Bewegung ist im besten Falle natürlich. Sprich: Wir Menschen bewegen uns, weil es einfach so ist. Wir kämen sonst auch nirgends hin. Sehr viel Bewegung oder auch ganz sehr viel Bewegung, diese möglichst schnell, ist nur bedingt natürlich. Nicht jeder Vorfahr erlegte das Mammut im Laufen. Mammutfallen belegen sogar eher eine früh einsetzende Faulheit des Jägers in uns.
Aber Bewegung ist für den menschlichen Körper etwas ganz normales. Die Energie dafür – sie sollte etwas ganz normales sein. Und viele Jahrhunderte war unsere Ernährung auch „natürlich“ wie auch immer man den Begriff definieren möchte. Vom rohen Fleisch ließen wir rasch – das Feuer lehrte uns die Liebe zum Röstgeschmack, Lebensmittel zu konservieren war eine Notwendigkeit, die uns Sauerkraut, Käse und Selchfleisch einbrachten. Oder geräucherte Mettwurst.
Wer heute jedoch seinem Körper im Rahmen einer Sportart etwas abverlangt, das über ein alltägliches Maß an Schritten hinausgeht, der scheint dies offenbar nicht mehr ohne die Unterstützung von Zusätzen zu tun, die dem Körper fehlen, sobald er Energie in schnelle Bewegung umsetzt.
Protein Shakes. Energie Riegel. Amino-Säuren. Fisch-Öl. Magnesium. Vitamine A-Z inklusive Umlaute. Koffein. Am besten alles und das bitte regelmäßig. Der Markt für Nahrungseränzungsmittel ist bunter als der für Karnvevalskostüme und komplexer als der für selbst konfigurierte Computer.
Gesunde Ernährung, so heißt es, ist vielseitig. Ohne den Zwist zwischen veganer und fleischlicher Ernährung anheizen zu wollen – selbst in beiden Welten ist der Gedanke, über Nahrungsmittel sich vollständig zu versorgen, eigentlich Konsens. Der eine meint Proteine über das Fleisch zu sich nehmen zu wollen, der andere tut dies mit Nüssen oder Linsen. Aber es bedarf schon eines gerüttelt Maß an Sturheit oder unerschütterlicher Selbstsicherheit nach einer sehr anstrengenden Trainingseinheit, sich mit einer heißen Tasse Schokolade zu begnügen, um die leeren Reservoirs anzureichern. 30 Minuten haben wir, maximal 60, so heißt es, um die Speicher danach aufzufüllen. Damit der Effekt da ist.
- Grüne Bohnen-Curry.
- Einige Zutaten für Ratatouille
- Ravioli mit Frischkäse in Tomatensauce
- Gegrillte Paprika
- Smoothie into the Frühstück
- 10 Gewürze und Zitrone über Keulenfleisch
- Gemüseteller
- Burger muss auch sein.
- Gefüllte Mangoldpäckchen.
- Pastamassenproduktion
- Pizza Schon-Da-Dienst.
- Radicchio mit allerlei
- Spargelrisotto
- Vacherin Mont d`Or. Calcium galore.
- Rote Linsen-Curry
- Das muss auch damit gehen!
- Die letzten Orthomol. Danach ist Schluss.
Es gibt dafür spezielle Getränke. Ein Hersteller hat das denkbar simple Nummernsystem auf allen Packungen drauf: 1-2-3. Davor, während, danach. Bin ich also vorm Training, dabei und danach mit allen Nummern mal in Kontakt geraten: Ich bin rundum versorgt.
Vergangenes Jahr habe ich 6 Monate die Ampullen und Tabletten des Herstellers Orthomol in der Variante Sport zu mir genommen. Ein teures, äh, wars ja gar nicht, äh, eine teure Absicherung. Vergnügen: Zwei Tabletten und ein sehr intensiv süß-fruchtiges Getränkchen. Alles drin, was ich wohl mit Ratatouille, selbstgemachter Pasta, T-Bone-Steak oder Käseabend nicht ausreichend zu mir nehmen würde, um einen langen Wettbewerb gut durchzustehen.
Ob es hilft? Ich weiß es einfach nicht. Dieses Jahr habe ich die Einnahme auf zwei Monate reduziert. Vielleicht hat es geholfen, vielleicht nicht. Ich habe es nicht „untersucht“. Aber meine Entscheidung ist gefallen: Keine Nahrungsergänzungsmittel mehr.
