„Mehr Humboldt, weniger Projektitis“

Michel Aloui hat das Social Lab in Köln gegründet, das Sozialunternehmer aus dem Bildungssektor vernetzt und fördert. Dreieinhalb Jahre nach dem Start erklärt er, worauf es dabei richtig ankommt und warum Sozialunternehmer sich irgendwann überflüssig machen, wenn sie erfolgreich sind

Herr Aloui, was haben die Sozialunternehmer davon, dass sie im Social Lab Tür an Tür sitzen?
Aloui: Sozialunternehmer starten oft als Einzelkämpfer und stehen am Anfang vor vielen Herausforderungen, die sie noch nie erlebt haben – etwa Fundraising und Pressearbeit. Dabei helfen wir. Außerdem ergeben sich da und dort Synergien: Die Sozialunternehmer hier im Social Lab tauschen sich aus und nutzen die Kontakte der anderen. Und schließlich geben sie einander wichtige Impulse und lernen voneinander. Große neue Trends wie die Problemorientierung werden schnell aufgenommen und umgesetzt.

Die Sozialunternehmer im Social Lab kümmern sich ausschließlich um das Thema Bildung. Warum?
Aloui: Wir sind ursprünglich mit der Idee angetreten, die gesamte Bildungskette zu verbessern – von der frühkindlichen Förderung bis zur nachschulischen. Deswegen gibt es unter dem Dach des Social Lab sowohl ein Projekt, das Grundschülern Bildungspatenschaften vermittelt, als auch eines, das Jugendlichen bei der Berufsorientierung hilft – und alles dazwischen. Unsere Aufgabe ist: Verstehen, was funktioniert und was nicht und daraus die richtigen Konsequenzen ziehen.

WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb 2013


Bewerben Sie sich bis zum 15. Juli und gewinnen Sie Preise im Wert von bis zu 300.000 Euro. Mehr Informationen hier

Wie lauten Ihre wichtigsten Erkenntnisse seit der Gründung des Sociallab vor dreieinhalb Jahren?
Aloui: Wir haben erkennen müssen, dass viele Bildungsprojekte zwar gut gemeint sind, aber im Ergebnis nicht immer vernünftige, nachhaltige Ergebnisse produzieren. Anders gesagt: Sie hören sich oft super an, sind es aber nicht bei genauerem Hinschauen. Sie beschäftigen sich oft nicht mit den Ursachen der Probleme, sondern nur mit den Symptomen, zum Beispiel Mobbing an Schulen. Darüber hinaus wird oftmals nicht eng mit den Verantwortlichen im System Schule, also etwa Schulleiter, Lehrerkollegium und Jugendamt gearbeitet, sondern meist nur mit der Schülerschaft, welche ständig von unten nachwächst.

Wie erklären Sie sich das?
Aloui: Es fehlt an kritischem Feedback. Viele Sozialunternehmer werden gehypt, weil ihre Idee auf den ersten Blick wunderbar erscheint, dann bekommen sie erstklassige Artikel und viele tolle Preise, sie werden Auszeichnungen überschüttet, von Stiftungen gefördert und von der Presse heroisiert. So entstehen Zirkel, die sich selbst verstärken und die Schwächen der Konzepte systematisch ausblenden.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erklären?
Aloui: Da könnte man sehr viele nennen. Angefangen zum Beispiel bei diversen Mentoringprojekte oder auch Nachhilfeansätzen. Das sind Projekte, bei denen z.B. Studenten Schüler coachen oder Leute aus der Wirtschaft Studenten coachen. Viele dieser Projekte wurden so oft ausgezeichnet, dass die Initiatoren davon ausgehen müssen, dass sie sehr gut sind.

Und das sind sie nicht?
Aloui: Manche sind auch gut, allerdings erkennen wir, dass nachhaltig wirksame Projekte drei Ebenen abdecken sollten: Erstens die Arbeit mit den Kindern und Schülern, zweitens die Arbeit in den Schulen, um dort Prozesse & Strukturen zu verbessern und drittens Einwirken auf das schulübergreifende System. Anders gesagt: Wir müssen an die grundlegenden Strukturen ran. Viele der Mentoringprojekte reduzieren sich aber nur auf erste Ebene, also die Arbeit mit den Kindern und Schülern. So bauen sie teure und wenig effiziente Parallelstrukturen auf anstatt das bestehende System zu nutzen oder gar zu verbessern.

Aber gerade Mentoring kann doch schwächeren Schülern helfen…
Aloui: Klar, Mentoring kann grundsätzlich eine gute Idee sein, setzt aber nicht bei den Krankheiten des Systems Schule an, sondern bei den Symptomen dieser Krankheiten. Es hilft Schülern, weil das Schulsystem sehr belastet ist und nur noch durch eine gigantische Nachhilfe- und Mentoringindustrie gestützt wird, was der eigentliche Skandal ist – und sorgt auf diese Weise dafür, dass das Schulsystem so weiterlaufen kann, obwohl es dringend verändert werden müsste. Die notwendige Reform bleibt aus. Nebenbei verstärken solche Projekte vermutlich langfristig die Segregation, indem es schwächeren Schülern Mentoring und Nachhilfe vermittelt – würde das System funktionieren, wäre das doch gar nicht nötig.

