Wir Ausdauersportler haben eine Achillesferse – die Kraft. Fitnessstudios sind nicht unserer liebster Ort, ich denke das geht den meisten so. Muckibude ist einfach nicht der Duft von Bäumen oder die Aussicht auf schöne Berge. Eher Mief und Muskeln. Es muss aber sein. Die liebevoll „Stabi-Übungen“ abgekürzte Gymnastik soll den Rumpf stabilisieren. Ein Gutteil der Kraft kommt sowohl beim Laufen wie dem Radfahren aus dem Rücken. Wer sich brav an die Vorgaben der Trainingsratgeber hält, kommt um Kraftübungen nicht herum. Und ein paar Liegestütze haben noch niemandem geschadet.
Boxen ist ein Sport, der mir persönlich nicht behagt. Dass sich Menschen prügeln, will mir als sportlicher Anreiz nicht als erstrebenswert erscheinen. Darüber kann man lange streiten, ich selber kann mit Boxkämpfen nichts anfangen. Dass es Sport und körperliche Anstrengung ist – würde ich hingegen nie in Zweifel ziehen. Alleine zwölf mal für drei Minuten Tänzeln ist alles andere als leicht, auch wenn man keinem Gegner gegenüber steht. Wladimir Klitschko gehört unstrittig zu den besten Boxern der Welt. Und das auch über sehr lange Zeit. Aktuell ist er amtierender Weltmeister im Schwergewicht nach Version der IBF, WBO, WBA und IBO. Für mich als Box-Desinteressiertem klingt das zwar als sei er Angestellter von vier verschiedenen US-amerikanischen Fernsehstationen, aber das ist für den Moment egal. Er promovierte in Kiew im Fach Sportwissenschaft, seine Dissertation trägt den Titel „Pädagogische Kontrolle im Sport“. So viel glaube ich auch frei von jeder Sachkenntnis zum Thema Boxen sagen zu können: Er ist fit. Und er weiß auch, wie man fit bleibt. UND vermutlich auch, wie man es anderen beibringt.
Und ohne ihm zu nahe treten zu wollen, mit bald 39 Jahren ist er näher an dem Ende seiner Karriere als an ihrem Anfang. Das weiß er selber und ist clever genug, jetzt darüber nachzudenken, was er später mal machen will. Zum Beispiel Fitness lehren. Das ist so offensichtlich, dass es nicht überrascht. Dennoch kamen Mitte Januar – der Monat der guten sportlichen Vorsätze für Millionen Deutsche – zahlreiche Berichterstatter nach Hamburg, um dabei zu sein, als Klitschko sein jüngstes Projekt vorstellte: Eine Trainingsplattform im Internet. Die heißt Klitschko-Performance, das Programm vollständig Klitschko-Body-Performance. Das Programm hat Klitschko nach eigener Aussage selber erstellt. Üblicherweise verweisen Prominente, die ein Ratgeberbuch zu sportlichen oder gesundheitlichen Themen veröffentlichen gerne auf wissenschaftliche Erkenntnisse und sehr häufig ist als Co-Autor ein Dr. XY verzeichnet. Nicht so bei Wladimir Klitschko. Er hat Praxis und seine persönliche Erfahrung. Und auf die Frage, was denn sein Programm so unterscheide von den zig anderen, die schon verfügbar seien, antwortet er, dass er zwar als Sportwissenschaftler die Hintergründe kenne, aber für sein Programm seine eigene Erfahrung mit seinem Körper wichtiger war.
Anfang des Werbeblocks: Das Produkt ist eine 12-monatige Onlinemitgliedschaft, ein spezielles Schlingen-Trainingsgerät, das an der Decke oder einem Türrahmen befestigt wird und als wesentliches Element zwei Schlaufen hat und ein Springseil mit Zählfunktion. Das eigene Körpergewicht ersetzt die Metallplatten an den Geräten des Fitnessstudios, je nach Winkel und Haltung ändert sich die Intensität. Ein griffiges Kürzel trägt das auch, nämlich HEX. Für High Effective Exercises. Auf der Onlineplattform sind Videos, auf denen Klitschko die Übungen erklärt. Das alles kostet 199 Euro. Ende des Werbeblocks.

