Die Anfälligkeit von Journalisten für kleine Geschenke

Nun ist er weg. Bundespräsident Wulff ist zurückgetreten und ein Nachfolger ist bestimmt. Darüber ist vieles gesagt und noch viel mehr geschrieben worden. Wenig aber ist über diejenigen gesprochen worden, die über die Causa Wulff berichtet – und ja, oft auch gerichtet haben: Die Journalisten. Von Kampagnen war zwar die Rede. Nicht aber davon, dass einige Angehörige der schreibenden Zunft genauso anfällig sind für Geschenke, Luxusreisen und Vergünstigungen wie Politiker.

Und da stellt sich die Frage, wer richtet hier über wen?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist gut, dass Wulff abgetreten ist. Er hat das Amt lächerlich gemacht und zum Ansehensverlust der gesamten politischen Klasse beigetragen.

Aber ganz ähnliche Dinge, wie sie Wulff vorgworfen werden, gehören bei vielen Journalisten zum Alltag.

Und da spreche ich nicht einmal von kostenlosen Recherchereisen, zu denen Redakteure von Unternehmen um die halbe Welt geflogen werden. Manche Redaktionen sind mittlerweile so knapp bei Kasse, dass sie sich ohne solche Angebote überhaupt keine Recherchereisen mehr leisten könnten.

Ich spreche vielmehr von den Abertausenden Presserabatten, die Journalisten bekommen. 25 Prozent bei Air Berlin, 15 Prozent bei Audi, 30 Prozent auf Sonderausstattungen bei VW, Vergünstigungen bei Bahncards, Autovermietungen, Unterhaltungslektronik, Handytarifen und natürlich auch Hotelübernachtungen. Die Liste ließe sich ewig fortsetzen, akribisch zusammengestellt auf speziell dafür eingerichteten Internetseiten.

Laut Zahlen von 2009 haben 74 Prozent der deutschen Journalisten bereits solche Rabatte angenommen.

Wer ständig vergünstigt fliegt, kommt schnell auf einen Vorteil von einigen Tausend Euro pro Jahr.

Warum gibt es überhaupt solche Rabatte? Wieso müssen Journalisten für ihr Auto weniger zahlen als Frisöre oder Manager? Sicher nicht, weil die Unternehmen die Arbeit der Presse unterstützen wollen.

Nun gibt es auch für andere Berufsgruppen Vergünstigungen. Lehrer etwa bekommen Apple-Rechner billiger. Journalisten aber gelten als Multiplikatoren, die später möglicherweise wohlwollend über das Produkt schreiben. Aus meiner Sicht sind die Rabatte daher eine Mischung aus PR, Marketing und Kontaktpflege, ansonsten macht es aus Sicht der Unternehmen wenig Sinn.

Und das bestreitet auch kaum einer: Vier von fünf Journalisten denken, „dass die Unternehmen sich mit Rabatten positive Berichterstattung erkaufen wollen; 12 Prozent würden sogar von Bestechung sprechen“, heißt es in einer lesenswerten Umfrage der Zeitschrift Message. Ach ja und: Rund zwei Drittel der von Message Befragten meinen, „dass ein Journalist, der Rabatte nutzt, weiterhin objektiv berichten kann“.

Erinnern Sie sich noch daran, wie kleinteilig die Debatte wurde, als es um das Mobiltelefon ging, das sich Wulff von einem befreundeten Unternehmer lieh?

Politiker dürfen Vorteile aus der Privatwirtschaft nicht annehmen, weil dann ihre Entscheidungen beeinflusst werden könnten. Müsste das nicht im Prinzip auch für Journalisten gelten? Denken Sie nur daran, wie groß der Aufschrei wäre, wenn Unternehmen auf einmal (offiziell) Rabatte für Politiker anbieten würden.

Über Ärzte und die von Pharmafirmen finanzierten Luxusreisen wurde in den vergangenen Jahren viel diskutiert. Nie über Journalistenreisen deutscher Fachreporter nach Miami, Barcelona oder Dubai, wo Autohersteller mitunter nur das Facelift bekannter Modelle vorstellen. Geflogen wird freilich mindestens Business Class und in der Regel auf Kosten der Autohersteller. Kein Wunder, dass viele Auto-Journalisten längst Senator-Status bei der Lufthansa haben.

