Der überwachte Mensch. Ein Armband, das antreibt? Im Test der Polar Loop

Der Grund, sich viel zu bewegen, oder zumindest mehr als es der Beruf zulässt, ist auf den ersten Blick banal: Es ist gesund. Es verbrennt Kalorien, der Herzmuskel wird trainiert, die Bänder bleiben beweglich.

Nur viele Menschen scheitern daran, sich so viel zu bewegen, wie es vielleicht sinnvoll wäre. Den Hintern hoch zu bekommen, den Schweinehund zu überwinden und nach Arbeit und anderen Verpflichtungen auch noch die körperliche Fitness aufrecht zu erhalten – das fällt vielen Menschen zurecht schwer.

Es gibt Bücher, es gibt Filme, es gibt gute Tipps – tun muss es am Ende dennoch jeder selber. In den Reigen der Helferlein reihen sich nun seit einigen Jahren die sogenannten Activity Tracker – zu den bekannteren gehört sicher Fitbit, aber auch Nike oder Adidas führen Modelle.

Ziel erreicht auf der Uhrenmesse. (Die rechts ist hübscher. Kann aber nur die Zeit anzeigen.)

Ziel erreicht auf der Uhrenmesse in Genf. (Die rechts ist hübscher. Kann aber nur die Zeit anzeigen.)

Frisch auf dem Markt ist der Polar Loop. Er kostet 90 Euro. Seit Mitte Januar trage ich ihn, mehr oder minder 24 Stunden am Tag, bisweilen stört er ein wenig beim Schlafen, dann lege ich ihn beiseite. Der Tragekomfort ist prima, das Band wird allerdings zum optimalen Sitz zurechtgeschnitten, wem das Band also zu eng wird – der kann das Gerät nicht länger nutzen.

Der Loop kann auch mit Herzfrequenzgurt gemessen werden, dann sind die Kalorienangaben noch präziser laut Hersteller. Ich habe keinen benutzt, da mir die Idee der Activity Tracker auch ohne Messung des Puls umgesetzt scheint. Mit Band (nochmals etwa 55 euro) erfüllt er schon vieles, was eine Sportuhr leistet – die man für 150 Euro inklusive Gurt aber auch schon bekommt!

Aber der Activity Tracker – ob Polar Loop oder Fuelband oder Fitbit – hat einen anderen Anspruch. Er ist nicht allein Chronist der Bewegung, er soll auch Motivator und Trainer sein. Anspornen. Kurz: Ein Schweinehundbezwinger. Meiner weitaus komplexeren Triathlon-Uhr von Garmin ist es ziemlich egal, ob ich wenig oder viel trainiere. Sie zeichnet stumm auf und hält sich aus meinem Leben raus.

Golf oder Basketball? Nee, lieber Gitarre.

Golf oder Basketball? Nee, lieber Gitarre.

Nicht so der Loop. Noch 1h:22min Golf spielen. Oder stehend Gitarre 2h17min spielen! Dann habe ich mein Ziel erreicht, mahnt er! Das wird belohnt. Mit einem hübschen tanzenden LED-Spektakel auf dem Armband. Dann steht da Goal. Das tägliche Goal sind 10.000 Schritte.Was aber heißt das im Alltag? Ein normaler Bürotag reicht nicht. Der Tag auf der Uhrenmesse in Genf? Nur, weil ich morgens gelaufen bin. Auf dieser Messe selber nicht. Auf der Messe Ambiente in Frankfurts riesigen Hallen, die ich Montag abschritt: Viel mehr Meter. Da reicht das Durchstreifen der Leistungsschau der Konsumgüterindustrie allemal. Wer körperlich arbeitet, wird nie unter dem Ziel bleiben. Wer allerdings im Fitnesstudio Kraftraining macht, wird nicht extra belohnt. Liegestütze zum Beispiel hinterlassen kaum Bewegungsspuren am Handgelenk, sind aber hinreichend anstrengend. Ich schaffe 10. Vielleicht elf. Die zählt aber bestimmt gar nicht mehr, so wie ich sie ausführe.