Warum? Wenn ich Sahne kaufe, ärgere ich mich leise über das enthaltene Carrageen. Ist in fast jeder Sahne drin, ging früher auch ohne. Joghurts mit natürlichen Aromen, Verdickern oder sonstwas – warum eigentlich muss das drin sein? Ich bin sicher: diese Dinge werden mir nicht schaden. Aber ich verstehe nicht, warum ich sie zu mir nehmen soll. Denn sie sind nur drin, um den industriellen Prozess der Herstellung kostengünstig zu halten oder unsere Erwartung an ein Produkt zu Erfüllen. Sahne, die sich nicht trennt zum Beispiel. Milch, die ewig hält und nicht aufrahmt. So weit es geht, ohne mich selber mit einem Dogma lahm zu legen, meide ich diese Produkte mit Helferleinen im Alltag. So schwer ist das gar nicht.
Und ausgerechnet für den Sport soll ich dann Pülverchen und Co konsumieren? Mir widerstrebt das. Meine Versuche mit Tomatenmark waren zufriedenstellend, da sind wenigstens nur industriell produzierte Tomaten drin und normales Salz. Aber eben nicht auch noch Aromastoffe.
Aber diese Dinge sind nur der kleinere Teil meiner Gründe, diese Dinge auf ein Minimum zu reduzieren.
Viel mehr will ich einfach nicht glauben, dass ich nicht in der Lage sein soll, mich umfassend zu ernähren, um auch hoch intensive Leistungen zu bringen. Vielleicht verliere ich im Wettkampf mal ein paar Minuten, wenn ich nicht wochenlang vorher Amino-Säuren geschluckt habe – das ist es mir wert. Was ich schaffe, packe ich mit dem, was ich esse. Das muss reichen. Wenn es das nicht tut, dann esse ich falsch oder tue zu viel.
Kein Holzhacker, kein Minenarbeiter wurde je mit Pre-Workout-Shakes gesichtet. Aber fürs Krafttraining muss es sein? Ich zweifle. Es muss so gehen, damit der Sport für mich das bleibt, was er ist: Teil meines Lebens. Nicht sein Diktator.


















Hallo Thorsten. Ein klasse Beitrag der wirklich zum nachdenken anregt. Ich ernähre mich schon etwas länger mit der „Low Crap“ Variante. Was manche Menschen so täglich in sich hinein schütten ist schon heftig. Zusatz und Konservierungsstoffe deren nahmen man nicht buchstabieren kann. Mit dem Tomatenmark werd ich auch mal probieren!
Beste Grüße, Olli.
http://www.flitz-piepen.de
Hallo Peter,
zunächst habe ich es 2012 als „Abo“ zu Weihnachten bis zum Langdistanzzdebüt geschenkt bekommen. Ich habe es auch lange genommen, denn an kurzfristige Effekte glaube ich eh nicht. Ich hatte dieses Frühjahr eine Phase, wo ich keines nahm und mich schlapper fühlte. Heute weiß ich: Zu viel Training. Ich wollte es aber lang genug prüfen. Wie soll es anders gehen, als es zu nehmen? Ich habe dieses Jahr nur 2 Monatspackungen gehabt – und war unterm Strich schneller als letztes Jahr. Ich halte für mich fest: Ich kann nicht sicher sein, ob es hilft, dann steht es für mich nicht dafür. Ich habe mich da durchaus beeindrucken lassen von Lektüre diverser Magazine und Bücher. Vielleicht bin ich aber dennoch noch gar nicht bei den Umfängen im Training, die das nötig machen. Aber ich probiere es jetzt ohne und bin ziemlich sicher, dass das auch ohne weiterhin Spaß machen wird.
Hallo Thorsten
mich würde in diesem Zusammenhang interessieren, warum Du dieses Orthomol genommen hast, ohne zu prüfen resp. zu überprüfen, ob es dir wirklich hilft? Hast Du denn ein besseres Gefühl nach der Einnahme gehabt, oder war das Gefühl ähnlich wie vor der Einnahme. Warst Du leistungsfähiger? oder war die Leistung deshalb besser, weil du mehr trainiert hast. Oder konntest Du am Ende besser trainieren, weil du diese Pullen zu Dir nahmst? Oder habe ich den Text nicht verstanden? 🙂
Unabhängig davon bin ich deiner Meinung, dass eine vernünftige, ausgewogene Ernährung einen Sportler auch bei einem Ironman über die Finishline bringt .
Lieber Herr Haueis, vielen Dank, es freut mich sehr, wenn meine Gedanken wiederum andere Menschen anregt, ein Thema zu betrachten. Besten Gruß Thorsten Firlus
Sehr geehrter Herr Firlus-Emmrich,
ich möchte Ihnen in aller erster Linie danken, denn Sie haben mich mit Ihrem Artikel wirklich zum nachdenken gebracht! Selten habe ich einen so guten Artikel, frei von jeglicher Polemik und dem typischen „´Verteufelungs“-Vokabeln gelesen. Lange habe ich schon über dieses Thema nachgedacht und es ist schön zu wissen, dass es „da draußen“ auch Menschen gibt, die gleiche Zweifel hegten.
Danke.
Mit besten Grüßen
C.Haueis