ansatz, über den ich mir bisher noch nie großartig Gedanken gemacht habe. Klar, die Radtrikots kennt man, die finde ich auch meist ziemlich übertrieben. Ich habe auch kein Problem mit bedruckten Laufshirts, wenn jemand damit auf irgendetwas aufmerksam machen will, allerdings erschließt sich für mich der Sinn dahinter nicht. Denn wenn ich bei einem Wettkampf laufe sehe ich vielleicht diese Shirts bzw. deren Botschaften, aber mehr auch nicht. Ich weiß nicht, was dahintersteckt und bis ins Ziel merken – falls es um Spendenprojekte oder Ähnliches geht – kann ich mir das Ganze ohnehin nicht. Ich glaube, mit Social Media gibt es heutzutage deutlich bessere Möglichkeiten, Leute zu erreichen und seine Sache bekannt zu machen. Aber jeder so, wie er mag. Ich bin auch kein Fan von Finisher-Shirts, andere Leute laufen in nichts anderem.

  8. Mir erschliesst sich bis heute nicht warum Menschen auf Rädern so unglaublich buntes Zeug tragen müssen.
    Beim Laufen nehme ich gern Finishershirts, einfach weil sie eh da sind, oder irgendwas Neutrales. Kann aber genau so gut verstehen wenn jemand meint für was auch immer laufen wollen, auf etwas hinzuweisen oder was auch immer für eine Botschaft zu transportieren. Mir gefällt beim Laufen ebenfalls der Sozialistische Ansatz, alle sind gleich, es entscheidet nur die eigene Leistung ob man einen Stachanoworden bekommt oder nicht und den kann man sich dann nur selbst verleihen. Ich bin schon neben Millionären genau so neben Hartz4lern gelaufen, der Unterschied in T-Shirt und Hose ist nicht auszumachen und das ist gut so. Dann wird man als das gesehen was man in dem Moment ist, einer der sich einen schönen Lauf gönnt.

  9. Unterschreibe ich, auch wenn ich Shirts in uni nicht ausstehen kann.
    Ich mag auch die Vielseitigkeit der Shirts und schaue mir das interessiert immer an, gleich ob Finisher, Veganer usw. Bei den einen ist es ein Statement, andere Hemdchen sehen einfach nur cool aus. Ein bisschen mehr Punk würde der gängigen Laufkleidung imho sehr gut tun.
    Aber da sind wir auch schon bei dem, was ich mit unterschreibe: Toleranz.
    Jeder gibt sein bestes, jeder tritt so an, wie er es für richtig hält oder mag und über alle sollte ein entspanntes und respektierendes „laissez fair“ schweben…