Dabei registriert der wirklich bemerkenswert präzise Sensor jede Bewegung. Und eben auch keine. Dann gibt es einen Inaktivitätsalarm. Die Schrittzählung darf man nicht zu genau nehmen. 100 Schritte gehen und denken, sie müssten exakt stimmen – so wird es nichts, der Arm darf ruhig in der Tasche sein. Er nimmt jede halbe Bewegung wahr, addiert bücken, biegen oder schlendern zusammen. Bis eben das Äquivalent von 10.000 Schritten erreicht ist. Andererseits hat er bei all meinen verbrieften und vermessenen Läufen die Distanz außerordentlich präzise erfasst – sowohl die 50 Kilometer des Ultramarathon in Rodgau wie auch den Spaziergang von 21 Kilometer am Tag danach. Ich war erstaunt. Die ohne Messung des Puls berechnete Zahl an verbrauchten Kalorien – kann sein. Kann auch nicht sein. Zu großzügig rechnet der Logarithmus nicht, dem man Gewicht, Alter und Geschlecht als Basisinfo mitgibt. 3000 Kalorien sind schnell gegessen. Und das sind die Trainingstage!

Erholsamer Schlaf und Rumwühlen.

Erholsamer Schlaf und Rumwühlen.

Schlafe ich gesund oder unruhig? Wird erfasst. Seine Daten übermittelt der Loop sehr problemlos entweder via Kabel an einen Computer – so wird er auch aufgeladen. Oder per Bluetooth an ein iPhone oder iPad oder iPod.   Den einzigen nennenswerten Kritikpunkt in der Bedienung, den ich an meinem Testgerät hätte, wäre, dass die Taste am Band nur sehr zögerlich reagiert. Mit trockenem Finger musste ich doch reichlich lange drauf rumtippen, -streicheln und -tun, damit die Leuchtanzeige anging. Dafür flackert sie unter der Dusche oder gar im Schwimmbecken von ganz allein wie eine Lichtorgel in der Heimdisko.

Die Auswertung am iPad oder iPhone ist mir lieber gewesen als die am Computer, die grafische Aufbereitung macht mehr Spaß. Die Auswertung ist allerdings ein wenig – naja – stur. Wenn es darum geht, dass man sich genug bewegt, könnte die Auswertung  ein wenig intelligenter sein. Dass Sie den Tag des Ultramarathons mit 50 Kilometer Laufen zwar als „Großartig“ bezeichnet, hindert sie nicht daran, ein wenig kleinkariert zu bemerken: „Du hast nicht allzu viel Zeit im Sitzen verbracht. Das tut dir gut.“. „Allzu viel“??? Danke, Loop, danke. Auch was gestern war: Ist Loop wurscht. Eine Stunde „inaktiv“ also vielleicht sitzend im Büro bei der Arbeit am Tag nach einem Marathon: Inaktivitätsalarm. Gern auch mit Warnton. Es gibt Momente, da möchte man dem Loop sagen, was man denkt.

ICH WILL AUCH MAL SITZEN!

ICH WILL AUCH MAL SITZEN!

Mahner, Chronist, Ansporner. Das alles beherrscht das Gerät. Wer meint, das ihm das hilft, oder gar seine eigenen Daten mit denen anderer Nutzer auf der Webseite zu vergleichen – dann leistet das Gerät gute Dienste.

Und dennoch werde ich meinen nach der Testphase mit sehr gutem Gefühl wieder ablegen. Denn bei der Frage, ob ein solches Gerät einem hilft, sich zu motivieren, den Schweinehund zu überwinden sage ich: Kann es, mir nicht.

Es ist ein Hilfsmittel. Eine Stütze. Aber den Willen, es zu tun – den muss ich auch weiterhin selber aufbringen. Ich persönlich glaube, dass Motivation, die von sich aus da ist, länger hält als jene, die ich aufbringe, weil ein Gerät sagt, ich müsse etwas tun.

Und es braucht ein starkes Selbstbewusstsein, um gegebenenfalls sich dem Druck, den die Daten auf einen erzeugen können, zu entziehen. Die Activity Tracker sind gnadenlos. Die Statistiken sind erbarmungslos, die motivierenden Worte in allen Ehren. Wenn ich zu wenig tue, dann erfahre ich das. Nicht jeder Mensch kann widerstehen, wenn der Druck zu groß wird und ganz entspannt denken: Ich heute nicht. Du sollst dies nicht, du musst jenes tun – Acitivity Tracker sind Eltern am Handgelenk.