Das Tückische daran: Die Veranstaltungen sind mitunter nur für deutsche Reporter. Man hätte sie also auch problemlos in Stuttgart, Dortmund oder München einladen können.

Wenn Ärzte sich nicht zu Präsentationen neuer Schmerzmittel auf Südseeinseln einladen lassen dürfen, weil dann ihre Entscheidungen bei der Medikamentenwahl beeinflusst werden könnten, wie können Journalisten dann nach ihrer Miami-Reise objektiv bleiben?

Auch Geschichten leitender Redakteure großer Blätter, die sich übers verlängerte Wochenende vom hauseigenen Autoredakteur einen Porsche kommen lassen, hört man. Hier verschwimmen im besten Fall nur Grenzen. Im schlimmsten Fall aber entstehen Abhängigkeiten und Gefälligkeiten, die weitere Gefälligkeiten nach sich ziehen.

Oder wie würden Sie das Angebot eines bedeutenden asiatischen Elektronikherstellers einschätzen, der Ihnen anbietet, Sie via Privatjet zum Champions-League-Finale zu fliegen? Kostenlos, versteht sich. Ohne Verpflichtungen. Oder die Einladung eines anderen zum Endspiel der Fußball WM – Fünf-Sterne-Hotel inklusive, auf Nachfrage auch mit Partner.

Eigentlich müssten wir dringend über all das reden. Auch über die Praxis, dass mitunter Uhren-Fachredakteure schlicht die Testgeräte nicht zurückschicken. Keine Frage, Geräte können mal einige Wochen in der Redaktion liegenbleiben. Aber eine Mitarbeiterin einer PR-Agentur, die Uhrenhersteller betreut, erzählte mir, dass Kollegen die kostbaren Uhren mitunter systematisch nicht zurückgeschicken.

Schlimmer noch ist, dass Rezensionsexemplare von Büchern später massenhaft bei Ebay auftauchen oder die Praxis einzelner Unternehmen, Journalisten direkt, individuelle Rabatte einzuräumen, für Autos, Gadgets oder sonstwas.

Wieso darüber kaum gesprochen wird? Weil es so viele betrifft. Die kleine Gefälligkeit hier, der angenehme Rabatt dort und das Upgrade im Hotel. Ich habe Presserabatte auch schon genutzt. Aber davon wird es nicht richtiger.

Wir müssen uns darüber unterhalten, wo die Grenzen verlaufen. Was geht als kleines Geschenk für gute Zusammenarbeit durch? Was ist fragwürdig? Und wo beginnt Korruption?

Und wenn man sie dann nutzen will: Sollte man dann aber einer bestimmten Summe nicht öffentlich machen, welche Vergünstigungen man nutzt, so wie Politiker ihre Nebeneinkünfte offenlegen müssen?

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Alle Kommentare [27]

  1. Bei den Maßstäben wird man wohl differenzieren müssen. Ein Bundespräsident verdient allein schon wegen seiner Singularität und des „Geistes des Amtes“ strengere, die man in dieser Form natürlich nicht an die Gesamtheit der Journalisten anlegen kann.

    Den Begriff „Ethik“ sollte man aber schon mal gehört haben (was ich bei einigen Kollegen allerdings bezweifle) 😉

    Vielleicht genügt es schon, wenn sich ein Journalist fragt, was er selbst ganz privat als Leser/Zuschauer/Zuhörer/Kunde von einem guten Journalisten erwarten würde, welche er besonders schätzt und warum. Das wäre immerhin schon mal ein Anhaltspunkt für die Justierung des eigenen Verhaltens.

  2. Der Beitrag hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich hoffe die Journalisten-Kollegen nehmen Dir das nicht zu übel. Interessant wäre einmal zu erfahren, wie viele Journalisten den so einen Presserabatt nutzen. Ob die Unternehmen wie die Telekom oder Audi so etwas preisgeben?