Von rechts nach links: Franziska Bluhm, Daniel Fiene, ich nicht im Sparring sondern der Verleihung zum Goldener Blogger. Offensichtlich: Ich gebe alles!
Vielleicht hat es der eine oder andere mitbekommen: Dieser Blog wurde nominiert für den Award „Goldener Blogger“. Anbei ein Bild von der Galaveranstaltung, das belegt: Ich bin mir also für nichts zu schade – schon mal gar nicht für 10 Minuten Probetraining mit Wladimir Klitschko in Sportklamotten bei einer Pressekonferenz. Sechs von etwa 40 Journalisten und Kameraleuten nahmen das Angebot an, die anderen nur die Häppchen. (Kalorienarme natürlich, nach Vorgaben von Wladimir Klitschkos Fitnessprogramm. Und statt Sekt gab es heißes Wasser und frischen Ingwer.) Das Training begann mit einer vermeintlich einfachen Übung, bei der ich mit jedem Ausfallschritt tief in die Knie gehen sollte, gut für den Rücken. Es folgten Liegestütze („Die beste Übung für gute Brustmuskeln!“ Klitschko) und dann noch eine hässliche Bodenübung, die ich kaum besser als die verlangten 20 Liegestütze hinbekam. Danach: Der Schlingentrainer. Klitschko hängte sich und seine mehr als 100 Kilo mit den Achselhöhlen in die Schlingen und turnte vor. Und ich sollte nachturnen. Beine nach hinten, nach vorne ziehen, bis die Bauchmuskeln schmerzen. Bauch habe ich momentan viel, Muskeln weniger. Aua. Da gibt es was zu tun.
Während des Verfassens dieses Textes sind die schlimmsten Schmerzen des Muskelkaters zum Glück vergangen. Aber ich kann versichern: Es reicht wenig Muskelarbeit, um einen Ausdauersportler wie mich an den Rand des Möglichen zu bringen. Sechs mal die Woche 30 Minuten, so verspricht Klitschko, und alles wird besser. Ich räume ein: Ich bin nachhaltig ins Grübeln gekommen, ob ich das nicht tun sollte, denn die Zivilisationsbeschwerden wie Rückenschmerzen vom vielen Sitzen sind mir nicht fremd. (Richten Sie sich auch gerade etwas auf, wo Sie das lesen?)

Stars unter sich: Bambi-Preisträger 2005 und 2009 und der Goldener-Blogger-Nominierte 2014 (No Photoshop involved)
Umgezogen aber ungeduscht hatte ich dann noch sieben Minuten Zeit, mit Klitschko, der sehr ausdauernd 7-Minuten-Interviews gab, über Motivation, Ausdauer und Kraft zu sprechen. Und ich bin aufrichtig überrascht. Klitschko bricht aus meiner Sicht mit einigen der gängigen Thesen, mit denen Sportinteressierte so konfrontiert werden. Meine erste Frage galt dann dem Thema Motivation. Was er täte, wenn er mal keine Lust habe. Sei nie vorgekommen. Es gäbe etwa vier Wochen im Jahr nach großen Wettkämpfen, in denen er absolut nichts machen würde. Gar nichts. Dann aber würde sich der Körper melden und Bewegung einfordern. Beneidenswert. Was denn nun wir Normalsterblichen tun sollten, wenn er schon keine Motivationsprobleme habe.
Ich bin Klitschko dankbar, dass er es so klar formuliert und nichts zu beschönigen, weich zu waschen versucht: „Sie brauchen Disziplin. Sie brauchen ein Ziel. Und wenn es mal schwierige Phasen gibt, müssen Sie die überwinden. Wenn Sie im Beruf Probleme haben, dann müssen Sie die auch überwinden, sonst verlieren Sie ihren Job.“ Das ist klar, nachvollziehbar und wickelt uns nicht in Watte. Wichtig sei jedoch, ein Ziel zu haben. „Ich wollte mit 12,14 Jahren sein wie Arnold Schwarzenegger, später wie Bruce Lee, deswegen habe ich Karate gemacht.“ Er sein nie ein Fan des Boxen gewesen. „Ich hatte Angst vor dem Sport.“ Sein Bruder Vitali sei jedoch Vorbild gewesen: „Ich habe nachgemacht, was der große Bruder gemacht hat.“ Und später sei Boxen ein Weg gewesen, auch zu reisen. „Boxen war ein Schlüssel, um weiterzukommen.“ Seine Ziele hat er verfolgt. Was für uns daraus zu lernen ist: Ein Ziel, ein Vorbild ist wichtig. Ohne das ginge es nicht, meint Klitschko. Und vor allem in der Anfangsphase sei Disziplin wichtig, denn wenn die Verbesserungen am eigenen Körper kommen, dann fällt vieles leichter: „Die ersten Resultate sind die beste Motivation.“
Klitschkos Programm enthält im Gegensatz zu vielen anderen Programmen keine offensichtlichen Elemente für Ausdauertraining – auch das: für mich überraschend. Er selber würde nur sportspezifisch trainieren – keine langen Läufe, wie man sie vor Augen hat, wenn man an Rocky denkt. Die Arbeit im Sparring sei für ihn wichtiger. „Boxen belastet ganz andere Muskeln als nur Laufen.“ Also trainiere er Ausdauer im Ring. Wohl der Grund, warum ein Springseil zu seinen High Effective-Folterinstrumenten gehört. Ich werde also in mich gehen, meinen ausgesprochen robusten Schweinehund rund ums Krafttraining angreifen und turnen. Ich muss es wohl. Dass es mir keinen Spaß machen wird, geht wohl in Ordnung. Sagt Klitschko.



@Karsten Ich wachse noch!
Und ich dachte du wärst groß, aber neben Klitschko wirkst du echt wie ein Zwerg. Klasse Artikel
@Katrin Danke! Neidisch auf die 17 Minuten Training und Interview? 🙂
Ich bin ganz neidisch. Toller Text übrigens