Wie gehen Sie mit dem dieser Erkenntnis um?
Aloui: Wir haben unseren Ansatz grundlegend überdacht. Jetzt halten wir gezielt Ausschau nach Projekten, die Probleme systemimmanent lösen, also die Krankheiten des Bildungssystems kurieren und nicht nur die Symptome behandeln. Simone Kriebs aus Herne macht das zum Beispiel.

Was genau macht sie anders?
Aloui: Kriebs verändert das System Schule so, dass es dort weniger Mobbing, Konflikte und Gewalt gibt. Sie arbeitet von Anfang an mit den Verantwortlichen in der Schule, also Schulleitung und Lehrerkollegium. Gemeinsam entwickeln sie dann nach einer Problem- und Ursachenanalyse ein Leitbild, ein Regelwerk mit verbindlichen Konsequenzen usw. Unterm Strich kann dieses Konzept die eingespielte Ordnung verbessern und setzt so direkt bei den Ursachen von Mobbing und Gewalt an. Die Haltung der Lehrer ändert sich, die Schüler spüren das, Gewalt und Mobbing lassen abrupt nach.

Wie helfen Sie mit dem Sociallab einer Sozialunternehmerin wie Simone Kriebs?
Aloui: Das Modell von Kriebs hat sich bewährt, der Proof-Of-Concept ist erbracht, der Prototyp funktioniert – jetzt muss sie den Roll-Out hinkriegen. Und da kommen wir ins Spiel: Wir helfen ihr mit Kontakten in die Schulen und zu den Ämtern und arbeiten an einer Finanzierung, damit sie ihren Ansatz großflächig in Köln umsetzen kann.

Wie helfen Sie den Sozialunternehmern konkret dabei, das nötige Wachstumskapital für den Roll-Out einzusammeln?
Aloui: Über uns können Sozialunternehmer Kontakt zu Geldgebern knüpfen. Die HIT Stiftung z.B. fördert neben Simone Kriebs auch das Projekt Apeiros, das ebenfalls ein gutes Beispiel dafür ist, wie man das System Schule verbessern kann, um Schulverweigerung frühzeitig zu verhindern, anstatt sich nur um die individuelle Betreuung zu kümmern.

Wie funktioniert Apeiros?
Aloui: Apeiros verzahnt Schulen und Jugendhilfe, optimiert deren Prozesse. Apeiros installiert an den Schulen ein konsequentes Fehlzeitenmanagement und schult darüber hinaus die Lehrer darin, dieses auch umzusetzen. Durch diese Maßnahmen wird die Schule langfristig dazu befähigt, den Präventionsansatz eigenhändig umzusetzen. Zusätzlich wird das Zusammenspiel von Lehrern, Schülern, Familien und Ämtern neu geordnet. Apeiros agiert also quasi systemimmanent und baut keine Parallelstrukturen auf, benötigt deswegen kaum zusätzliche Ressourcen.

Was passiert mit dem Projekt, wenn das Konzept aufgeht?
Aloui: Im besten Fall macht es sich überflüssig, sobald die Systemschwächen korrigiert sind. Auch das ist etwas, das viele Sozialunternehmer nicht erkennen: Der beste Beweis dafür, dass ihr Projekt funktioniert, ist, dass es nicht mehr gebraucht wird. Davon sind viele Projekte allerdings noch weit entfernt.

Das alles klingt nach einem erfolgreichen, aber auch mühevollen Suchprozess, der im Sociallab stattfindet. Was treibt Sie persönlich an, sich so für ein besseres Bildungssystem zu engagieren und gute Projekte zu erkennen und zu fördern?
Aloui: Uns treibt der Gedanke an, dass es in Zukunft mehr Projekte braucht, die ursachen- und problemorientiert arbeiten und die wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Das heißt, Projekte zu implementieren, die sich zum Ziel setzen, sich selbst überflüssig zu machen und dennoch eine große systemische Hebelwirkung erzielen, also die schon bestehenden Akteure wie Lehrer, Schulen und Ämter in einen neuen wirksamen Zusammenhang bringen, ohne neue Strukturen zu bilden. Wir brauchen mehr Humboldt und weniger angebotsorientierte Projektitis. Aus diesem Grund werden wir in Köln Apeiros, Simone Kriebs und Community Organizing verbinden und dadurch einen nachhaltigen systemischen Ansatz großflächig umsetzen.

Herr Aloui, besten Dank für das Gespräch.


Mehr von mir auf Twitter, Xing und Google Plus.

Kategorie: Allgemein | Tags: , , , , , , ,

Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*