  3. Der Vergleich ist schon etwas überspitzt. Politiker vertreten im Kleinen und im Großen eine ganze Nation. Selbstverständlich sollten Journalisten objektiv berichterstatten, trotz allem ist es verständlich, dass für ein Staatsoberhaupt andere Maßstäbe gelten, als für Journalisten.
    Was nicht heißt, dass dort kein Handlungsbedarf besteht.

  4. Die Diskussion um die Presserabatte kommt seit langem jedes Jahr einmal hoch – meist im Sommerloch, wenn es nicht viel zu berichten gibt. Sie ist also nicht neu. Ebenso wenig wie der Pressekodex, der das ethische Verhalten von Journalisten beschreibt. Zum Bild gehört auch, dass längst einige Großverlage, darunter Springer, ihren Journalisten die Annahme von Presserabatten verbieten. Und um es noch ein wenig differenzierter zu machen: Es gibt keinen Automobilkonzern, der Journalisten keinen Rabatt gewährt. Auch die Höhe ist mit 15 Prozent bei den meisten die gleiche. Wenn sich eine ganze Branche so verhält, fehlt der Nutzen für das einzelne Unternehmen. Vielleicht geht es weniger um versuchte Bestechung, als vielmehr darum, eine zumindest bei den Angestellten recht gut verdienende Berufsgruppe als Käufer zu gewinnen. Man denke da an die Rabatte, die Beamte etwa bei Versicherungen erhalten. Der Vergleich mit Christian Wulff hinkt nicht zuletzt deshalb, weil Journalisten nicht gewählt werden. Auch die Vorbildfunktion eines Staatsoberhaupts kommt den Berichterstattern nicht zu.

  5. Leider ist Herr Matthes denen auf den Leim gegangen, die es gestört hat, dass es deutsche Medien waren, die die Schwächen in der Amtsführung des Herrn Wulff aufgedeckt haben. Und leider hat Herr Matthes auch übersehen, dass es einige Medien gab, die durchaus Dinge ans Licht gebracht haben, die von Relevanz waren, während andere Medien (in diesem Zusammenhang ist mir der Focus aufgefallen) eher Nickeligkeiten ans Licht gezerrt haben. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier unbedingt etwas gefunden werden musste, um auch „mit dabei zu sein“. Was meine ich damit? Es gab zwei Geschichten, die Wulff wirklich das Genick gebrochen haben. Das erste war sein zweifelhafter Hauskredit, über dessen Zustandekommen er dem niedersächsischen Parlament zumindest nicht die ganze Wahrheit gesagt hat, und das zweite war seine Beziehung zu einem Filmproduzenten, der später Landesbürgschaften bekam. Letzteres führte dazu, dass die Staatsanwaltschaft Hannover Ermittungen gegen Wulff einleitete. Ich kann mir vorstellen, dass ich es mir als Staatsanwalt in Deutschland eher fünfmal überlege, bevor ich einen Antrag auf Aufhebung der Immunität des Staatsoberhauptes stelle. Der Rest war im Wesentlichen Kleinkram, der allein auch nicht gereicht hätte, um Wulff zu stürzen.

