Tour der Leiden

Dieses Thema wollte ich eigentlich später angehen, aber kein Ausdauersportler kann an einem Tag wie diesem die Ereignisse ignorieren. Die Radsportlegende Lance Armstrong hat der amerikanischen Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey ein Interview gegeben. Offensichtlich will er Dopingvergehen gestehen. Ob er sich ausgeheult hat, um Mitleid gewinselt oder auf Radau gemacht hat, wird die Öffentlichkeit dann am Donnerstag erfahren. Dann soll der erste von zwei Teilen des Interviews gesendet werden. So viel steht fest: Marketing kann er noch immer.

Was hat das damit zu tun, was Amateure tun? Ich selber habe in meiner Jugend Stunden vorm Fernseher verbracht, um zuzusehen, wie 200 Rennradprofis durch idyllische Bergdörfer und Sonnenblumfeldern heizen, sich Pässe hinaufquälen und bei Sprints fast gegenseitig vom Rad schubsen. Idole. Fahrer, denen man nacheifert, wie albern man auch immer aussieht in seiner Jeans, tief über den Rennlenker mit Sicherheitsbremsgriffen gebeugt. Der Radsport ist seit Anbeginn an begleitet von Doping. Als Indurain fünf mal gewann, hat es wohl nur keiner geschrieben. Meine Bewunderung war intakt.

Dass es den Amateur-Sektor durchdringt, kann sich jeder ausrechnen, vielleicht geht es nie um das große Geld, aber gewinnen will man schon. Oder wenigstens vorne sein in seiner Altersklasse, um den anderen zu zeigen, was man drauf hat. Mein erstes Jedermann-Radrennen bin ich beim ersten Velothon in Berlin gefahren. Gemeldet für die 60 Kilometer als Reporter, der ausprobieren will, worum es geht. Gleichzeitig mein erster Versuch, nach Monaten des Trainings auf kleinem Niveau mich mit Rennatmosphäre zu pushen. Dass richtig gute Fahrer dabei waren schaffte Ehrfurcht, Respekt, der motiviert. Hat nichts genutzt und so strandete ich nach 40 Kilometern mit Platten, wackelnden Knien und wundem Hintern an der S-Bahn und liess mich zum Ziel fahren. Niederlage auf ganzer Linie, selbst zu dumm einen Ersatzschlauch einzupacken, war ich.

Im Ziel interessierte mich dann aber schon, ob der damalige Spitzenfahrer im Feld, der bis heute ohne Dopingnachweis Rennen fährt, auch als erster ins Ziel gekommen sei. Den Radmechaniker, den ich beim Kauf eines Schlauches fragte, sagte „Der hätte auch mit nur einem Bein fahrend gewonnen.“ Ich wollte das nicht recht glauben. Ob es denn nicht sein könne, dass ein ambitionierter Amateur gegen ihn eine Chance gehabt hätte? „Wenn du geschluckt hättest, was der geschluckt hätte, hättste och jewonnen.“ So lapidar, so ernüchternd. Ohne jeden Beweis galt für dieses Mitglied der Radsportgemeinschaft, dass ein guter Fahrer auch gedopt habe.

Vor kurzem druckte das Magazin Spiegel die Geschichte eines Amateur-Mountainbikers dessen Leiche in seiner Wohnung neben zahlreichen leistungsteigernden Präparaten gefunden wurde. Doping im Amateurbereich? Wohl selbstverständlich.

Ich könnte mit Aspirin in ein Rennen gehen, damit geht es los in der Jugend, das Blut wird dünner, das hilft wohl mehr Sauerstoff zu transportieren. Ein erster Schritt. Nur Aspirin. Ist doch harmlos. Ich hätte sicher auch keine Schwierigkeiten, an stärkere Mittel zu kommen, probieren musste ich es nicht, eine Zeit lang hätte ich Zugriff auf EPO gehabt. Und wäre dann vielleicht 623. statt 1034. beim nächsten Jedermannrennen. Keiner hätte kontrolliert. Aber wen würde ich betrügen wollen? Die anderen? Am Ende nur mich. Nie wirklich vorne sein, ist in diesem Falle ein Segen – Doping wäre witzlos. Wer es als Amateur tut, soll es machen, ich würde keine Urkunde haben wollen, von der ich weiß, warum ich sie habe.

Als Radsportfan habe ich längst alle Illusionen aufgegeben und mich enttäuscht abgewendet von dem Spektakel Tour de France. Es wird Jahre dauern, dass nicht lieber selber aufs Rad steige, als eine Etappe der Ehrenkategorie mit Bergankunft anzuschauen.

Schuld sei das System, soll wohl die Quintessenz sein, die uns Radsportler nahelegen. Das System, das Lance Armstrong nun angeblich anklagen will, das es ihm ermöglichte zu betrügen. All die Menschen, die ihm geglaubt haben, die Trikots in den Farben ihrer Vorbilder kauften und vielleicht sich mal selber quälen als sie vorhatten.

Die Ironie und das fast deprimierendste Fazit, das ich aus Armstrongs viel zu spätem Geständnis, wenn es denn eines wird, ziehen kann, ist, dass er bei der ganzen vollgepumpten Truppe von Rijs, Pantani bis Landis und wie sie alle heißen einfach nur der Beste war. Der beste Doper, der beste Teamchef, der beste Antreiber – und am Ende wohl auch der beste Fahrer. Der schnellste und entschlossenste, der vermutlich mehr als jeder andere sich gequält und geschunden hat. Und vermutlich die Tour zurecht gewonnen hat. Und damit den größten Schaden von allen angerichtet hat, denn den begeisterten Hobbysportler ist das größte Idol abhanden gekommen.

 

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