Die Geburt der Medienunternehmen von Morgen

Neulich habe ich mit dem Chefredakteur eine mittelgroßen regionalen Tageszeitung gestritten. Wir haben uns über die Zukunft der Zeitung unterhalten und er sagte, dass er auch in vielen Jahren noch sehr profitabel bedrucktes Papier verkaufen werde und, dass man mit dem ganzen Online-Geschäft ohnehin kaum etwas verdiene. Wenn es mit Print dann wider Erwarten einmal doch nicht mehr so laufe, dann liege es eher an den Leuten, die die Medienkrise ständig herbeireden würden.

Ich bin gerne größenwahnsinnig. Aber, dass sich eine solche Entwicklung herbeidiskutieren lässt, bezweifle ich dann doch.

From November 3, 2011

Die Kurve bildet die Entwicklung der Medienwerte im Stoxx 600 ab. Doch sie zeigt nicht nur die Entwicklung von Börsenkursen. Sie ist die Gefühlskurve einer ganzen Branche.

Ich habe vor zehn Jahren und elf Monaten begonnen, als Journalist für Zeitungen, Magazine und Internetportale zu arbeiten. In der Zeit habe ich erlebt, wie Mitarbeiter entlassen, Titel eingestellt, Redaktionen zusammengelegt und Hoffnungen begraben wurden.

Vor allem aber wurde immer wieder versichert: Nach der Krise haben wir den Boden erreicht. Dann investieren wir wieder. Es geht aufwärts. Doch nach einer kurzen Erholung kam der nächste Knick (siehe oben).

Viel deutet darauf hin, dass es schon im nächsten Jahr wieder so kommen wird. Die wirtschaftlichen Probleme in Europa sind kein Geheimnis und das wird natürlich auch Deutschland treffen. Sobald aber die Konjunktur hakt, wird es für viele Medienunternehmen eng. Schon heute arbeiten viele nur sehr knapp kostendeckend.

Anderswo ist die Krise sogar schon wieder ausgebrochen:

Die Londoner Times streicht 150 Redakteursstellen.

Trotz Relaunch und neuer Online-Strategie kommt das US-Magazin Newsweek nicht aus der Krise.

Verdacht des Auflagenschwindels beim ohnehin schwindenden Wall Street Journal Europe.

Es wird nicht lange dauern, bis solche Meldungen auch wieder aus Deutschland kommen, bis die Zeiten der Kürzungen und Sozialpläne von Neuem beginnt. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit – der andere sieht weit besser aus: Wenn wir in einigen Jahren auf das Jahr 2011 zurückblicken, werden wir es wahrscheinlich als die Geburtsstunde vieler Medien von Morgen bezeichnen. Dafür gibt es schon jetzt zahlreiche Hinweise:

– Die aus einem Blognetzwerk entstandene Huffington Post hat in Sachen Traffic nicht nur die Website der New York Times überflügelt, sie beginnt gerade eine internationale Expansion und kommt vielleicht schon in den nächsten sechs Monaten nach Deutschland.

– Das ebenfalls profitable Technikblog Techcrunch ebenso.

Das Social-Media-Blog Mashable ist bereits größer als die Washington Post.

– Business Insider, das schnell wachsende US-Wirtschafts-Blog, wurde erst vor wenigen Wochen mit sieben Millionen Dollar finanziert und beschäftigt mittlerweile etwa 60 Mitarbeiter.

– Bei einigen deutschen Tageszeitungen sorgen mitunter einzelne Blogger für etwa 20 Prozent des Traffics.

– Auch das Nutzerverhalten ändert sich rapide:  53 Prozent der Tablet-Nutzer lesen jeden Tag News auf ihrem Gerät, was enorme Chancen für neue Produkte bietet, insbesondere neue Arten der Aggregation, wie die iPad-Programme Flipboard, Pulse und Zite zeigen. Zugleich reduzieren amerikanische iPad-Besitzer den Konsum von Print-Produkten.

Wir werden in Deutschland eine ähnliche Entwicklung sehen, eine Ausdifferenzierung journalistischer Angebote in spezielle Themenbereiche. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu dem Schluss zu kommen, dass Techcrunch und Huffington Post auch in Deutschland funktionieren werden, wenn sie gut gemacht sind.

Ich glaube aber, dass es daneben in fünf Jahren weitere profitable Bigshots unter den deutschen Blogs geben wird. Das größte Potenzial haben die Themen Finanzen und Geldanlage, Star-Gossip, Technik und Social Media, Greentech/Nachhaltigkeit, Wirtschaft allgemein sowie Gesellschaft (eine Lücke die Carta hinterlassen hat).

Diese Blogs werden immer seltener reine One-Man-Shows sein. Sie werden sich immer weiter professionalisieren, auch Journalisten bei traditionellen Medien abwerben und wie kleine Redaktionen funktionieren.

Warum das erfolgsversprechend ist? Weil sie oft etwas leisten, was traditionelle Medien mitunter nicht können: Sie sind sehr schnell, hoch spezialisiert, extrem meinungsstark, stark auf die Leserinteressen fokussiert und oft um einzelne Autoren herum aufgebaut, die als Gesicht für das Angebot stehen.

Und aus diesen einzelnen Angeboten entstehen Netzwerke, die sich dann zu den Medienunternehmen von Morgen entwickeln werden.

Welche das sein werden, ist noch nicht absehbar. Bislang lässt sich allenfalls ahnen, welche Art von Produkten sie anbieten werden. Das bedeutet natürlich nicht das Ende von traditionellen Medienhäusern. Doch die neuen Player sind nicht nur sehr schnell, sondern oft auch finanziell wesentlich effizienter und werden so zu mächtigen Wettbewerbern.

Wie das Spiel auch immer ausgeht: Es sind spannende Zeiten, auf die wir zugehen.

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