    Die Presserabatte für Journalisten haben damit absolut nicht das Geringste zu tun. Außerdem sind sie bei Licht betrachtet oft auch nicht besonders stichhaltig. Beispiel Bahncard: Angestellte Redakteure (und viele Freie) rechnen bei Dienstreisen ihre Fahrtkosten ab. Wenn sie sich von ihrem eigenen Geld eine Bahncard kaufen, dann dürfen sie dennoch die Kosten für das volle Bahnticket veranschlagen. Deshalb bezahlt jeder Verlag, der nicht komplett blöde ist, seinen bahnfahrenden Mitarbeitern die Bahncard. Beispiel Rabatt auf Neuwagen: Presserabatte werden auf den Listenpreis gegeben. Allerdings bezahlt ja wohl niemand heute noch den Listenpreis auf einen Neuwagen. Oder er nimmt eine überhöhte Abwrackprämie für seinen Altwagen mit, oder eine günstige Finanzierung oder Naturalien als Extras. Und dann sehen 15 Prozent auf einen Neuwagen (die erstens viele Hersteller gar nicht geben und den sich zweitens die meisten Journalisten gar nicht leisten können) gar nicht mehr so gravierend aus. Meines Wissens setzt ein Konzern wie Mercedes rund ein Drittel seiner Produktion zu vergünstigten Konditionen ab. Zu den Nutznießern gehören Werksangehörige ebenso wie Journalisten, Großkunden, Autovermieter, Behörden, Taxifahrer und Fahrschulen. Wenn man mal davon ausgeht, dass die meisten Autohersteller Rabatte geben, dann ist der Presserabatt eher eine Verkaufsförderungsmaßnahme als ein Instrument zur Bestechung. Denn wenn sich Journalisten tatsächlich durch Rabatte auf Autos bestechen ließen, dann müsste Fiat in Deutschland eine Super-Presse haben, die haben nämlich den höchsten Rabatt. Auch die ach so tollen Pressereisen sind einer näheren Betrachtung wert. Natürlich mag es für einen Außenstehenden faszinierend bis dubios wirken, wenn ein Redakteur einer Nutzfahrzeug-Zeitschrift von Daimler-Benz zu einer Präsentation der neuen Bau-LKW-Reihe nach Marseille eingeladen wird. Natürlich wohnt der Redakteur dort in einem guten Hotel und er bekommt auch was geschenkt. In meinem Fall war es ein Leatherman und eine Flasche Salatöl mit Kräutern. Nur sind diese Geschenke nur ein schwacher Ausgleich dafür, dass der Redakteur zwei Tage lang seine Familie nicht sieht, seine Hobbys nicht ausüben kann etc. Mercedes baut diese Lkw in Wörth/Süddeutschland. Der Redakteur hätte problemlos mit dem Auto von München nach Wörth fahren können, sich die neuen Lkw im Werk ansehen können und wäre abends wieder zuhause gewesen. Es war die Entscheidung von Mercedes, die Autos in Südfrankreich zu präsentieren.
    Ich bringe dieses Beispiel, weil es auch etwas war, was mich an der Wulff-Berichterstattung gestört hat. Wulff war in München auf dem Filmball. Warum war er da? Weil er solch ein Kinofan ist oder weil es zu seinem Job gehört, sich dort blicken zu lassen? Die Vorstellung, man könne einen Spitzenpolitiker damit korrumpieren, dass man ihn auf solchen Veranstaltungen frei hält, ist grotesk. Vermutlich hätte man in ihm eher einen Freund fürs Leben, wenn man einen Weg finden würde, wie er diese Pflicht absolvieren kann und dennoch abends zuhause mit seiner Frau auf dem Sofa sitzt. Ähnlich ist es in vielen Dingen mit Journalisten. Wir zahlen auf fast keiner Messe Eintritt. Warum sollten wir auch? Die Veranstalter der Messe freuen sich doch, wenn wir kommen und der Welt berichten, was wir dort gesehen haben. Und wir gehen nicht zum Spaß hin, sondern weil wir es nicht vermeiden können.

    Ich würde mir wirklich wünschen, dass die Bundesrepublik die Amtszeit Gauck nutzt, um sich mal darüber klar zu werden, was sie eigentlich von ihrem Bundespräsidenten erwartet – und was sie ihm dafür zur Verfügung stellt. Sie erwartet zum Beispiel selbstverständlich von der First Lady (die für die Funktion, die sie ausübt, weder eine demokratische Legitimation besitzt, noch dafür bezahlt wird), dass sie die BRD adäquat präsentiert. Wenn sie dazu von deutschen Designern Kleider zur Verfügung gestellt bekommt, ist es nicht recht. Wenn sie rumläuft wie ein Proll, ist es auch nicht recht. Man sollte das regeln, wie man das in Zukunft handhabt. Wieso sollte eine First Lady nicht für unsere Textilwirtschaft werben? Und dann diese elenden Dienstwagenaffären. Man frage mal die Besitzer von beliebigen Kfz über 50.000 Euro: 80 Prozent von ihnen fahren einen Geschäftswagen, den sie von der Steuer absetzen. Jeder mittlere Abteilungsleiter bekommt einen Dienstwagen zur privaten Verfügung. Und unser Bundespräsident soll sich einen Ford Ka bei Sixt mieten? Ist doch Schwachsinn. Wenn es nach mir geht, sollen wichtige Staatsbedienstete von Regierungsautos und -Flugzeugen von A nach B gebracht werden, wenn sie dies wünschen – egal aus welchem Grund. Das ist billiger als dieses ganze Herumgekaspere, was um dieses Thema gemacht wird.