Die Debatte darüber, ob die erfassten Daten und damit doch erstaunlich präzisen Bewegungsprofilen, die in den Datenbanken erfasst sind, zu Überwachung oder sonstwas beisteuern, möchte ich an dieser Stelle nicht führen. Richtig ist: Wer das Gerät nutzt, gibt erneut Daten von sich preis. Das tun natürlich auch GPS-Sportuhren. Facebook oder Foursquare auch. Wie der einzelne dazu steht, ist jedem selbst überlassen. Dass es so ist, sollte jedem Interessenten klar sein.

In der Summe bin ich die falsche Zielgruppe, an etwa 4 Tagen der Woche habe ich dank des umfangreichen Lauftrainings schon vor dem Mittagessen das Soll erfüllt. Wenn der Inaktivitätsalarm sich meldet, lächel ich nur sanft.

In der Funktion, Handhabung und Komfort ist der Polar Loop ein tolles Gerät und hält, was es verspricht. Doch ob es einem hilft, seinen Schweinehund zu überwinden – diese Frage sollte sich jeder, der damit liebäugelt vorher gründlich stellen. Eine Allzweckwaffe, die mir die Qual der Überwindung abnimmt, kann es meines Erachtens nicht sein.

P.S. Wichtiger Nachtrag: Sollte das Band beim Kürzen ZU kurz geworden sein, lässt sich, wie ich später erfuhr, über den Kundenservice ein neues Band besorgen, der Loop ist also auch – mit ein wenig Aufwand – wieder zu verlängern.

 

 

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Alle Kommentare [17]

  1. Hallo Evely, bei der Verwendung mit dem Loop? Schwimmfunktion hat ja nur die V800.

  2. Hallo, kann mir jemand einen Tipp geben, was ich falsch mache? Bei mir schaltet sich der H7 aus, sowie ich die ersten Schwimmbewegungen mache. Ich habe den Gurt recht stramm sitzen, schwimme im Bruststil und das „Pairen“ hat einwandfrei funktioniert.
    Gruß, Evelyn

  3. @Ingrid Schön zu lesen! Ich stehe zumindest immer auf, wenn mich mein Activity Tracker dazu ermahnt! 🙂

  4. Ich bin sehr zufrieden mit dem Polar Band wenn ich draufschaue wie viel Schritte ich noch machen muss dann spornt das mich an und mache das Soll voll. Hàtte nicht gedacht das ich das schaffe kann ich nur empfehlen.

  5. Hallo Annette, Grundumsatz UND Verbrauch. Also die Gesamtsumme. Besten Gruß Thorsten

  6. Hübsche Frage. Die Kalorienangabe darf man allerdings eh nixht zu ernst nehmen. Die diversen Uhren,,die ich ausprobiert habe, wichen teils deutlich voneinander ab. Zudem ist ohne Messung der Herzfrequenz diese Angabe noch ungenauer. Die Frage mit dem Grundumsatz kann ich spontan nicht beantworten, denke aber, dass der inkludiert ist.

  7. Danke für diesen Beitrag.
    Ich bin Leistungssportlerin und benötige auch keine Motivation.
    Für mich ist es dennoch ein tolles kleines Gerät, was mir hilft meinen Kalorienverbrauch zu steuern.
    Allerdings frage ich mich, ob der Loop den Grundbedarf automatisch mitrechnet oder ob das gerät nur den Leistungsumsatz misst?
    Kann mir das jemand beantworten?
    Vielen Dank

  8. Hallo zusammen, ich habe den Loop auch getestet, und ich muss sagen m Gegensatz zu den anderen Trackern auf dem Markt hat er doch einige Nachteile. So ist das Armband umständlich zu kürzen, die Bluetooth Verbindung klappt nicht immer und in der Darstellung der Werte sind andere Anbieter wie Garmin oder Runtastic mit dem Orbit schon weiter. Allerdings hat der Loop auch Vorteile, wie die Mögichkeit einen Pulsgurt zu koppeln und Trainingseinheiten planen zu können. In wie weit man dann aber schon auf einem Sport-Level ist, bei dem sich eine GPS-Uhr lohnt, muss jeder für sich entscheiden. Meinen Test mit einigen Bildern findet ihr hier https://fitnesstracker-vergleich.de/testberichte/polar-loop/

  9. Mhm, nun bin ich verwirrt.
    Wollte mir Loop zum joggen zu legen.
    Und um zusehen, wie viel Kilometer ich an einem Arbeitstag zurücklege.
    Was meinst du? Top oder Flop?

