Natürlich sage ich nicht Nein. „Morgen um 6:30 am Brandenburger Tor?“. Ja, gerne, sage ich und denke, was für eine Schnapsidee, sich so früh nach einem langen Abendtermin für den nächsten Morgen zum Laufen durch den Tiergarten zu verabreden. Es wurde dann auch beschwerlich, Anfang November, Regen, Kälte und ein leichter Wind. Und dunkel war es eh. „Wir hätten es lassen sollen“, sagt mein Laufpartner, als wir uns dann morgens – nach einigem Hin und Her immerhin erst um 7:00 – am Brandenburger Tor treffen, seine Brille ist schon voll mit Regentropfen, viel sieht er nicht mehr und ich bin alles andere als fit. Den Mut anzurufen, das Ganze abzusagen und sich nocheinmal im Bett umzudrehen hatte natürlich keiner von uns beiden.
Sportler auf Reisen – das ist Alltag und dennoch erfordert es spezielle Motivation, denn die Versuchung, die Bewegung zu lassen, kann groß sein – ich zumindest bin auch mal gerne faul und nehme dankbar Abendtermine und Reisestreß als Ausrede. Aber die Herausforderungen sind nicht weg zu diskutieren: Der normale Rhythmus einer Woche ist durchbrochen, beim Packen für eine Reise, die auch nur eine Nacht dauert, muss man an Schuhe, Laufklamotten, Laufuhr und ggf Pflaster denken. Viel Platz brauchen Laufsachen nicht, aber wer eigentlich Radler ist, der kommt automatisch an seine Grenzen, wenn es darum geht, die freien Stunden der Dienstreise sportlich zu verbringen.
Dennoch gehört es wohl zu den vernünftigsten Dingen, die Geschäftsreisende tun können, sich ein wenig mit Training oder wenigstens konzentrierter Bewegung die Zeit zu vertreiben. Da sind mal zunächst die langweiligen vernünftigen Gründe: Man verzichtet abends eher auf das nächste Glas Wein, wenn man morgens eine Stunde früher raus will zum Laufen. Man geht auch eher früher zu Bett. Es beruhigt die Nerven, die man in Verhandlungen und Präsentationen ganz gut gebrauchen kann.
Für mich ist die Bewegung auf Reisen aber vor allem auch die Chance, Teile einer Stadt oder einer Region zu sehen, die ich sonst nicht sehen könnte. Das mögen die Vororte von Genf während der jährlichen Uhrenmesse sein genau wie die Isarauen in München oder die gut 5 Kilometer an der Seine zwischen Eiffelturm und Notre Dame, auf denen in der spätsommerlichen Abendsonne sich hunderte von Läufern tummeln und die Dimension von Paris einem noch deutlicher vor Augen geführt wird.
Manchmal begünstigt ausgerechnet auch der Jetlag die Aktivitäten. Ich zumindest kann bei Reisen gen USA dort meist morgens kaum länger als bis 4:00 schlafen. Dann kann man in New York auch um 5:00 loslaufen rund um den dann einsamen Central Park und um 7:00 an einem Sonntag früh den Times Square in voller Beleuchtung nur nahezu frei von Menschen bestaunen, wie hier im Bild im Januar 2012.
Und dann gibt es die Regionen, da geht gar nichts. Die Hitze Thailands ist ebenso wenig erquicklich wie der Nieselregen von Berlin im November. Was bleibt ist das Laufband und der kurioseste Ort dieses Jahres, an dem ich mich 30 Minuten auf dem Laufband halten konnte, bevor ich vor Langeweile einzuschlafen drohte, war auf einem Kreuzfahrtschiff – immerhin mit Blick übers Wasser.
Und nur einmal habe ich dieses Jahr gepatzt, die Schuhe dabei, aber weder Energie noch Elan gefunden, mich mit dem Widrigkeiten auseinanderzusetzen, die einen in den Vereinigten Arabischen Emiraten begegnen können, namentlich Hitze und einfach gar keine attraktiven Laufstrecken. Und den Hotelpool zu umkreisen kann dann doch recht zügig langweilig werden.
Und so kam es dann doch zum Abschluss so, wie ich es nicht erwartet hätte: Ich bin froh, morgens um 7:00 daheim zu laufen, denn da ist alles, wie ich es kenne. So gut kenne, dass ich gar ohne Stirnlampe unterwegs sein kann. Dank systematischer Routinen fühlt sich der Schweinehund daheim nämlich gar nicht wohl. Der liebt Reisen.