    Noch ein letztes Wort zu Presserabatten: Neulich war ich (ich recherchierte für eine Geschichte) auf der Presseseite einer Fluggesellschaft. Was mir dort übel aufgefallen ist, das war die sehr prominente Erwähnung von Pressekonditionen incl. dem Hinweis, dass entsprechende Anfragen nicht an die Presseabteilung zu richten sind. Offenbar besucht ein Großteil der Besucher der Presseseite diese Seite tatsächlich aus diesem Grund. Was mir weiterhin aufgefallen ist: Die in einer TV-Talkshow mit großem Augenrollen verkündeten 50%, die diese Fluggesellschaft auf ihre Flugtickets gewährt, beziehen sich auf den Ticket-Grundpreis. Addiert man Kerosin-Aufschlag, Steuer, etc. noch dazu, bleiben 25% über. Das macht die Sache im Kern nicht besser, taugt aber nicht mehr so gut zum Skandal nach den Tagesthemen.

  6. Natürlich gibt es Journalisten, die sich von Gefälligkeiten einlullen lassen – in welcher Herde gäbe es keine schwarzen Schafe? Deshalb aber pauschal die Vielzahl an Presserabatten anzuprangern, ist blanker Unsinn. Denn dabei handelt es sich in aller Regel um nichts weiter als eine Gruppenvergünstigung, wie sie für alle möglichen Zusammenschlüsse Gleichgesinnter gilt. Beamte bekommen Rabatte, Jäger, Sportler, ja sogar ADAC-Mitglieder. Die Firmen nutzen solche Gruppen und Interessensverbände als praktische und preiswerte Marketing-Plattform. 15 Prozent auf den Listenpreis eines Neuwagens? Die handelt heutzutage jeder halbwegs talentierte Otto Normalverbraucher raus. Bei vielen anderen Presse-Offerten sieht es ähnlich aus. Knackpunkt ist: Der Rabatt bezieht sich stets auf den Listenpreis – aber den zahlt ohnehin kaum jemand. Letzten Endes geben die Hersteller in der Regel lediglich jene Rabatte weiter, die sie ihren Großkunden ohnehin einräumen müssen. Einziger Vorteil: Man kann direkt beim Hersteller bestellen und spart sich die „Schnäppchensuche“ im Internet.

  7. Im Ernst? Wenn ich als Journalist vollkommen legale Rabatte in Anspruch nehme, darf ich also den Rechtsbruch nicht anprangern, der von einem hochrangigen Politiker begangen wurde, der das deutsche Volk repräsentieren soll? Was raucht ihr denn für ein Kraut?

  8. @Alexandra Preiss: Das hat doch hier niemand behauptet, dass ein Journalist das nicht dürfe. Wie kommen Sie denn darauf?

    Es geht nicht um einen (ohnehin nicht vorhandenen) Zusammenhang zwischen der Causa Wulff und Journalistenrabatten, sie dient aber eventuell als Anlass für weitere Diskussionen innerhalb unserer Berufsgruppe.

    @Grebenhof und @Kemper: Falscher Ansatz. Es geht auch nicht darum, welche Vor- und Nachteile ein Journalist tatsächlich von Vergünstigungen, Pressefahrten etc. hat, sondern um die Wahrnehmung und Reputation beim Leser/Zuschauer/Hörer. Schon der Anschein einer Vorteilsnahme kann dieses Verhältnis beschädigen, selbst wenn die Fakten bei näherem Hinsehen das nicht stützen sollten. Aber wer von den Konsumenten sieht schon näher hin?

  9. Albern.

    Erstens stellen sich viele dieser Rabattangebote als „normale“ Werbemaßname heraus. Nur ein Beispiel: Die explizit erwähtnen Airberlin-Sondertarife machen am Ende einen Vorteil aus, der so gering ist, daß er nicht ins Gewicht fällt. Ist fast immer so. Ich frage deswegen gar nicht erst danach.