  10. Guten Morgen, also zur Wasserdichtigkeit kann ich natürlich nur sagen, was mir in den Tagen aufgefallen ist, die ich sie beim Schwimmen trug. Keine Probleme. Ein Langzeittest ist das natürlich nicht. Das Flackern: Ja, ist speziell, auch die haptischen Probleme verstehe ich.

    Auch die Frage der Daten – berechtigt. Das muss man wissen und für sich entscheiden.

    Derzeit wäre mir nur kein Modell bekannt, dass das bietet, ohne dass man sich registrieren muss. (Was man ja noch vergleichsweise anonym tun könnte mit etwas Aufwand.)

  11. Eigentlich ist die Loop seit langem die erste Uhr die mir wirklich gefällt. Schlicht, anders, mattes Display, reduzierte Anzeige. Nur ist es aber leider spürbar sekundär eine Uhr. Knopf drücken für die Zeit? Ok. Aber nicht mehrfach. Und schon gar nicht, weil das haptische Konzept nicht ausgereift ist.

    Laut Website muss ich mich bei Polar registrieren um die Loop mit den notwendigen Erstdaten zu versorgen. Damit entfällt die Loop für mich grundsätzlich. Ich lass mich so nicht an den Hersteller binden. Egal, ob ich danach nichts mehr übermitteln muss. Zum anderen ist es ein Fehlkonzept, wenn die App für Mobilgeräte für solche Zwecke keine Standalonelösung bietet (sei es mit Registrierung (nur halt so oder so ohne mich)).

    Auf englischsprachigen Reviews wird die Tauglichkeit zum Schwimmen mit kritischem Unterton bedacht. Damit entfällt sie zumindest für mich. Zudem möchte ich nicht die bahnenschwimmende Lichterkette sein, als dass ich auch im Thermenbecken so nicht auffallen will, nur weil der undurchdachte kapazitive Knopf Wunschkonzert hat. Auch Polar will sich da nicht festlegen und schreibt zur Loop „Wasserdicht“, während es da bei anderen Modellen aus gleichem Hause heißt „Zum Schwimmen geeignet“.

    Die Loop ist ein Lifestylegadget für gesundheitlich orientierte Leute ohne spezifische sportliche Leidenschaft oder Wettkampf. Warum lässt sich kein ins Konzept integrierter Pulsmesser realisieren, sei es auch mit einer ungefähren Messgenauigkeit?

  12. Nachtrag an SchmitzKater – eigentlich braucht das Loop keine Internetverbindung. Es kann via iPhone über Bluetooth ausgelesen werden. Das ging auch mit meinem iPod. Die Akkulaufzeit lag bei mir auch höher.

    Dass man es beim Joggen nicht ablesen kann – stimmt, schwer. Geht, aber mühselig. Nur: Ich selber würde es dabei auch nicht ablesen. Wofür?

  13. Super geschrieben. Dieser Stil nach den eher trockenen Testberichten hat mich dazu bewogen, mir diesen Schweinehunddompteur zuzulegen.
    Danke, das Ding macht Spaß. Auch wenn ich keine i-Produkte nutze…

  14. Erneut sorry fürs verspätete Freischalten. 🙁 Ich muss da eine Lösung finden.

  15. vielen dank für den beitrag! ich habe mir leider auch den polar-loop gekauft und bin echt genervt.

    um es kurz zu machen:
    1. im sonnenlicht kann ich beim besten willen nichts entdecken
    2. akkulaufzeit. nach 2 tagen ist schluss
    3. interner speicher. wenn dieser voll ist, geht nix mehr. darueber hinaus kann man ohne internetverbindung die daten nicht loswerden.
    4. das armband muss zum ablesen eingeschaltet werden. beim joggen absolut nicht praktikabel.

    fazit: iphone in die hand und gut ist

    gruss stefan

  16. vielen dank für den beitrag! ich habe mir leider das polar-loop gekauft und bin echt genervt.

    um es kurz zu machen:
    1. im sonnenlicht kann ich beim besten willen nichts entdecken
    2. akkulaufzeit. nach 2 tagen ist schluss
    3. interner speicher. wenn dieser voll ist, geht nix mehr. darueber hinaus kann man ohne internetverbindung die daten nicht loswerden.
    4. das armband muss zum ablesen eingeschaltet werden. beim joggen absolut nicht praktikabel.

    fazit: iphone in die hand und gut ist

    gruss stefan