    Zweitens ist es ein Unterschied, ob jemand Journalist oder Politiker ist. An jemanden, der dem Allgemeinwohl zu dienen vorgibt, werden völlig zu Recht höhere Maßstäbe angelegt, als an normale Bürger – Journalisten eingeschlossen.

  10. Aus dem Pressekodex, Ziffer 15: „Vergünstigungen
    Die Annahme von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar.“
    Ergänzend aus der dazugehörigen Richtlinie: „Journalisten nehmen daher keine Einladungen oder Geschenke an, deren Wert das im gesellschaftlichen Verkehr übliche und im Rahmen der beruflichen Tätigkeit notwendige Maß übersteigt. Die Annahme von Werbeartikeln oder sonstiger geringwertiger Gegenstände ist unbedenklich.“

    … und wie immer können zwar Verbände, Presserat und Co. solche Verhaltensmaßregeln formulieren und vorgeben, deren Umsetzung fällt in die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Aus dem Anschein abzuleiten, dass „alle Journalisten Presserabatte in Anspruch nehmen“, also folglich korrumpierbar sind, ist ein klassischer Pars-pro-Toto-Fehlschluss.
    („Aber wer von den Konsumenten sieht schon näher hin?“ schrieb @Wolfgang Messer. Tja.)

  11. Da wird ein Thema aufgeblasen. Beispiel Rezensionsexemplare, die hier recht unvorteilhaft erwähnt werden. Ich rezensiere seit vielen Jahren für mehrere Medien und kann faktengestützt diese pauschale Kritik nicht nachvollziehen. Natürlich mag es in gewissem Umfange Missbrauch geben, wie übrigens auf allen anderen Feldern auch, sei es z. B. im Steuerrecht oder bei der Missachtung der Straßenverkehrsordnung. Zu den Fakten: 1. Viele Verlage kennzeichnen Rezensionsexemplare ausdrücklich mit entsprechenden Vermerken, mitunter heißt es z. B. „Nicht für den Verkauf bestimmt“. 2. Fast alle Verlage überwachen ihre Rezensenten, indem sie Belegnachweise einfordern und sich ein Bild über die Arbeit des Rezensenten verschaffen. 3. Wer regelmäßig Bücher bespricht, hat schnell ein Platzproblem. Viele Kolleginnen und Kollegen bieten ihre Überbestände sozialen und kulturellen Einrichtungen an. Manchmal werden Rezensionsexemplare auch von Verlag oder Redaktion eingefordert. 4. Ein Rezensent, der so verfährt, wie beschrieben, geht insgesamt das Risiko ein, nicht lange als Rezensent akzeptiert zu werden. Man sollte nicht wegen einiger Ausreißer eine ganze Berufsgruppe diskreditieren, weil es eben bei sehr vordergründiger Betrachtung so schön zum Thema Vorteilsnahme passt, wie übrigens auch weitere Rabatte, die erwähnt werden.

  12. Sehr lustig die Rechtferigungen einiger „Journalisten“..
    zu den angesprochenen AirBerlin Tarifen:
    Der Vorteil liegt in der kostenfreien Umbuchbarkeit der Journalistentickets. Und im Rabatt auf einen Flextarif.. das ist. im Vergleich zu anderen Geschäftsreisenden beachtlich.
    Warum sollten Journalisten andere Rabatte bekommen als andere Kunden dieser Unternehmen?
    Weil die Aufgabe von Journalisten darin besteht über die Dinge zu bereichten? Das kann nicht Ihre Auffasung sein lieber Herr Kemper.
    Andere Menschen besuchen Events auch aus den von Ihnen angeführten Gründen -ohne Rabatte- und ohne Vergünstigungen.
    Das ist also kein Argument und spiegelt nur wieder wie weit Sie von der Lebenswirklichkeit entfernt sind.
    Sie verdienen Ihr Geld mit Berichterstattung, Sie sollen unabhängig bleiben, also sollten Sie auch als ganz gewöhnliche Kunden agieren, Das bedeutet, dass Sie für die Aufwändungen für Ihre Tätigkeit, die Sie im übrigen steuerlich anrechnen dürfen, auch aufkommen.

  13. @Alfred Biel: Da sagen Sie was mit Rezensionsexemplaren. Ob’s da vor allem im Tonträgerbereich wirklich nur wenige Missbrauchsfälle gab, wage ich als ehemaliger Radiomann zu bezweifeln. Mit Promo-Exemplaren wurde auch gerne und oft ein schwunghafter Handel betrieben:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Promo-Tonträger

    Und man munkelt vom einen oder anderen Jazz-Museum, das große Sammlungen aufgekauft hat (nicht geschenkt bekam!), bei denen teils vorher in mühsamer Arbeit die Aufkleber „Promotional copy – not for sale!“ entfernt wurden 😉

  14. @Tom: Wieso schreiben Sie „Journalisten“ in Anführungszeichen. Was genau wollen Sie damit sagen?

    Es muss aber doch begreifbar zu machen sein, dass zwischen einem vom Souverän gewählten Politiker, der aus Steuergeldern finanziert wird und in diesen Sachen einer expliziten Gesetzgebung unterliegt und einem Journalisten, der weder gewählt wurde noch vom Souverän bezahlt wird, ein Unterschied besteht. Ich behaupte, dass diejenigen, die jetzt mit dem Finger auf die Journalisten zeigen und sagen „ihr seid ja selbst korrupt“, in Wirklichkeit nur von der eigentlichen Sache ablenken wollen.

    Noch zwei Anmerkungen: Der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt wurde während eines Urlaubsaufenthaltes in Spanien ihr Dienstwagen gestohlen. Volkes Seele erging sind in Neid und Häme, man wollte ihren Kopf rollen sehen. Wegen des Autos (das nach ein paar Tagen wieder aufgefunden wurde)? Nie im Leben! Man war mit ihrer Politik unzufrieden (Gab es je einen Gesundheitsminister, mit dessen Politik irgendwer zufrieden gewesen wäre?). Im Übrigen ist es völlig in Ordnung, wenn ein Minister seinen Dienstwagen auch während des Urlaubs nutzt, denn schließlich gibt es einen Erlass, wonach ein Minister immer im Dienst ist.

    Eine andere Sache ist eher unschön: In der Diskussion über die Verfehlungen des Herrn Wulff wurde öfters der (in meinen Augen sinnvolle) Vergleich zu den Toleranzgrenzen gezogen, die andere Staatsdiener haben (nämlich mehr oder weniger keine). Das gleiche gibt es bei Journalisten auch. Bild-Chefredakteur Kai Dieckmann schaffte es vor ein paar Jahren, während eines Nordafrika-Aufenthaltes durch unvorsichtige Nutzung der Data-Roaming-Funktion seines Handys eine Rechnung von über 40.000 Euro zu erzeugen. Anschließend soll er Telekom-Chef René Obermann gebeten haben, die Sache für ihn zu „regeln“, was dieser ablehnte. Danach thematisierte Dieckmann das Thema hohe Roaminggebühren in Blogbeiträgen. Vor dem Hintergrund finde ich es albern, sich über einen Rabatt auf die Bahncard aufzuregen. Übrigens: Ich weiß auch nicht, warum die Bahn das macht. Bessere Presse bekommt sie davon auch nicht.

  15. @Frank Kemper: Wie Sie vielleicht gesehen haben, ging es in meinem Beitrag auch nicht ausschließlich um Rabatte, sondern um genau diese kleinen Vorteile, von denen Sie bei den Roamingkosten ebenfalls sprechen. Das sind diese kleinen Gefälligkeiten, die von manchen Kollegen wie selbstverständlich erwartet werden.

  16. Hallo Leute,
    mal auf die Gefahr, dass ich hier einen unpopulären Standpunkt vertrete (den aber wahrscheinlich insgeheim ziemlich viele Kollegen teilen) – ich finde, dass es auf die Verhältnismäßigkeit ankommt. Wenn ich mit meinem zweijährigen Sohn auf Vorlage meines Presseausweises gelegentlich umsonst in den Zoo gehen kann, wenn ich mal vergünstigt eine Ausstellung besuche oder meinetwegen auch ein etwas billigeres Flugticket kaufe, dann mache ich das mit ruhigem Gewissen. Das gehört alles kein bisschen in mein Ressort, hat mit meinem Job also nichts zu tun und tut auch niemandem weh.
    Schlimm finde ich, wenn Journalisten an von Unternehmen gezahlten Pressereisen teilnehmen, weil dadurch tatsächlich ein Druck aufgebaut wird, am Ende eine Gegenleistung in Form eines positiven Artikels abzuliefern. Die Grenze ist allerdings sehr fein. Streng genommen könnte man sich auch darüber aufregen, dass Verlage Journalisten kostenlos Rezensionsexemplare von Büchern anbieten, aber ich habe bis jetzt noch nichts darüber gehört, dass sich Kollegen dann genötigt fühlen, positiv zu rezensieren.

    Ich will damit sagen: Es kommt letztlich darauf an, wie man mit diesen Vergünstigungen umgeht und ob man sich dadurch tatsächlich bestechen lässt oder eben nicht.

    Viele Grüße
    Sara

  17. Ich sehe gerade, dass zum Thema Rezensionexemplare hier auch schon diskutiert wurde. Daher noch ein Nachsatz: Ich rezensiere in meinem Blog gelegentlich Bücher und Filme, die ich wichtig finde bzw. die mir für mein Ressort wichtig erscheinen. Dafür bezahlt mich niemand, und ich würde es schlicht und einfach gar nicht tun, wenn ich die Kosten für die Bücher und DVDs selbst übernehmen müsste. Trotzdem mache ich ziemlich deutlich, wenn mir die Dinge, die ich da rezensiere, nicht gefallen. Und wenn ein Verlag sich je entscheiden sollte, mir deshalb nichts mehr zu schicken, dann soll er das halt machen – wäre aber ziemlich unsportlich, finde ich. Ist bisher auch noch nicht vorgekommen.
    Gruß S.K.

  18. @ Sara Karlsson: Wo ist das Problem? Wenn Sie über die Bücher schreiben ists unkritisch. Ein Problem sehe ich nur, wenn die Bücher anschließend bei Ebay auftauchen. Und das passiert leider.

  19. Die Bahn hat interessanterweise auf die jüngsten Berichte reagiert und lässt ihren Rabatt auf die Bahncard zum 15.4. auslaufen: Begründung ist, er sei nicht mehr zeitgemäß. Man darf gespannt sein, welche Unternehmen nun noch alles ihre Presserabatte überprüfen…

  20. Zwei Anmerkungen
    Weiterverkauf von Rezensionsexemplaren: Was ist denn daran sooooo skandalös? Eine Gefälligkeitsberichterstattung bewirkt es nicht. Schädigt es das Geschäft der Buchverlage? Wohl kaum. Das einzig Skandlöse scheint mir, dass so manch ein Mitarbeiter eines Medienverlags (sei es der Fahrer, sei es der Journalist) den Zusatzverdienst nötig zu haben scheint …

    Presserabatte allgemein: In meinen Augen (ja, ich nutze meinen Presseausweis auch ab und zu, um kostenlos eine Ausstellung zu besuchen, und bisher auch für die vergünstigte Bahncard) waren bzw. sind Presserabatte dazu da, Journalisten die Teilhabe am öffentlichen Leben zu erleichtern. Sie zählen ja im Vergleich zu anderen hochqualifizierten Berufsgruppen nicht gerade zu den Bestbezahlten. Nur wer viel kennt und viel ausprobiert (mehr als der Durchschnittsbürger), kann kundig und ausgewogen berichten!

  21. Als würde sich in einer renditegetriebenen Welt noch jemand für solche ‚Kindereien‘ wie einen Pressecodex interessieren. Gesetze und Regeln sind was für Rechtsspurschleicher.
    Lobbyisten haben Gesetze käuflich gemacht, die Katze ist aus dem Sack und man kann von vorn anfangen.
    Es weiß eigentlich auch jeder (interessierte Mensch), nur scheinbar dominiert noch der tendenziell naive Optimismus.

    Ahh und bevor ichs vergess: Wulff war ne händeschüttelnde Wurst und diese Dauerbeschallung mit dem Thema is komplett Banane.